Irene Harand: Das echte Gesicht des Antisemitismus

Irene Harand: Das echte Gesicht des Antisemitismus (1933)

In der Schlußversammlung der Führertagung der katholischen Aktion in Österreich erstattete Univ.-Prof. Pater Dr. Wil­helm Schmidt das Referat über die Judenfrage, wobei er erklärte, daß man in Österreich „um die Regelung der Judenfrage nicht herumkommen kann, da sonst die Gefahr bestehe, daß sie später in gewaltsamer Weise gelöst werde, die weder dem österreichischen noch dem jüdischen Volke nützlich ist“. Dr. Schmidt begrüßte die Initiative des Dr. Czermak, dessen Ansicht nach auch auf der anderen Seite die Erkenntnis wachsen müsse, daß Zustände, wie sie bisher herr­schen, nicht bleiben können. „Die Vormacht der Juden“, führte Dr. Schmidt aus, „kann nicht länger angehen. Das übermäßige Eindringen der Juden in den Lehr-, Arzt- und Advokatenberuf ist untragbar, weil unsere jungen Leute Brot brauchen. Die österreichische Jugend, selbst arbeitslos und oft willens, einen eigenen Hausstand zu gründen, findet viele Berufe in unverhältnismäßig hohem Maße von Juden be­setzt und sieht das radikale Beispiel des Dritten Reiches in der Behandlung der Judenfrage vor Augen. Der jüdische Einfluß auf Kino, Theater und Presse ist im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerungszahl übermäßig.“

Ich glaube, daß Herr Dr. Schmidt den Juden keinen besseren Dienst er­weisen konnte, als durch diese offene Sprache. Es geht also wirk­lich nur um eine Magenfrage! Durch die grenzenlose Un­fähigkeit unserer Politiker, aber auch der  Staatsmänner der ganzen Welt, ist die Menschheit an den Rand des Abgrundes gebracht worden. Trotz der ungeheueren Fruchtbarkeit der Erde, trotz der märchenhaften Vervollkommnung der Technik und der dadurch bedingten Vermehrung der Lebensmittel und Bedarfsgegen­stände gibt es Hunderte Millionen von Menschen, die hungern und Not leiden. Es gibt Dutzende Millionen von jungen Menschen, die gerne ar­beiten würden, um ihren Unterhalt zu bestreiten. Diese Menschen finden aber keine Beschäftigung, sie fallen ihren Eltern zur Last, und wenn sie keine Stütze haben, gehen sie bet­teln oder werden zu Verbre­chern. Es gibt Zehntausende von Akademikern, die sich keine Existenz und keinen Hausstand gründen kön­nen. Diese für die Menschheit beschämenden Tatsachen habe ich wieder­holt in Versammlungen und in meinem Blatte angeprangert.

Wie will nun Herr Dr. Schmidt und wie wollen die Anti­semiten überhaupt Abhilfe schaffen? Ihr Rezept ist einfach: Sie greifen eine Gruppe von Menschen, die heute noch arbeiten können oder eine wenn auch noch so kümmerliche Existenz haben, heraus, sie wollen diese Menschen aus dem Produktionsprozeß und aus dem Arbeitsprozeß ausschalten und so sie und ihre Familien dem Hunger, dem Elend preisgeben und zu Parias der Gesellschaft machen. Wer soll aber vom Arbeitsplatz entfernt und an wessen Stelle sollen die Arbeitslosen gesetzt werden? Nun, das ist doch eine sehr leichte Sache. Wer ist in diesem Staate wehrlos und schwach? Wer ist der Prügelknabe der Menschheit seit zweitausend Jahren? Wen kann man der Masse als Freibeute hinwerfen, wenn man in Verlegenheit ist? Wer kann zum Opfer der bösesten In­stinkte gemacht werden? Der Jude. Zu diesem probaten Mittel hat man zu unserer Schande noch immer seine Zuflucht genommen — warum soll es heute anders sein? Wozu sollen die Herren Politiker und Volkswirte darüber nachdenken, wie man die Produktion steigert und den Ab­satz erhöht, ohne die Privatwirtschaft aufzuheben? Es ist doch bedeutend bequemer, eine bestimmte Menschengruppe brutal zu entrechten, sie brotlos zu machen und auf diese Weise leere Plätze für andere Menschengruppen schaffen, deren Anhänger­schaft politisch für unsere Staatsmänner von Wichtigkeit ist.

Die österreichische Ju­gend will einen eigenen Hausstand gründen. Deshalb müssen jüdische Ärzte und Rechtsanwälte ihren Beruf aufgeben, ihre Frauen und Kinder müssen hungern und sie selbst den Wunderstab ergreifen! Ist das die Nächstenliebe, die unser Heiland gepredigt hat? Ist es nicht erschüt­ternd, daß solche Gedankengänge im Namen der ka­tholischen Religion und zu einer Zeit öffentlich geäußert werden, da im Deut­schen Reich unseren katholi­schen Glaubensgenossen so bitteres Unrecht geschieht? Wo sollen wir den moralischen Mut hernehmen, gegen die Bestialitäten aufzu­treten, die in Deutschland gegen die Katholiken be­gangen werden, wenn wir uns unseren jüdischen Mit­bürgern gegenüber so deut­lich, so offenkundig ins Unrecht setzen?

Soll ich noch einmal erklären, warum gewisse Berufe in so unverhältnismäßig hohem Maße von Juden besetz: sind? Der Jude konnte sich nicht der Landwirtschaft widmen, weil man die Bauern auf dem flachen Lande seit Jahrzehnten gegen die Juden durch alle möglichen Lügen und Verleumdungen aufgehetzt hat. Man hat den Juden die Ansiedlung auf dem Lande erschwert. Man läßt es nicht zu, daß ein Jude Grundstücke auf dem Lande erwirbt und den Bauernberuf ergreift. Man hat den Juden die Möglichkeit genommen, in den Staatsdienst zu treten. Selbst als Arbeiter oder als Handwerker kann der Jude nicht leicht fortkommen, weil die antisemitischen Vorurteile seiner Arbeitsgenossen ihm die Existenzmöglichkeit er­schweren. Notgedrungen mußte also jeder jüdische Student nach Beendigung seiner Stu­dien den Ärzteberuf oder den Advokatenberuf ergreifen.

Der jüdische Einfluß auf Kino, Theater und Presse ist, sagen wir es offen, eine Folge der Begabung und keineswegs der Be­vorzugung. Jüdische Gelehrte müssen schon wirkliche Genies sein, damit sie sich durchsetzen. Und wenn ein Jude Universitätsprofessor in Österreich wird, so muß er schon Weltruf ge­nießen. Und wie oft hat man sich mit kindischer Hartnäckigkeit geweigert, Männern von  internationalem Rufe die Lehrkanzel zu übertragen, nur weil sie jüdischer Abstammung waren? Beim Theater und beim Kino findet jeder Platz, der Talent hat.

Oder hätte man einen Sonnen­thal im Burgtheater, eine Selma Kurz in der Oper nicht wirken lassen sollen, weil sie Juden waren? Hat sich Hans Moser, hat sich Elisa­beth Bergner, hat sich Kortner, hat sich Schmid, hat sich Franziska Gaal oder Richard Tauber, haben sich alle diese Menschen vor­gedrängt oder sind sie durch ihre Talente und Fähigkeiten an die Oberfläche gekommen? Hat sich je ein Jude einem christlichen Künstler in den Weg gestellt, hat er ihn gehindert, Karriere zu machen? Wer hat den Slezak, wer hat die Lotte Lehmann, den Girardi, den Pic­caver, die Jeritza, den Edthofer, den Bassermann, den Jannings, die Niese und die vielen, vielen gehindert, die höchsten Stufen der künstlerischen Laufbahn zu erklimmen?

Es ist direkt ekelerregend, jedesmal von dem „jüdischen Einfluß auf Kino, Theater und Presse“ zu hören, wenn man weiß, daß es sich hier nur um hohle Phrasen und um nichtssagende, oft widerlegte Gemeinplätze handelt. Man sage brutal heraus: Die Herren Politiker sind mit ihrem Latein zu Ende. Wenn einige Menschen nach einem Schiffbruch ziellos auf dem Meer in einem Boote herumschwimmen und dem Verhungern nahe sind, so schlachten sie in ihrer Verzweiflung einen Schicksalsgenossen, damit sie noch einige Tage durch­halten können. Gewöhnlich wählt man für diesen Hottentottenschmaus den Wehrlosen, den Schwachen. Während aber in letzterem Falle der Notstand als Entschuldigung gilt, handelt es sich bei der Abschlachtung der Juden um einen Akt der Roheit und der Bequemlichkeit, zu dem uns keineswegs der Not­stand zwingt. Man fürchtet, daß unsere Jünglinge die deutschen Intellektuellen beneiden werden, die durch die Verdrän­gung der Juden zur Schüssel kommen. Wie dumm und irrig sind über­haupt diese Ideen! In Deutschland wird man kaum einigen tausend Menschen durch die Entrechtung der Juden helfen. Und bei uns ist der Aerzte- und Advokatenberuf derart überfüllt, daß selbst die Entfernung von einigen Hunderten unschuldiger Menschen aus ihrer Arbeitsstätte nicht die geringste Besserung bringen wird. Beim Film und beim Theater werden sich Talentlose, ohne Rück­sich auf ihre Konfession, nie durchsetzen können. Sind sie aber begabt, werden sie ohnehin ihren Weg finden.

Man wird sich bald überzeugen, daß die Verdrängung der Juden unserer christlichen Jugend nichts nützt. Dann wird man auch vielleicht weiter gehen und Menschen mit tschechisch oder ungarisch klingendem Namen, vielleicht auch solche mit rotem Kopfhaar aus ihrem Beruf verdrängen. Vielleicht wird man dann eine bestimmte Form der Nase zum Anlaß nehmen, eine weitere Vermehrung der Arbeitsplätze zu er­reichen. Traurig, sehr traurig, meine Herren! Es gibt viel sauberere Mittel, der Jugend Arbeit zu ver­schaffen. Reformen der Wirtschaft tun not; der Güterumsatz muß erhöht, der Geschäftsverkehr belebt, die Produktion gesteigert werden und dadurch wird die Existenzmöglichkeit für jeden Men­schen, der arbeiten will und arbeiten kann, geschaffen wer­den. Es ist die Pflicht aller anstän­digen Menschen, ohne Unterschied der Konfession und der Rasse mitzu­helfen, daß diese neue Ära bald heranbreche und daß endlich bos­hafte gegen unsere jüdischen Mit­bürger geschmiedete Pläne ihr Ende finden.

Wir stehen zweifellos an der Wende einer neuen Epoche der Weltgeschichte. Wir Österreicher dürfen uns nicht darauf verlassen, daß andere Nationen als Pioniere vorangehen. Wir können da auch mittun. Die Zollgrenzen sind heute eine Sünde und die Freiheit des Güterverkehrs wird immer dringender und drängender. Die Lösung wird und muß kommen, so wie es die Vernunft und die Gerechtigkeit erfordert. Darum sollen wir der Welt nicht mit Atrozitäten, sondern mit klugen, vernünftigen und gerechten Vorschlägen kommen, die uns und der ganzen Menschheit Hilfe bringen können, ohne andere Mitmenschen, die in der Minderheit sind und sich nicht wehren können, zu vergewaltigen. Lassen wir endlich die Judenfrage und behan­deln wir das Wirtschaftsproblem als eine Frage der gesamten Menschheit und wir werden bald die Lösung finden, ohne unsere Fahne mit Lüge, Betrug, Unrecht und Gewalt zu beflecken.

In: Gerechtigkeit, 14.12.1933, S. 1.