Franz Herterich: Regie von heute
Franz Herterich: Regie von heute (1936)
Das Theater war in den siebziger Jahren des XIX. Jahrhunderts zu einem bürgerlichen Unterhaltungsmetier geworden, ohne Problematik, ohne große Ideen, Oberflächenkunst ohne geistige Vertiefung. Von einer Regie in dem umfassenden Sinne, wie wir sie heute verstehen, konnte nicht die Rede sein. Für eine Uraufführung der Sappho standen z. B. am BurgtheaterMaterialien und Quellen: Johannes Sachslehner: Ein Mythos wird angeschlossen. Zur Machtübernahme der Nazis im Burgtheat... drei Proben zur Verfügung; eine erstmalige Julius Cäsar-Aufführung bewältigte Heinrich Laube, der Begründer der Wortregie, mit acht Proben. Das sind für unsere heutigen Regiebegriffe lächerlich geringe Zahlen. Drei bis vier Wochen sind das Mindeste, was heute ein großes Theater für eine Neuinszenierung benötigt, nicht zu sprechen von den 150 Proben, die man im heutigen Moskau einer neuen Aufführung zuwendet.
Der Naturalismus der Bühne, der Impressionismus in der bildenden Kunst, räumten nicht nur mit dem selbstherrlichen Dekorationskitsch auf, sondern auch mit dem süßlich-neckischen oder makartisch schwungvollen Kostümplunder und setzten an dessen Stelle die sinngemäße logische Notwendigkeit. Das falsche Pathos, die plastisch schöne Geste, die schwulstige konventionelle Konversationsästhetik mußten einem unerbittlichen Ernst, einer schlichten Wirklichkeitsnähe weichen, das verlogene Schönheitsideal einem fanatischen Wahrheitswillen.
Dieser Zeitgeist war die eigentliche Geburtsstunde der Schauspielregie, denn Laube, der Herzog von Meiningen und einige andere waren nur einseitige Vorkämpfer. Nun aber war der Regisseur nicht nur der dramaturgische Kontrolleur des Dichtwerkes, nicht nur der Wortgestalter im Verein mit dem Darsteller, nicht nur der historisch getreue Gestalter der Szene, sondern der die Aufführung als einheitliches harmonisches Gesamtwerk aufbauende Geist. Weder der Darsteller noch der Bühnenmaler noch der Musiker konnten ihre bisher ziemlich willkürliche Auffassung ihres Anteils an der Aufführung weiter durchsetzen, alle mußten sich einer grundsätzlichen Auffassung, einem einheitlichen Regiegedanken unterordnen oder zumindest einordnen. Jede Aufführung mußte ihren Stil, ihre Eigenart, ihre Besonderheit, ihre Stimmung haben. Nicht mehr ein Potpourri von an sich vielleicht ausgezeichneten Einzelleistungen strebte man an, sondern das Richard Wagnersche Ideal eines Gesamtkunstwerkes, in dem nichts aus dem Rahmen fallen sollte, sondern trotz der Vielheit der mitgestaltenden Künstler eine geschlossene einheitliche Leistung bilden mußte. Um das zu erreichen, war der Regisseur berufen. Es ist verständlich, daß sich anfangs Autoren, Darsteller, Ausstattungskünstler und Komponisten gegen diese scheinbare Vergewaltigung auflehnten, besonders wenn eigenwillige Regisseure etwas abseitige Tendenzen durchsetzen wollten, aber es dauerte nur wenige Jahre, bis sich der Gedanke der notwendigen Subordination unter die prinzipielle Einheitlichkeit jeder Aufführung durchsetzte. Heute sind es gerade die ersten Künstler, die eine starke Hand des Regisseurs lieben und die sich am bereitwilligsten in eine gleichwertige Umwelt auf der Bühne einfügen, weil diese allein ihnen die Möglichkeit einer tiefen Resonanz des eigenen seelischen Erlebens gibt, eine Steigerung des eigenen Ich zur völligen Hingabe.
Diese völlige Hingabe, dieses Sichhineinsteigern, diese geistige Vertiefung zu ermöglichen und durch ein homogenes, unaufdringliches, nicht ablenkendes Bühnenbild, durch eine stimmungsvolle Beleuchtung zu umrahmen, das ist die wahrste, schwerste und höchste Aufgabe des Spielleiters. Es handelt sich also nicht, wie so viele Laien glauben, um die präpotente Eitelkeit eines selbstgefälligen skurillen Besserwissers, um die arrogante Spielerei eines Theaterfaiseurs und Auslagenarrangeurs, sondern um das uneigennützigste Einfühlungsvermögen in die Dichtung, in den Darsteller, in das Bühnenbild und nicht zuletzt in die Aufnahmsfähigkeit des jeweiligen Publikums.
Der Regisseur ist ein Diener am Werk, wie jeder an der Aufführung Beteiligte, ein Diener freilich, auf dem die ganze Verantwortung für das künstlerische und geschäftliche Gelingen einer Aufführung lastet.
Was hat der Dichter davon, wenn sein Werk ungestrichen und nach seinen Intentionen aufgeführt wird? Er ist ja nicht so mit allen Finessen des Theaters vertraut, kennt auch das jeweilige Theaterpublikum nicht. In dem unbedingten Glauben an sein Werk fehlt ihm naturgemäß die objektive Distanz zu diesem. Und so muß der Regisseur der Lotse sein, der das neu gebaute Schiff glücklich aus dem Hafen steuert.
Auch der Darsteller sieht das Stück nur von seiner Rolle aus, der Bühnenbildner nur von der visuellen Seite. So muß der Spielleiter der richtunggebende Geist sein, der die Grenzen und Möglichkeiten abschätzt und durch die eigene Phantasie belebt und erweitert.
Das sind die Aufgaben des heutigen Spielleiters, die zugleich das Niveau des jetzigen Theaters bestimmen. Wir leben in einer Zeit der Synthese, d. h. wir experimentieren nicht mehr wie in den Übergangsjahren nach dem Krieg, wir versuchen keine Inszenierungsprobleme, wie sie das Russische Theater vor die Rampe stellt, sondern wir wählen ganz einfach für jedes Stück die geeignetste Form, es lebendig werden zu lassen.
Im großen und ganzen geben uns auch die heutigen Dichter keine neuen besonderen Inszenierungsprobleme auf. Sie alle, Mell, Ortner, Wenter, Zuckmayer und ihre Zeitgenossen streben nach Vereinfachung, Verinnerlichung und nach geistiger Vertiefung. Ihre Sprache ist ebenso weit entfernt von einer künstlich-gewollten Pathetik wie von einer naturalistisch übertriebenen Wirklichkeitstreue oder einer pedantischen archäologisch historischen Stilechtheit. Eine gesunde, kraftvolle Sprache, eine von psychopathischen und krankhaften Elementen freie Handlung und eine uns, sei es historisch oder modern, vertraute Umwelt, das sind die Linien, die dem Spielleiter in die Hand gegeben werden.
Und wenn der Spielleiter auch eigene Regieexperimente durchführen wollte, beschneidet ihm schon die spartanische Sparsamkeitswelle hochfahrende Pläne, zwingt ihn die unerbittliche Theaterkasse auf den Boden der Wirklichkeit nieder.
Er weiß zudem am besten, daß der Existenzkampf des lebendigen Theaters gegen Film und Fernsehfunk einzig mit der Waffe geistiger Vertiefung geführt werden kann.
Ein Wettstreit in Hinsicht auf grandiose Ausstattung und Billigkeit der Eintrittspreise ist hoffnungslos, die Tochterkünste sind darin weit überlegen, aber nie werden sie die Unmittelbarkeit des Erlebens und die Tiefe geistiger Gestaltung erreichen. Diese Unmittelbarkeit und Geistigkeit immer intensiver zu gestalten, ist die wichtigste Zukunftsaufgabe des Regisseurs.
Nur bei festspielartigen Aufführungen, wie z. B. bei den Jedermann– und Faust-Aufführungen in Salzburg, ist ihm ein breiterer Raum gestattet, der Schaulust und Festesfreude entgegenzukommen. Aber auch bei solchen exzeptionellen Darbietungen sind Geist und
Seele die tieferen Elemente einer schöpferischen Regie.

