Leopold Jacobson: Kaisers „Oktobertag“. Komödie.

Leopold Jacobson: Kaisers „Oktobertag“. Komödie. (1928)

Es gibt einen Fall Georg Kaiser, der nicht zu Ende kommen will. So oft ihn einer zu lösen versucht hat, stieß er auf neue Rätsel. Es ist eine verflucht schwere Sache, mit einem Dichter fertig zu werden, auf den keine Formel paßt und der immer dann aus der Reihe springt, wenn man ihn schon zu haben glaubt. Was ist dieser Georg Kaiser nicht schon alles gewesen: Expressionist, Impressionist, Sozialkritiker, Bürgerschreck, Ethiker, Pathetiker, Moralist, Immoralist, Konstrukteur, Roman­tiker, Effekthascher, Possentreiber, Theatraliker, Sternheim, Sudermann, Hebbel, Fulda, Sardou, Wedekind und Tolstoi. Er war schon alles zusammen und niemals einer von diesen, schrieb seinen eigenen Stil und den Stil der andern, blieb Georg Kaiser und war doch nicht Georg Kaiser. Das Wort, da ihm Bernhard Diebold auf den Weg mitgegeben hat und mit dem seither viel gekrebst wird, heißt: Denkspieler. Es trifft ungefähr, aber auch mit dem Denken ist es so wie mit dem gewissen Satz von Kant, daß es dabei weniger auf die vernünftigen Antworten als auf die vernünftigen Fragen ankommt.

Georg Kaiser ist heute fünfzig. Die Gratulanten, die an­getreten sind, haben das Phänomen noch einmal von allen Seiten beguckt und sind bei aller guten Absicht nicht warm geworden. Die junge Literatur, von Toller bis Brecht und von Brecht bis Bronnen bekennt sich zu ihm, aber weniger mit Liebe als mit ungeheurem Respekt. Es gibt keinen Georg-Kaiser-Komplex, nur er selbst hat einen. Es ist ein Jammer, wie der Fall immer verwickelter wird. Der stärkste Dichter und Erdichter des modernen Deutschland, der fabelhafteste Dramatiker der modernen Bühne, erregt das Hirn und die Nerven, aber es ist immer nur kalte Hitze, niemals brennende Flamme. Er wechselt zwischen Vision und Gestalt.

Vision, Denkspielerei, ist auch dieses Stück Oktobertag. Es ist, was man so mit dem Wort: gekonnt bezeichnet. Fabelhaft gekonnt. Drei schmale Akte, von denen zwei nur Gesprächs­abwicklung über ein vorhergegangenes Geschehnis bringen, bedeuten die stärkste dramatische Konzentration, die theatermäßig aufzubringen ist. An sich wäre es nur ein Kunststück mehr, wenn der An- und Auftrieb nicht auch ans dem Gedanklichen käme und sich in mystische Gefühls- und Blutempfindungen verlöre. Ein junges, wohlbehütetes Mädchen, eine Tagträumerin, sieht einen jungen, unbekannten Leutnant, und ihre Phantasie wählt ihn als den Mann, mit dem sich ihr Blut vermählt. In der Nacht gibt sie sich einem brutalen Schlächtergesellen hin, der in ihrer Phantasie die Rolle des fremden Leutnants spielt, und als sie ein Kind gebärt, gibt sie diesen als den Vater aus, glaubt es und empfindet es so. In der Gestalt dieses scheuen Mädchens lebt fast die Legende von der unbefleckten Empfängnis wieder auf. Der Leutnant, von dem Onkel des Mädchens zur Rechenschaft gezogen, weiß nichts anderes zu sagen, als daß er sie nie gesehen und nie berührt hat. Aber als ihm das Mädchen entgegentritt, empfängt auch er den elektrischen Schlag in das Nervenzentrum und er fühlt sich ihr blutmäßig verbunden. Er bekennt sich zur Vaterschaft und tötet den Fleischergesellen, der aus dem Zufall jener verhängnisvollen Nacht eine kleine Gelderpressung herauszuschlagen versucht: kein Stück von Georg Kaiser, in dem nicht Geld eine Rolle spielt. Auch dieser Fleischergeselle, Symbol eines ewigen Mahners, dessen Abtötung schicksalsmäßig erfolgt, ist von einer Vision beherrscht, die aber nur um Geld kreist.

Das ist das Stück. Es ist weniger tief als hoch. Es ist erfüllt mit Zartheit, mit wundervoller Illusion, greift ans Gefühl und ver­liert sich trotzdem, wie immer bei Georg Kaiser, in eine Zone, wo Kühle weht. Der junge Direktor der Komödie, Rolf Jahn, künstlerisch und theatermäßig gleich stark ambitioniert, hält in der Aufführung das Niveau des Stückes fest. Es wird mit gedankenvoller Unterlage lebendig und erscheint als Kammerspiel instrumentiert. Jahn, der den Leutnant darstellt, zeichnet ihn mit ein paar edlen Ton­linien, und Herr Beregi, sonst mehr auf Bild, auf Pathe­tischen Ein- und Ausdruck gestellt, übt in der Onkelrolle eine seeliche Verhaltenheit, die sich gefühlsmäßig mitzu-// teilen weiß. Die junge Heilige ist Vera Spakova, die sich mit Intensität bemüht, in einer Welt zu wandeln, die nicht diesseitig ist und in der man auch leicht verloren gehen muß. Der Fleischergeselle des Herrn Daehn ist von irdischer Menschlichkeit und behauptet sich stark.

Als Georg Kaiser in Wien sein erstes Stück zum überhaupt erstenmal aufführen ließ, damals noch von niemandem gekannt, wurde er mit seiner seltsamen Geschichte vom Schüler Vegesack gründlich abgelehnt. Ich schrieb als ersten kritischen Satz: „Gestern fiel ein Dichter durch“, ein Dichter. Seither ist Georg Kaiser berühmt und wenn man nun zu seinem fünfzigsten Geburtstag hinschreibt: Gestern war es ein Erfolg, so freut man sich festzustellen, daß ein Dichter das Publikum doch bezwingen konnte.

In: Neues Wiener Journal, 29.11.1928, S. 13-14.