Helene Tuschak: „Passagier ohne Gepäck“.
Helene Tuschak: „Passagier ohne Gepäck“. (1937)
Komödie von Jean Anouilh. – Deutsches Volkstheater.
Das Gepäck, das man auf der Lebensreise mit sich schleppt, ist die eigene Vergangenheit. Alle Unzulänglichkeiten, die man empfand, alle kleineren und größeren Charakterlosigkeiten, die man beging, alles Dunkle, das nahte, alles Bedrängende, das verwirrte — es gibt keine absolute Gegenwart.
Den jungen Franzosen Jean Anouilh, der schon zu Beginn der Zwanzig von sich reden machte, reizte das Problem: Wie wäre es, wenn ein Mensch, innerlich völlig unbeschwert, sein Leben von neuem beginnen könnte? Ein eigenartiger dramatischer Vorwurf, mit hundert Möglichkeiten geladen. Anouilh hat seinen Ernst, hat ein Stück Tragik des Menschentums immer wieder schwankhaft überblendet. Diese Stillosigkeit ist sein Stil, sehr originell, aber, sieht man genauer zu, doch an Wedekind anschließend, also ein literarischer Passagier, der mit Zugsverspätung einfährt. Dennoch ein starkes Talent, dessen stilistische Verworrenheit durch die pikanten Musiksilhouetten von Darius Milhaud – man kann dieses witzige, völlig unmotivierte Dazwischenfahren der Musik kaum anders nennen — noch// gesteigert wird. Milhaud, der Komponist des Pauvre Matelot, des „Armen Matrosen“, hat mit Hörspielen und auch diesem rein illustrativen Genre im Kammerton eine Art Blitzlichtmusik geschaffen.
Im Blitzlicht erhellt auch Anouilh den Seelenzustand seines Heimkehrers, der im Krieg das Gedächtnis, also das Gepäck der Vergangenheit, verlor. Er weiß nichts von sich, und viele Familien bewerben sich heftig um ihn, nicht um ihn allein, auch um sein Geld; Familien „von Familie“ stehen obenan. So wird er szenisch eingeführt. Ihm graut vor den Verwandten, die da erstehen, graut vor dem Vorkriegsschloß und den Vorkriegsansichten, graut am meisten vor dem, fauligen „Früchterl“ dieses Milieus, das er selbst einst war. Es graut ihm im Ernst und mit Recht. Tragik? Gewiß. Aber da grinst und spöttelt schon wieder der Schwank in die Ergriffenheit und dreht sie possenwärts — Angst vor dem Ernst.
Der Heimkehrer fühlt den Alp dieser Familie und seiner Niedertracht von einst, in der es pathologisch irrlichtert, und stürzt davon, Hals über Kopf in ein ihm völlig fremdes, andres, familienloses Zufallsschicksal hinein. Er will nicht sein, der er war, er will, gewandelt durch den Krieg, als Erneuter ein neues Leben beginnen.
Wie Edouard Bourdet, so haßt Jean Anouilh die Familie, in der er nur Degeneriertes sieht: Ehebruch, Wechselfälschung, Lustmord an Tieren, Hochmut und ähnliche Lieblichkeiten, die in der Persiflage, in Milhauds Tanzschritten, noch abstoßender wirken als im Ernst. Und man begreift, daß der Spielführung Heinrich Schnitzlers dieser Ernst näher lag, daß er ihm wichtiger war als das satirische Geranke, das allerlei menschliche Gemeinheiten verhöhnt.
Nicht nur in politischer, auch in literarischer Beziehung — alles Zeitgeschehen ist innerlich verbunden — scheint Frankreich jetzt durchzumachen, was schon hinter uns liegt. Dennoch ist es interessant, diese Entwicklung zu verfolgen, zu deren dichterischen Exponenten der höchst beachtenswerte Anouilh gehört. Er hat in Berta Zuckerkandl-Szeps, der geistvollen Übersetzerin, einen ausgezeichneten Dolmetsch gefunden.
Auch die Darstellung hat seine Sache respektvoll vertreten. Allen voran Hans Jaray der Heimkehrer und Dorian Gray des Krieges, der niemals künstlerische Maße überschreitet und diese Problemfigur in ihrem Zeitgeiste formte. Dann Egon v. Jordan mit ergreifender Ökonomie der Geste, die in ihrer Enge symbolischen Ausdruck gewinnt. Er ist in diesem Spiel Darsteller der Güte, des verzichtenden Begreifens, während Sibylle Binder, Josef Rehberger Johanna Terrin, Elisabeth Markus Typen, sehr starke Typen stellen, an denen der ihnen Entwachsene zerbricht. Sie werden von Alfred Kunz in Drehbühnenbilder gefaßt, deren Ausdruckskraft mitbestimmend ist für die Milieuwirkung. In einer Knabenrolle wagte die blutjunge Elfriede Kuzmany den Sprung von der Klasse Schulbaur unter die Erwachsenen der Bühne, wagte und gewann durch ihre warmherzige Natürlichkeit.
Das Problem des erneuten Lebensbeginnes hat den Autor schon in dem Schauspiel Es war einmal ein Gefangener beschäftigt. Dort war es ein Bagnosträfling, der nach zwanzig Jahren aus Cayenne in die Heimat zurückkehrt. Anouilh, jetzt 29 Jahre alt, lebt in Paris, und die Pitoёff haben den Passagier ohne Gepäck eine ganze Saison hindurch gespielt. Nun hat er auch hier im Zeichen starker Spannung und ansehnlichen Erfolges Station gemacht.

