Jacques Hannak: Fußball – ein proletarischer Sport?
J[acques] Hannak: Fußball – ein proletarischer Sport? (1925)
Schon daß eine solche Frage gestellt werden kann, heißt, sie gut zur Hälfte verneinen. Jedenfalls darf es sich die Arbeiter-ZeitungGegr. 1889, verboten 1934, illegal 1934-1938, 1938 verboten, neugegr. 1945, eingestellt 1991 Aus: Arbeiter-Zeitung, 12.... zum hohen Verdienst anrechnen, daß sie mitten in einem Meer seelenloser Sportfexerei zu geistiger Selbstbesinnung aufgerufen hat. Ihre Stimme war imstande, den tosenden Lärm ungezählter Blattseiten der bürgerlichen Sportfachpresse zu übertönen. Die Diskussion über die Frage, ob Fußball überhaupt noch als proletarischer Sport angesehen werden kann, ist in Gang gekommen, und die Häufigkeit und Gründlichkeit der Erörterung beweist, wie ernst es die Arbeiterschaft mit einem Problem nimmt, das ihre Klassenkampffähigkeit empfindlich zu tangieren begonnen hat. Wie immer darum die Diskussion ausgehen wird, die bloße Tatsache, daß sie geführt wird, ist für sich allein schon eine Tat. Der Fußballsport wird aus der Debatte nicht mehr so herauskommen, wie er in sie hineingegangen ist: er wird künftig mit dem geschärften Auge des sozialkritischen Skeptizismus betrachtet werden, und die Tage, wo, er das bequeme Mittel der Einduselung und Alkoholisierung breiter Massen war, sind jetzt wohl gezählt.
Gewiß ist das Reinigungsverfahren ein nur langsam fortschreitender Prozeß, doch nichts spricht dagegen, daß es nicht am Ende doch gelinge. Denn sogar diejenigen von uns, die den Fußballsport der Arbeiterbewegung erhalten wollen, sind sich einig in der Erkenntnis der Notwendigkeit und Möglichkeit eines Reinigungsverfahrens. Streitig bleibt nur das Substrat dessen, was gereinigt werden soll, die Grenze, wo der Schmutz aufhört und die Reinheit beginnt, mit einem Wort die Frage, ob bei dem Reinigungsprozeß nicht so edle Partien des zu Reinigenden mit zum Teufel gehen, daß zu guter Letzt überhaupt nichts übrig bleibt. Das ist jedoch ganz bestimmt eine Frage sekundärer Natur. Denn selbst überzeugte Fußballanhänger werden, soweit sie Parteigenossen sind, keine Bedenken tragen, ihren Lieblingssport unter Umständen auch vollständig zu opfern, sofern sie die Überzeugung gewinnen, daß der Reinigungsprozeß nur dann eine Mehrung der Klassenmoral erzielen kann, wenn die ganze Fußballerei daran glauben muß.
Untersuchen wir also zunächst, was am Fußballsport Entartung und was an ihm echt ist. Es ist nicht neu, was wir hier sagen, sondern oft und oft schon bei früheren Gelegenheiten gesagt und geschrieben worden. Der gesunde Kern des Fußballsports liegt in der Idee solidarischen Zusam[m]enwirkens. Die zweimal elf Leute auf dem Fußballfeld bilden je eine organische Einheit, die sich nur behaupten kann durch harmonisches Füreinanderarbeiten der Gesamtheit. Der Gedanke der Selbstzwecksetzung des Individuums ist hier zum erstenmal abgelöst von dem Gedanken der Zwecksetzung eines dritten, Höheren, des Mutualismus, des wechselseitigen Füreinanderstehens, der Solidarverknüpfung. Ferner ist auch das richtig und erst kürzlich (1. Jänner) hier zugegeben worden, daß der seelische Genuß, den die der Idee des Fußballsports zugrundeliegende Bändigung und Regulierung des atavistischen Kampftriebes im Menschen verursacht, zu einer Quelle größter Anziehungskraft auf die Massen wird. Die Tatsache der großen Popularität des Fußballsports unter der jungen proletarischen Generation ist also unbestreitbar.
Aber ebenso unbestreitbar ist die schwere Versuchung des Sports durch seine — natürlich nicht zu vermeidende — Eingegliedertheit im System der kapitalistischen Kategorien. Diese Verknüpfung von Fußballsport und Geschäft, von Romantik und Profitspekulation zersetzt die Elemente des Fußballsports: Die Idee der Solidarität schlägt in ihr Gegenteil um, in ein rohes Rivalisieren um mehr geldliche Siegesprämien, der gebändigte und regulierte Kampftrieb wirft die Fesseln der Regel ab und schweift frei in elementarer Wildheit, schont nicht mehr des Gegners Knochen und verwüstet Hirn und Herz der Zuschauermassen. Das Wesen des Sports ist mit dem Wesen des Kapitalismus unvereinbar.
Wo darum, ein Sportzweig von der Kapitalssphäre überwältigt wird, ist alles zusammen ein einziger großer Fieberherd, und jedermann, der hier noch etwas Sportliches retten zu können glaubt, auch theoretisch absolut im Irrtum. Der Fußballsport, wie er heute im Lager des bürgerlichen Fußballverbandes betrieben wird, hat eben aufgehört, Sport zu sein. Und selbst der Umstand, daß sich Massen von jungen Proletariern um dieses Schauspiel gruppieren, macht den Fußball ebensowenig zu einem proletarischen Sport wie in Spanien die Stierkämpfe, die ja auch große Scharen proletarischer Zuschauer anlocken, ohne daß es uns darob einfallen wird, eine theoretische Rechtfertigung dafür zu suchen. Oder eine Angelegenheit wie das Kino: wird jemand behaupten wollen, daß, weil das Kino das Theater der Proletarier sei, es deswegen ein proletarisches Theater, eine proletarische Institution sei?
Der Genosse Trebitsch ist also sicherlich auf dem Holzweg, wenn er (Arbeiter-Zeitung vom 4. d.) einem so entarteten kapitalistischen Phänomen, wie dem heutigen Fußballsport, das Mäntelchen einer, soziologisch fundierten, proletarischen Rechtfertigungstheorie umhängen will. Es kann etwas von Proletariern ausgeübt werden und dennoch ungesund und schädlich sein. Die Alkoholleidenschaft ist eine traurige Leidenschaft zahlloser Arbeiter, aber deswegen doch nicht etwa eine proletarische Leidenschaft, höchstens ein proletarisches Problem. So mag denn auch Fußball heute ein Sport von vielen Arbeitern sein, ob er aber darum auch ein Arbeitersport ist, ist damit noch nicht entschieden, sondern im Gegenteil zunächst noch ein sehr kompliziertes Problem.
Die Kompliziertheit des Problems beruht eben darin, worin der Genosse Trebitsch am schwersten irrt, nämlich in seiner Einschätzung der Chance, die Klassenmoral von außen her beeinflussen zu können. Hier hat Trebitsch nicht nur theoretisch falsch gedacht, sondern er beeinträchtigt damit auch die mühselige Praxis der im schwersten Kreuzfeuer bürgerlicher Angriffe stehenden sportlichen Erziehungstätigkeit unserer verantwortlichen Sportfunktionäre. Klassenmoral „predigen“ läßt sich gewiß nicht, wenn man sie nicht schon hat. Aber wenn das, was ich durch die „Predigt“ von außen neu herbeischaffe, auf ein empfangsbereites Gemüt trifft, für das die „Predigt“ nur das Bewußtmachen seiner selbst wird, so darf man einer solchen Klassenmoral schon vertrauen. Es wäre traurig um die Arbeiterbewegung bestellt, wenn sie nur alles Seiende begreifen und nichts von selbst neu gestalten sollte.
Der Prozeß des Sieges der Klassenmoral über die Triebkraft einer ihrer Fesseln entlaufenen Leidenschaft ist natürlich, wie gesagt, ein langsamer Prozeß, aber eine sehr dankbare sozialpädagogische Aufgabe, an der praktisch teilzunehmen man den Theoretiker Trebitsch freundschaftlichst einladen sollte. Erst mit diesem Prozeß kommt der wirkliche Prozeß des sozialen Sports zur Entfaltung. Der einzelne beginnt zu lernen, seinen Sport nicht mehr bloß als einzelner auszuüben, sondern sich auch im Sport als ein Glied seiner Klasse zu fühlen, als solidarisch mit all den andren Menschen, die unter dem Gesetz der kapitalistischen Ausbeutung leiden. So bildet diese Sportauffassung eine ganz neue Kultur, einen neuen Menschenschlag, ein neues Solidaritätsbewußtsein aus und nur, indem der Sport nicht nur als eine reintechnische Spielregel, sondern als ein Förderer und Regulator des Zusammengehörigkeitsgefühls vom einzelnen Sportausübenden erlebt wird, nur insoweit und nur dann läßt sich vom Sport als einem wahren Kulturfaktor sprechen.

