Irene Harand: Judengesetze und deutsche Ehre

Irene Harand: Judengesetze und deutsche Ehre (1935)

In jedem Menschen stecken in ver­schiedenem Grade bestialische Instinkte. Der Kultur und der Zivilisation ist es bisher gelungen, sie im Zaume zu halten. Religion und Straf­gesetz verhinderten ihre Entwicklung. Es gibt allerdings eine große Anzahl von Menschen, die aus Furcht vor der Hölle oder dem Kerker ihre bösen Triebe nicht zu meistern verstehen.

Bis zum Weltkriege standen an der Spitze der meisten Staaten Regierungen, die den ehrlichen Willen bekundeten, durch [Wahr]rung der Religion und Moral die Nächstenliebe und die Achtung vor dem Leben und der Ehre unserer Mitmenschen zu fördern. Nun kam der Weltkrieg. Er brachte eine furchtbare Umwälzung in der Denkweise der Welt. Die Religion wurde als Nebensache behandelt, ja sogar in manchen Staaten wie Rußland und Mexiko brutal unter­drückt. Die Strafgesetze wurden überall aufrechterhalten, doch ver­mochten sie nicht die Hemmungen zu ersetzen, die der Glaube aufrichtete, und Verbrechen zu verhin­dern. Nirgends aber — auch in Rußland nicht — wurde der Haß gegen den Nächsten zum Staatsprinzip erhoben, die Lüge als Erziehungsmethode zum Leitstern der Regierungsart gemacht.

Dem Hakenkreuz ist es vorbehalten worden, diese Ungeheuerlichkeit zu verwirklichen. Wer die Berichte über den Nürnberger Parteitag gelesen und die Reden, die die Führer Deutsch­lands dort gehalten haben, gehört hat, der konnte sich nicht des Eindrucks er­wehren, daß im Herzen Europas ein Staat existiert, der den schönsten Tu­genden der Menschheit, der Wahrheit und der Nächstenliebe, den offenen Krieg erklärt hat. Schon einige Zeit vor dieser Tagung, die für ewige Zeiten das deutsche Volk und die deutsche Ehre mit Schmach beladen hat, konnte man in den Zeitungen lesen, daß es durch ein besonderes Gesetz den jüdischen Kindern unmöglich gemacht würde, deutsche Schu­len zu besuchen. Es werden Judenschulen errichtet, damit Kinder von Juden und Judenstämmlingen eine abgesonderte Erziehung genießen. Die jüdische Menschengruppe soll dadurch diffamiert, gedemütigt, in ihrer Ehre und Menschenwürde getroffen werden. In das Herz des jüdischen Kindes soll das Gefühl der Minderwertigkeit eindringen, um ihm die wichtigen Waffen im Kampfe um das Dasein, das Selbstbewußt­sein und den Lebensmut, zu rau­ben. Nur weil die Urheber dieser Schur­kerei ihre tierischen Instinkte zur vollen Entfaltung brachten, war es ihnen möglich, eine solche Niedertracht gegen kleine, schwache und wehrlose Ge­schöpfe zu begehen, deren Schmerz über die ihnen zugefügte Zurücksetzung um so heftiger ist, als sie die Zusam­menhänge nicht verstehen und nicht wissen, daß auch die Judenschulen, in die sie brutal hineingepreßt werden, nichts anderes sind als ein Akt der Gewalt einer mit Kanonen und Gift­gasen, mit Kerker und Galgen ausge­rüsteten Mehrheit gegen eine wehr­lose Minderheit. Diese Kinder, deren Seele durch diese Demütigung schwer mißhandelt wird, wissen nicht, daß die Kulturwelt außerhalb Deutsch­lands mit Entrüstung und Abscheu auf die Gesellschaft hinblickt, der es gelun­gen ist, ein Regierungsprinzip zu ver­wirklichen, das den bösen Instinkten im Menschen freien Lauf läßt und den Sieg der Materie über den Geist als er­strebenswertes Ziel betrachtet.

Aber weder Hitler noch seine Kampfgenossen werden es verhindern, daß die genialen An­lagen, die in so manchem jüdi­schen Kinde genau so schlummern können wie im Geiste ihrer soge­nannten arischen Schulgenossen, sich trotz Judenschulen und trotz Ghetto entwickeln und in spä­teren Zeiten bewirken werden, daß aus diesen Judenschulen Männer hervorkommen, die auf den ver­schiedensten Gebieten der Kultur sich als Wohltäter der ganzen Menschheit, auch der deutschen Menschen, betätigen können, in deren Namen ihnen das kindliche Lachen, die kindliche Freude, die Kindheit überhaupt gestohlen wurde.

Aber diese Judenschulen sind noch nichts im Verhältnis zu der Schurkerei, die am Nürnberger Parteitag gegen die Judenheit begangen wurde. Ich will die Frage des Verbotes der Mischehen nicht behandeln. Das tritt in den Schatten der Tatsache gegenüber, daß die Judengesetze „zur Vertei­digung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ ge­schaffen wurden. Auch das Verbot, Hausgehilfen unter einem bestimmten Alter zu halten, hatte den offensicht­lichen Zweck, die Ehre der jüdischen Menschengruppe zu verletzen. Diese Gesetze haben von Staats wegen fast eine halbe Million Menschen ihrer Bür­gerehre entkleidet und zu Menschen minderen Grades und minderer Rechte gestempelt. Die Wahrheit und die

Gerechtigkeit werden auf diese Weise von Männern geschändet, die be­rufen sind, ein Volk von 65 Millionen Menschen zu führen.

Ich habe oft genug zuletzt in meinem Buche „Sein Kampf — Antwort an Hitler“ nachge­wiesen, daß die Behauptung des Hakenkreuzes, die jüdische Rasse wäre dem Blute nach minder­wertig, eine infame Lüge sei. Ich wiederhole es heute, an dieser Stelle in meiner Eigenschaft als Christin, Deutsche und Mensch. Moses, Christus, die heilige Mutter Gottes, die Apostel, die der Menschheit die schönsten Tugenden beibrachten, waren jüdischen Blutes. Gelehrte wie Maimonides, Spinoza und Mendelssohn waren Juden. Wohltäter der Menschheit wie Ehrlich und Wassermann und hunderte anderer Ärzte und Erfinder ge­hörten dem Volke an, das das Hakenkreuz heute in so gemeiner Weise zu demütigen sucht. Juden wie Berliner, Markus und Schwarz haben die Mensch­heit vorwärts gebracht. Heine und hunderte anderer Schrift­steller, Künstler und Dichter jüdi­schen Blutes haben unseren Geist und unsere Seele erfreut und er­frischt.

Dieses seit 2000 Jahren verfolgte, gehetzte und ge­haßte kleine Völkchen hat unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen Her­vorragendes geleistet und der Menschheit gegenüber bei Gott seine Pflicht voll er­füllt. Weder zur Zeit als die Juden noch in ihrem eigenen Lande wohnten, noch in der späteren Zeit, als sie in fremden Ländern weilten, haben sie es an Tapferkeit, Opfermut, Barmherzig­keit und Nächstenliebe, Idealismus und höchster Sittlichkeit fehlen lassen. Die Fehler und Sünden, die ein Teil der jüdi­schen Menschengruppe während des Mittelalters und der Neuzeit begangen hat und noch heute begeht, belasten nicht ausschließlich diese Menschen, sondern auch uns Christen, weil wir Jahrhunderte hindurch den Juden die Möglichkeit genommen haben, einem ehrlichen Erwerb nachzu­gehen.

Wie können es Menschen, die an der Spitze eines Kulturstaates stehen, an­gesichts solcher Tatsachen, die zum ehernen Bestand der Weltgeschichte ge­hören, wagen, die Diskriminierung einer ihnen wehrlos ausgelieferten Men­schengruppe durchzuführen und diese Missetat durch Gründe zu beschönigen, die im Widerspruch stehen zu histo­rischen Wahrheiten, die kein gebildeter Mensch leugnen kann? Durch Lüge und durch die  Entfachung der Haßinstinkte hat das Hakenkreuz die Macht ergreifen können, durch Lüge und Entfachung der Haß­instinkte klammert es sich wei­ter an die Macht. Das deutsche Volk wird nicht den geringsten Nutzen aus dem Verbot der Mischehen und aus der Demütigung der deutschen Juden ziehen. Dort, wo die Bestie nur ge­schlummert hat, wird sie bald geweckt werden. Dort, wo sie auf Betätigung lauerte, wird sie sich sehr rasch auf die Menschheit stürzen, und zwar nicht nur auf die Juden, die man ihnen zum Fraß hinwarf.

Welchen Vorteil hat das deutsche Volk aus der bisherigen Betätigung des Hakenkreuzes gezogen? Die Auf­rüstung ist eine zweischneidige Sache. Wenn jetzt die Deutschen in einem Kriege unterliegen würden, haben sie keine Rücksicht und kein Erbarmen mehr zu erwarten. Hat doch das Hakenkreuz dem deutschen Volke den Stem­pel der Grausamkeit und der Erbar­mungslosigkeit aufgedrückt. Die deut­schen Massen haben aber noch nie so schwergelitten wie unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Die Führer des Hakenkreuzes haben unser Deutsch­tum durch die Märchen, die sie täglich auftischen und durch die Lügen, die sie verbreiten, in der ganzen Welt lächerlich gemacht und es ermöglicht, daß unsere Feinde den üblen Ruf, den sie über uns verbreiten, durch Tatsachen zu untermauern vermochten.

Gereicht es uns zur Ehre, daß man einen Einstein und einen Rein­hardt, einen Ehrlich und einen Bruno Walter aus dem deutschen Kulturkreis ausschloß und der Welt einzureden versuchte, daß diese gott­begnadeten Menschenkinder schlechteres Blut haben als die Herren Göring und Goebbels, als Herr Strei­cher und seine schwachsinnigen Spieß­gesellen? Glaubt das Hakenkreuz wirk­lich, der Welt einreden zu können, daß alle die Mörder und Räuber, von denen einige in Deutsch­land hingerichtet werden, besseren Blutes sind als die Mehrheit der Juden, die redlich ihrem Erwerb nach­gehen und nichts anderes verlangen, als daß man ihnen das Recht zum Leben einräume unter denselben Gesetzen und Bedingungen, die für ihre nicht­jüdischen Mitmenschen in Geltung sind?

Nein, Sie irren, meine Herren. Diese Judengesetze treffen nicht nur die Juden. Sie treffen auch uns Deutsche, weil die gesittete Welt die lügenhafte Begründung dieser Scheußlichkeiten klar er­kennt und genau weiß, daß die vielen Worte und Phrasen, die in Nürnberg zur Beschönigung der größten aller Gemeinheiten des Hakenkreuzes aufgewendet wur­den, von denjenigen in erster Linie als Lüge und Verleumdung gewer­tet werden, die sie gegen die Juden zu verbreiten suchten. Wir Deut­schen, die dem Machtbereich des Hakenkreuzes glücklicherw eise ent­rückt sind, legen schärfste Ver-//wahrung dagegen ein, daß man es wagt, solche Ungerechtigkeiten, ja, Verbrechen, im Namen der deut­schen Ehre vorzubringen, die deut­sche Ehre wird dadurch nur besudelt und beschmutzt. Es ist Pflicht aller Menschen, und in erster Linie die Pflicht der Deutschen, die deutschen Juden, die sich so tapfer im Frieden und während des Krieges gehalten und treu zur deutschen Heimat und zum deutschen Volke standen, aber auch die Judenheit der ganzen Welt, die das Hakenkreuz zu dif­famieren suchte, um Verzei­hung zu bitten für die Schande und den Schmerz, den ihnen irr­sinnige und verbrecherische Men­schen, geschützt durch Bajonette und Gewehre, zuzufügen sich er­frechten.

In: Gerechtigkeit, 19.9.1935, S. 1-2.