Alfred Polgar: „Gas,“ erster und zweiter Teil. – Von Georg Kaiser (Raimundtheater)

Alfred Polgar: „Gas,“ erster und zweiter Teil. – Von Georg Kaiser (Raimundtheater) (1924)

„Gas“ ist ein herrlich knappes Wort, nach Ge­wicht und Umfang ein ideales Geschoß für die Schleuder der Lippen. Man begreift, daß Georg Kaiser, der Vater der Prägnanzen, sich in die Schnellkraft dieser Einsilbe „Gas!“ verlieben mußte. Auch als Wort hat „Gas“ die Eignung, leicht zu brennen und zu explodieren.

Im Schauspiel ist Gas die Kraft, die den seelen­zermalmenden Mechanismus der Welt treibt. Köpfe sind tätig, diese Kraft zu errechnen, Hände, sie zu erzeugen. Das Gas explodiert, nicht weil die Rechnung falsch war, sondern weil die Materie ((Satanskind, das sie ist) stets noch eine geheime Finte weiß, ihrer Bändiger zu spotten, und Formel, die sie zwingt zu sprengen. Daran wird sich m aller Ewigkeit nichts ändern: ein Winkel des Pentagramms, mit dem der Mensch den Teufel bannt, wird immer offen sein.

Also das Gas explodiert; dies nehmen die Hände dem Kopf (die Arbeiter dem Ingenieur) sehr übel und verlangen ihn. Aber im Herrn der Gas-Mache, im „Milliardärssohn“, hat die Explosion den Erlösergedanken hochgerissen. (Fast in jedem Kaiser-Stück vollzieht sich derlei Erweckung, erfährt einer den jähen Schlag aufs Herz der es ihm ganz und gar im Leibe umdreht.) Der Er­lösergedanke des Milliardärssohns ist: die Menschen aus Fluch-Bezirken des Tuns und Habens in die selige Zone des Seins zu führen. Keine Fabrik mehr, kein Gas, kein Krach, sondern das Idyll aus grüner Flur. Gegen solche Erlösung wehrt sich in geschlossener Reihe alles, was vom Gift der Arbeit, das heißt, vom Lust-Ertrag, den es wirkt: Gewinn und Macht, nicht lassen kann. Es wehren sich alle, die ihr Ich nur als Rädchen im Ge­triebe der Welt zu fühlen vermögen und es nicht fühlten, wenn dieses Getriebe zu sanftem Frieden sich beruhigte. Höchstes Glück der Erdenkinder ist nämlich, gleich nach der Persönlichkeit: die Funk­tion. Der Arbeiter will arbeiten, der Ingenieur rechnen, der Schreiber schreiben, der Dichter dichten. Alle, besonders der letzte, brauchen und machen Gas. Explosionen? Die sind Geschäftsspesen. Der neue Mensch, dessen Fach es wäre, Mensch zu sein, ist noch nicht erschienen. Des Milliardärssohns Tochter erklärt sich, zum Ende des ersten Teiles, willens, ihn zu gebären.

Im zweiten Teil ist er geboren, der Milliar­därsenkel. Krieg tobt, Gas gegen Gas. Die Gasisten auf unserer Seite sind des Kampfes über­drüssig, sie weigern die Produktion von Gas. In einer wirklich großen Szene — der poetische Gipfel des Werkes — steigt ihr Brudergefühl, ihr: Seid umschlungen, Millionen, heiß und strahlend hoch, donnernd wie Verheißung rollt die Kuppel aus, und durch die Halle, über der sie lastete, jauchzt der Licht-Jubel der lieben Sonne. In Prosa aus lyrischglänzendem Edelmetall ergießen Jüngling, Mann, Greis (und deren feminine Ergänzung) ihre Zuversicht, daß ihnen nun ein neuer, ein wahrer Morgen, Mittag, Abend beschieden sei, und dreimal, in immer gesteigerter Inbrunst, tönt der Liebe Schrei hinüber zum Feinde. Doch dreimal: „Ausbleibt Antwort!“, ruft der Rufer hinter der Szene. Er könnte auch, ohne daß ihm daraus ein Vorwurf zu machen wäre, sagen: „Keine Antwort!“, das kostete genau so viel, wie sein Telegramm, auch nur zwei Worte. Doch grollt in dem Verbum „ausbleibt“ immer­hin eine dramatische Bewegung, hat es eine Stoßkraft, die das schlichte „Keine“ nicht hat. Die Voransetzung des Prädikats aber vor das Subjekt scheint hier ganz in Ordnung, denn an jener Antwort ist das Wichtige, daß sie ausbleibt. Es ist der Schwerpunkt des Satzes und hat als solcher die Tendenz, Tiefstlage einzunehmen. (Eine Erwägung, die den Beurteilern Kaiser’scher Diktion überhaupt empfohlen sei.) Der Feind also gibt keine Antwort. Nicht nur das, er dringt ins Werk, nützt die gegnerische Friedenssehnsucht, wie wir die russische Revolution genützt haben, zur Verfolgung der eigenen Krieg- und Sieg­zwecke. Der Großingenieur weiß den Arbeitern ein Mittel zur Befreiung: Giftgas. Fällt der kleine Gasballon, den er da in Händen hält, in die Reihen der Belagerer, so sind sie in ihrer Totalität ausgerottet. Solchem Plan widersetzt sich der Milliardärsenkel mit allem Pathos christlicher Ideologie. Dulden und das innere Reich etablieren, lautet sein Rezept. Die Arbeiter wissen mit den Abstrakten des Milliardärsenkels — man kann das verstehen — nicht viel anzufangen, das schwammige Himmelsbrot, das er ihnen reicht, bekommt ihrer Seele nicht. So entscheiden sie für den Gasballon. Wer wirft ihn? Der Milliardärs­enkel will es tun. Und er wirft ihn auch aber nicht gegen den Feind, sondern gegen die Eigenen. Die Menschheit ist nicht zu retten, so mag sie ausgelöscht werden. Rauch, Flammen, Donner, Unter­gang. Einstürzt Welt, ausspeien Grüfte, und im Hintergrund des Raimund-Theaters heben ein paar Skelette das Klapperbein..: das jüngste Gedicht ist über uns hereingebrochen.

Und zwar in Form eines kubistischen Schau­spiels, aus breiten, scharfkantig abgesetzten Flächen ineinandergefügt. Die Arbeit eines exakten Schwärmers, der auch zur Hitze auf kaltem Wege kommt. Seine Phantasie fliegt vernunftbeladen: so fehlt es ihr, will sie höher, nicht an auszuwerfendem Ballast. Gas ist das Werk eines Dichters, der von der Verstrickung der Erdgeborenen ins Allzuirdische seine Vision hat, die Welt, wie er sie sieht, wenn auch nicht umzureißen, so doch zu umreißen, und das Stückchen Garn aus dem großen Knäuel, das ihm zwischen die Finger gerät, zum starken Gewebe zu verspinnen weiß.

Er hat die Gnade des Gesichts und die Kraft zur Gestaltung. Als Vorbeter einer neuen heiligen Menschenbrüderschaft fehlt es ihm wohl an der rechten, herzgeborenen Inbrunst. Seine Verzückung scheint ein Willensakt, und wenn er die Arme öffnet, um Brüder an die Brust zu ziehen, liegt in dieser Geste etwas Turnerisches. Auch riecht die Menschenliebe, die in das Werk hineingetan, ein wenig nach der literarischen Küche. Jedenfalls ist sie ein ausgezeichnetes Ferment, erwirkend dra­matische Gärung. In der Diktion, deren formale Kürzung auch gedankliche Verdichtung ist, verleug­net sich der Preuße nicht. Hier wird gemeines Deutsch im Stechschritt überrannt, und jeder Griff in’s volle Worte-Leben klappt wie Gewehrgriff. Das Rhapsodische der Sprache übt seinen Reiz. Wenn der Dichter von der Hand am Hebel spricht, folgt dem unweigerlich das gleiche Bild in einer Bearbeitung für den Fuß am Schaltblock und in einer für das Aug‘ am Sichtglas. Vor solcher Triplizität des Gedankens gibt es kein Entrinnen. Ein­zeln wird das Symbol nicht abgegeben. Das hat sein Quälendes, aber auch sein Schönes, atmet den großen Atem der großen musikalischen Phrase.

Herr Dr. Beer hat der Dichtung seine Theaterleidenschaft und beklemmende Arbeitsintensität gewidmet. Antaucht fast das ganze Personal der Bühne an dem Thespiskarren, der in einer Fuhr Gas I und Gas II zu schleppen hat. Erstaunlich rasch, in der Zeit von kaum zweieinhalb Stunden, sind sieben Akte vorüber. Die Szenenbilder bescheiden sich, mehr Rahmen als Bild zu sein, Rahmen um das Wort. Es sind, gewissermaßen, schematische Querschnitte durch die Situation. Dem Licht hingegen ist dramatische Aufgabe zugewiesen. Die technischen Probleme des Spiels löst der Spielleiter ver­nünftigerweise dadurch, daß er sie nicht löst, son­dern nur die optischen und phonetischen Begleiterscheinungen einer angenommenen Lösung gibt. Zu bemerken wäre hier, daß in der dünnen Luft solches Dramas, viele Meter überm Erdspiegel, in der alles sofort zum  Prinzipiellen gefriert, gerade das Glaubhafte des Unglaubhaften wird. Telegraphenstangen mit Porzellan-Isolatoren, Drähte, Lämpchen, Räder: ihre Sach­lichkeit wirkt nur störend im übersachlichen Be­zirk. Vortrefflich sind Herrn Dr. Beer die Mas­senszenen gelungen, das Ineinanderfließen der Individuen zum Kollektivum: Sehr hübsch, wie er im Konferenzakt, die fünf schwarzen Herren schon in Tracht und Haltung als Un-Menschen gegen den Menschen, den Milliardärssohn, absetzt. Zu großen schauspielerischen Leistungen gibt das Drama kaum Gelegenheit. Herr Zeissl spricht den Text des Milliardärssohns wirksam, nur hat sein Erlöserpathos eine Gutmütigkeit und Ofenwärme, die mehr für Familien- als für Menschheitsprobleme taugt. Herr Duschinsky, dieses Sohnes Sohn, trifft den Ton des Ekstatikers. Als Rednerinnen zum Volk halten die Damen Witzmann, Karoly, Loos mit ihrer Leidenschaft nicht zurück, und Fräulein Albert verkündet sehr schlicht ihre dankenswerte Bereitschaft, für den zweiten Teil ein Kind zu gebären.

In: Der Tag, 9.3.1924, S. 10.