Albert Ehrenstein: Georg Trakl ⴕ
Albert Ehrenstein : Georg Trakl ⴕ (1914)
„Am Abend versinkt ein Glockenspiel, das nicht mehr tönt,
Verfallen die schwarzen Mauern am Platz,
Ruft der tote Soldat zum Gebet.
O, ihr zerbrochenen Augen in schwarzen Mündern…“
(Georg Trakl im Helian.)
Er starb in diesen Tagen in Krakau, starb um Galizien, starb für uns, nahm das Leid auf sich, bis er es nicht mehr ertrug und dahinschwand. Sein Leben war stets umschattet, sanfte Melancholie vor dem Tod, den er immer sah, ein Hintaumeln vor der Verwesung, die er immer fühlte. Hie und da freute ihn noch das Blau des Himmels und der Gewässer, das Braun des Waldes, dann floh er wieder in die Betäubung, die ihm Wein, Veronal, Morphium schufen. Als Angehöriger der Sanitätstruppe, als Leutnant bei der Medikamentenverwaltung zog er fröhlich in den Krieg, den er als Befreiung empfand. Sie wurde ihm anders… Der stärkste Eindruck seines friedlichen Lebens war es gewesen, als er einmal vom vierten Stocke eines Hauses einen Zigarettenstummel abwärts fallenund dann glimmen, Hinglimmen, verglimmen sah, übergehen in ein Nichts, in graue Asche. Und stundenlang konnte er von dem gräßlichen Anblick sprechen, den ihm eine Kröte bereitete, die irgendwo in der Nähe eines Tunnels gehockt. Nun kam er nach Galizien, sah wie ein Schwerverwundeter sich und der Qual eines Blasenschusses ein Ende setzte, sah, wie menschliches Hirn die Wände bespritzte. Sein Mitgefühl entrückte ihn, wie er es in seinem herrlichsten Gedichte, im Helian prophezeit hatte: „verliert sich der Fremdling in schwarzer Novemberzerstörung.“ Die Umnachtung nahm ihn hinweg, er starb im siebenundzwanzigsten Jahre seines Lebens, am 5. November in Krakau.
Er war von Hölderlins Art, aber er durchlief rascher die Bahn. Wir sollen nicht klagen, „wenn ein eherner Engel im Hain, den Menschen antritt“. Er war der Vollendung nahe in den schmerzlichen Rufen seiner Gedichte. In ein Stammbuch schrieb er: „Schaudernd unter herbstlichen Sternen neigt sich jährlich tiefer das Haupt“. Wir wenigen, denen er teuer war, hofften wenigstens dieses — aber sein schlichtes, früh von hinfälligem Silbergrau geätztes Haupt wird sich nicht mehr in unserer Mitte tiefer senken, er ließ uns allein. „O wie infam endet der Abendwind.“
In seinen (bei Kurt Wolff erschienenen) „Gedichten“ schritt er rasch fort von aller „fortgeschrittenen“ Lyrik bis zu einer Synthese von Friedrich Hölderlin und Else Lasker-Schüler. Seine besten neuen Gedichte sollten erscheinen — da erschien der Krieg. Einen anderen Sänger der Verwesung, Georg Heym, enttrug das Schicksal lang vor dem Krieg. Georg Trakl wäre vielleicht ein stillerer Sänger des Kampfes geworden. Nun ist er ganz still geworden. In Salzburg geboren, in Krakau gestorben — dazwischen liegt das alte Österreich. Einige in Wien und Innsbruck und Berlin kannten ihn. Wenige wissen, wer er war; wenige wissen um sein Werk: daß keiner in Österreich je schönere Verse schrieb als Georg Trakl.

