Karl Grunne: Film und Literatur

Karl Grunne: Film und Literatur (1923)

Regisseur der Sternfilmgesellschaft (Berlin)

Die Hauptsünde des Films heißt: Jugend! Eine jimge Kimstform und eine junge Industrie — da können Entgleisungen nicht ausbleiben. Wer aber auf die Anfänge des Kinodramas zurückblickt, wird freudig erkennen, daß die Entwicklung der letzten Jahre im Sturmschritt aufwärts führte. Aus der Verneinung ernsthafter Kritiker erwuchs in den begabteren, ehrlicheren Filmproduzenten der Wille zur Bejahung ernsthafterer Werte. Kritik, Kritik, Kritik — sie ist das Salz aus dem täglichen Brot der Filmproduzenten. Und wer da fürchtet, die Kritik könne sein Geschäft stören, ist nicht berufen, für die weite Öffentlichkeit zu schaffen.

Jede Stellungnahme zum Kinodrama erfordert als erstes eine Kunst: die Kunst des Sehenkönnens — wenn je, so kommt hier Kunst von Können — und es ist er­staunlich, wie ausgezeichnet mancher liest, dem für das Sehen jede Begabung fehlt. Man könnte ihnen mit dem Wurzelsepp zurufen: „Oes kommt’s doch net blind auf d‘ Welt wie die jungen Hund“ — aber sehert werd’s doch euer Lebtag net!…“ Das gilt im besonderen für die Irrenden, die in einem Theaterstück plötzlich einen Film zu sehen glauben, munter an die Arbeit gehen und zuletzt erkennen, daß die ganze Bilderreihe nur verständlich wird, wenn man hundert Titel dazwischenklebt. Aber ein Film mit hundert Titeln ist schon seinem eigensten Wesen entgegengesetzt, er ist nicht mehr Film, sondern photographiertes Theater, Abklatsch eines Romans, epische Lichtbilderei, statt konzentrierte Bewegungsreihe, die vom Rhythmus einer bestimmten Handlung bewirkt, einzig und allein Film ist. Photographierte Literatur wird immer ein Filmdrama ergeben, das auf Krücken geht.

Läßt sich denn aus einer Marmorstatue ein Theater­stück machen?! Wohl aber kann das eine die Anregung für das andere sein. Vor dem Bild der Mona Lisa wird ein Dichter die Inspiration für einen Mona Lisa-Roman empfangen können. Aber wenn er ein Dichter ist, dann braucht er seinen Lesern nicht auf jeder fünften Seite eine Reproduktion des Mona Lisa-Bildes zu zeigen. So kann ein Drama, ein Epos den Filmschöpfer anregen, ihm das Grundmotiv der Handlung geben — mehr aber darf er nicht aufnehmen, auch wenn es noch so verlockend gegeben wird. Es heißt, sich frei machen vom andersgearteten Vorbild, es heißt, das Motiv auf die spezifischen Gesetze des Films übertragen. Sonst kommt der Tag von Damaskus, den jeder Filmregisseur kennt, der Tag, wo die Bilderreihe zu­sammengesetzt wird und man mit Schrecken erkennt, daß nur mit einer großen Anleihe dieser ganze Bilderstaat zu halten ist — mit einer Anleihe bei dem Wortschatz des Dichters, aus welcher Anleihe sich (nach langen Verhand­lungen mit allen möglichen Instanzen) ein paar Dutzend Zwischentitel ergeben. Und der Film will doch eine stumme Kunst sein!

Handlung! Es wird allzu pathetisch von ihr ge­sprochen, sie wird als das Um und Auf hingestellt. Indessen kann sie wohl, muß aber nicht Voraussetzung sein. Ich gehe den umgekehrten Weg — ich sehe zuerst Milieu und komme dann zum dramatischen Motiv. Von meinem letzten Film Die Straße sah ich — jawohl, sah ich! — zuerst nur den optischen Lärm einer Weltstadtstraße, ihr Gleißen, Glitzern, ihr Fieber. Dann erst erschien in meiner Vorstellung der kleine Bankclerk, dem diese Straße Schicksal wird. Sieben (entbehrliche) Titel stützen dieses Bilddrama. Mehr braucht es nicht, weil es aus der organischen Fort­setzung eines Bildes entstanden war.

Das wäre aber nicht möglich gewesen, wenn der Film „nach einem Theaterstück“ entstanden wäre. In jedem Betracht heißt die größte Gefahr des Filmdramas: Literatur! An Beispielen ist kein Mangel. Wir sollten unseren Dichtern, Literaten Mut machen und ihnen immer wieder sagen, daß ihr bestes Werk der schlechteste Film werden kann, und sollten  ihnen weiter sagen, daß aus dem schlechtesten, technisch unvollkommensten Manuskript, sofern ihm eine dichterische Idee innewohnt, ein geschmackvoller Regisseur mit Talent und Stilvermögen den besten Film machen kann. Auch die Pantomime, die so oft in Wechselbeziehung gebracht wird, ist kein Vorbild. Vorbild ist allein ist das lebende Bild. Von ihm muß der Autor ausgehen, er muß in Bildern denken können und nicht in Worten.

Der weitere Aufstieg des Filmdramas liegt sicherlich nicht zuletzt bei dem Dichter; die technische Entwicklung des Kinodramas ist ihm weit vorausgeeilt. Man hat die Er­findung der Kinematographie als „die größte Tat seit der Entdeckung Amerika“ gefeiert. Wir alle wissen, daß in der Kinematographie noch viel zu entdecken bleibt und noch viel fruchtbares Neuland zu entdecken ist.

In: Neue Freie Presse, 21.9.1923, S. 13.