E. M.Benedikt: Nach vorwärts schauen! Gedanken über Oesterreich anläßlich der Republikfeier

N.N. [E. M. Benedikt]: Nach vorwärts schauen! Gedanken über Oesterreich anläßlich der Republikfeier. (1928)

Wien, 11. November.

Österreich sollte diesen Gedenktag im Geiste des Mutes und des Willens zum Leben feiern. Ach ja, wir wissen es, die unsterbliche Schlaffheit unserer Wesensart gebietet uns, alle Trümpfe des Pessimismus auf den Tisch zu schlagen. Es ist ein Schützengrabenkrieg, den wir gegen uns selber führen; gegen unsere Leistungen, ja selbst gegen unsere Leiden, denn auch sie müssen schließlich den tieferen Wert verlieren, wenn sie nicht den Willen erwecken, sich von ihnen zu erlösen; wenn wir sie betrachten mit der Zärtelei des Blutarmen, der unfähig geworden ist eines stürmischen Impulses, unfähig, durch frohes Selbstbewußtsein seine eigene Tat zu adeln. Wagen wir es, diesem Österreich eine Hymne zu

singen, trotz der Erkenntnis dessen, was ihm mangelt, in Klarheit über manche Verfehlungen im Sittlichen, über manche Abweichungen vom geraden Wege. Aber eines wird man diesem vielverachteten, diesem so oft beiseite geschobenen Lande nicht absprechen: Es hat das infamste Verbrechen über sich ergehen lassen, das jemals im modernen Völkerleben geschehen ist, es hat etwas noch nie Dagewesenes ertragen, ohne übermäßige Erschütterung, ohne einen Wüterich, der Nutzen gezogen hätte aus der allgemeinen

Verzweiflung. Diese Infamie, dieses Ungeheuerliche, war der Bruch der vierzehn Punkte durch Wilson selber, das war die Zersetzung eines durch Jahrhunderte aufgebauten Werkes, nicht in politischer Beziehung, denn da war das Ende unvermeidlich, wohl aber in den Angelegenheiten der Wirtschaft und des ökonomischen Daseins. Man muß sich nur einen Augenblick lang vorstellen, was das für eine Tollheit war, von einem Tag auf den anderen die alten Zusammenhänge übers Knie zu brechen, Gemeinschaften restlos wegzuwischen, als wären sie Kreidestriche auf einer Schiefertafel! Wertlos unsere Kulturarbeit zur Industrialisierung, wertlos die Anhäufung kaufmännischer und finanzieller Erfahrungen, wertlos alle Erfolge im nationalen Ausgleich! Ja, für die baltischen, für die skandinavischen

und iberischen Staaten, für die Teile des britischen Imperiums, für solche Länder konnte die Formel gefunden werden, die bei voller staatlicher Freiheit irgendeine Bevorzugung gestattet, irgendeine Ausnahme in en Zolltarifen, irgendeinen Rest von Nebeneinander und Miteinander. Wir Österreicher haben das radikale Nichts als Wiegengabe unserer Entstehung bekommen, uns wurden wirklich, wie man während des Krieges sagte, nur die Augen gelassen, damit wir mit ihnen weinen, und die Hände, damit wir mit ihnen roboten. Wäre es ein Wunder gewesen, wenn dieses Österreich getan hätte, was Ungarn und Bayern getan haben, wenn es als König Lear unter den Völkern, verlassen von seinen treulosen Töchtern, hingestürmt wäre in den Irrsinn, in die völlige Umnachtung, in den Selbstmord?…

Österreich hat nicht den König Lear gespielt; es hat keine Wahnsinnsgebärde zur Schau getragen, es hat niemals die Welt das Pathos seiner Verlassenheit mit ganzer Kraft

empfinden lassen. Mit Ausnahme einiger Narren hat niemand von all den Hunderttausenden, die von den Schlachtfeldern zurückkehrten, hat niemand seinen Hunger, seinen Frost, seine Verarmung an diesem Staate selbst gerächt. Niemand hat die Vergewaltigung mit einer Tat begleitet, die den Ruin unserer Existenz besiegelt und alle Möglichkeiten der Erholung zerrüttet hätte. Sind das keine Verdienste, aus die wir stolz sein

dürfen? Ist nicht dieser ganze Kalvarienberg zehnjähriger Schmerzen doch auch ein Sinnbild unserer Fähigkeit, wieder zur Höhe zu gelangen? Denn wir haben ja nicht nur die Schrecken der Abtrennung gekostet, die Epoche der hermetischen Isolierung, die Torturen der Inflation, das Abwelken unseres Nationalvermögens, die Verschleuderung alles dessen, was unserer Seele teuer war. Mehr als das. Eine Stabilisierungskrise ist über uns verwüstend hinweggegangen, furchtbarer, dauernder als vielleicht irgendeine in der Erinnerung aller Völker. Bis auf den heutigen Tag büßen wir die Sünden der Vergangenheit. Und trotzdem,

Schritt für Schritt, langsam und zögernd, haben wir den Wiederaufbau eingeleitet; ohne den Segen einer begeistern-//den Persönlichkeit, ohne den warmen Anhauch eines politischen Frühlings. Wir können dennoch feststellen, der Zusammenbruch ist vermieden, aus dem Trommelfeuer dieser zehn Jahre sind wir, zwar schwer verwundet, aber doch lebendig  herausgekommen, mit allgemach wachsender produktiver Fähigkeit, mit einer Agrikultur, deren glänzende Erfolge eine unerwartete Freude bedeuten, mit einer Industrie, die sich den schwierigsten Verhältnissen anzupassen beginnt durch Formung größerer Gemeinschaften, durch technische Veredlung durch das zäheste Anspannen aller Nerven und Muskeln.

Wer hat uns bei diesem Werke geholfen? Wahrlich, viel mehr wir selber, als irgend jemand anderer auf der Welt. Denn, abgesehen vom ersten Sanierungskredit, wo ist das

kleinste, Zugeständnis, das unserem Elend von den Fremden gemacht worden ist, wer hat sich die Mühe genommen, österreichisches Wesen zu begreifen, unsere Sehnsucht nach Vereinigung mit den anderen Gliedern des deutschen Volkes, unser Verdursten nach ein wenig Erfolg, nach ein wenig Liebe und Anerkennung? Ist eine herbere Quälerei im Bereiche des Denkbaren als die Sabotage einer Anleihe, die wie ein Pferd beim Wettlauf erst vierfache Hürden überspringen muß, um endlich, endlich zum Ziele zu gelangen? Nein, das Ausland müßte schamrot sein eigenes Verschulden gegenüber Österreich gestehen, es müßte dessen inne werden, daß es wirklich nur der Lammsgeduld, der tiefen Vernunft des einfachen Menschen von der Gasse zu danken ist, wenn hier nicht Zustände zum Vorschein kamen, nur zu vergleichen mit jener Epoche, da die wilden Horden Wien belagerten, um die Standarte der westlichen Kultur vom Stephansdom herabzureißen. Das Ausland hat gänzlich versagt, aber Aufrichtigkeit gebietet an diesem Tage das Urteil: Auch wir selber haben nicht genug

getan, wir selber als Gesamtheit haben dem elementaren Drange nicht gehorcht um jeden Preis das Ringen des Einzelnen zu erleichtern. Die  Führenden haben manche Gelegenheit versäumt, um das Unkraut auszujäten und die Abbürdung der Lasten, die einfach nicht mehr ertragen werden können, zu beschleunigen. Nein, der Österreicher kann wirklich von sich behaupten, was Schiller von dem deutschen Dichter gesungen hat: Kein augustisch Alter hat uns geblüht, keine Güte eines Mediceers hat uns gefördert., Selbst hat er sich das bißchen Wert geschaffen, selbst sich durchgefressen durch alle Not und Zwietracht, selbst hat er den Rückweg gefunden zu neuem Gedeihen, selbst führt er jetzt noch die Fahne des Willens um Leben gegen alle Mächte, die sich verschworen haben, ihm das Dasein zu verbittern. Was dieser Einzelne vermag, ist geradezu phantastisch. Ein Land, das begonnen hat ohne ein Stückchen Kohle, hat jetzt Gelegenheit, seine eigenen Bodenschätze auszuwerten, ein Staat ohne Aktiven hat heute eine gesicherte Zahlungsbilanz mit goldstrotzender Nationalbank mit nur allzu guter Versorgung von Bund und Gemeinde. Ist das gar nichts, dessen wir uns rühmen dürfen, kann niemals der Gebeugte sein Haupt erheben, kann nicht in dieser Feierstunde ein wenig Genugtuung unsere Pfade erleuchten? Noch bleibt Unendliches zu

schaffen. Der Abbau des Uebersozialismus ist unvermeidlich, der Abbau aller öffentlichen Bosheit, die Rückkehr zur echten Fortschrittlichkeit, die Wendung zu einer Finanzpolitik der

Schonung, das sind Ziele, aufs innigste zu wünschen. Wir leugnen nicht die schweren Verfehlungen, aber wenn wir einmal, wie wir alle hoffen, dereinst den Brüdern im Reiche

unsere Arme entgegenstrecken können zur vollen Einigung, dann werden wir wenigstens imstande sein, die ehrlichen Wundmale zu weisen, welche die Ketten des Schmerzes in uns

gebrannt haben, wir werden Zeugnis ablegen von unsagbaren Entbehrungen, aber auch von dem Märtyrergeist, der stärker ist als alle Peinigung.

Am Festta e unserer Republik, zehn Jahre seit ihrer Gründung, bekennen wir uns zu ihr als zu der großen Notwendigkeit historischer Entwicklung, als zu dem Hort der Demokratie, als zu der einzigen politischen Wesensform, die uns geblieben ist. Möge sie die nächsten zehn Jahre auf weicheren Pfaden gehen, möge mehr Glück ihr zuteil werden, mehr Daseinsfreude und Stetigkeit. Möge sie das Wort, das Staatskanzler Renner an ihrem ersten Tage gesprochen hat, wahrmachen: der Zusammenschluß dieser Bevölkerung, geboren aus der Stunde der Not, aufgezwungen durch die Furcht vor einer Katastrophe, er kann nicht anders bestehen und erhalten bleiben, als auf dem Boden der Rechtsgleichung. Die Republik muß die letzten Schlacken der Revolte entfernen, die Republik muß sich würdig erweisen des tragischen Geschickes, das ihr geworden ist als ein Denkmal dessen, was Menschen erdulden, was Menschen überdauern können. Nach vorwärts schauen möge Österreich mit Mut und Willen zum Leben! Das ist unser Wunsch am heutigen Tage.

In: Neue Freie Presse, 11.11.1928, S. 1-2.