Rudolf Holzer: Neue Lyrik
R[udolf] Holzer: Neue Lyrik. [Hoeflich, Grünewald u.a.] (1922)
Gedichte, aus starkem inneren Erlebnisse quellend, hat Eugen Höflich (Ilf-Verlag in Wien) in einem schlanken Band vereint, dem er den Namen Der rote Mond gegeben hat. Es sind phantastisch-enthusiastische Verse, eigenwillig und ungeformt im Bau, von starker Bildkraft, mitunter in dem Bestreben, die Farben und Melodienart einer exotischen Um- und Geisteswelt zu vergegenwärtigen, manieriert. Der Orient gibt ihnen Grundfarbe. Nicht der von „Tausendundeine Nacht“. Er erscheint als eine in Größe sterbende und untergehende mächtige Welt. Sie wird gezeigt in Kampf, Revolution und Todestragik. Die Gedichte, in Anatolien und Palästina entstanden, besitzen vielleicht deshalb überzeugende Lokalfarbe. Im geistigen Sinne sind sie erfüllt von panasiatischem Widerstande gegen das verweichlichte, verdorbene geistige Europa, erfüllt vom Leib eines zum Sterben bereiten Kulturvolkes. Die Sprache ist orientalisch-bilderreich, zu reich manchmal; der gedankliche Gehalt nicht immer plastisch genug geformt, um den Leser zu einer einwandfreien Vorstellung gelangen zu lassen. – Dithyrambisch sind zwei Gedichtbände Alfred Grünewalds: Dithyrambischer Herbst (H.H. Ilgners Verlag in Potsdam) bringt reine Stimmungsgedichte, seelische Erforschungen, Gemütsreflexionen, Verzückungen, Ekstasen. „O dies Gefühl, von Fühlendem umringt! Inbrünstige Dunkelheit, durchsternt von Staunen.“ Verwandt damit ist das andere Bändchen Sonette an einen Knaben (Verlag Ed. StracheGegründet durch Eduard Strache 1874 aus der (böhmischen) Warndorfer Druckerei und dem Verlag ›Abwehr‹, einem besch... in Wien). Die Verse sind außerordentlich schön in ihrer Tiefe und Fülle der Empfindung, in der Keuschheit des Ausdrucks und Gegenständlichen. Die Maße der sonettischen Form sind meisterlich gewahrt, jedem einzelnen Stück ist Klarheit und Musik nachzurühmen. Grünewald scheint in beiden Büchern gewachsen; er hat sie gewiß aus künstlerischer Notwendigkeit geschaffen, es spricht auch nicht gegen die beiden Gedichtbücher, wenn es Leser geben wird, die mit seinem Buch Karfunkel, neue Ballen und Schwänke (Ilf-Verlag in Wien), mehr Freude haben werden. Es steht ihm vielleicht menschlich ferner, künstlerisch sicher näher. Die romantische Ballade bildet Grünewalds persönlichste Art. Grause, aber künstlerisch gebändigte Phantasie, zu sprachlichen Dichtwerken geformt, kennzeichnet dieses Buch. Die Gedichte enthalten alle Wesenheiten der Ballade: Phantasie, Erfindung, Farbenreichtum, Bewegung, Pointe. Einige sind historisierende Novellen in Versen. Das Buch ist gediegen und geschmackvoll ausgestattet; E. Schmale-Walter hat etliche Steinzeichnungen hiezu geliefert. – Von den Früchten der letzten lyrischen Ernte Grünewalds die liebste ist mir das ganz schmächtige Büchlein Mutter (Verlag der Wiener graphischen Werkstätte). Der Untertitel heißt: Ein Requiem. Grünewald hat in Diktion, Empfindung und Geistigkeit wie wenige // jüngere Lyriker den Schlüssel zum Herzensreich. In 23 Gedichten erklingt hier ein Leidenslied, erklingt Klage, Sehnsucht, Trauer um eine entschwundene Mutter. Dieser Verse tiefste, mächtigste Wirkung kommt aus ihrer Einfachheit. In wasserheller Klarheit und Frische strömt das klagende Lied eines Kinderherzens um die entschwundene Mutter hin. Die Gefühls- und Gedankenformulierungen der Gedichte in knapper Einfachheit und Schlichtheit gemahnen an die besten Meister deutscher Empfindungslyrik… Ergriffen, aber auch erhoben, liest man dies wahrhaftige Requiem – ein Requiem auch ob seiner Feierlichkeit, demütigen Ergebenheit, erhabenen Musikalität – vom Anfang bis zum Schlusse. – Erlösung ist eine kleine symbolische Dichtung (Amalthea-Verlag, Wien) betitelt, vorgetragen von sprechend auftretenden erhobenen Geistern und Mächten, deren Namen einst Welten bedeuteten. Eine junge Wienerin, Marie Wechtlin, ist die Verfasserin des Geisterrufes. Dramatis personae sind Jesus von Nazareth, Maria, einige Apostel, der Geist Rousseaus, Goethes, Schopenhauers, Nietzsches, Tolstois. Der Ort ihrer Begegnung ist ein Maskenball der europäischen Nationen im Spiegelsaale eines Schlosses. Die Dichterin merkt große Gedanken, große Schicksale auf ein paar Seiten mit ein paar beiläufigen Charakteristiken an. Ein sinnvolles Spiel von Schatten. Mit seinem inneren Werte in keinem Verhältnis steht freilich die Größe der aufgerufenen Geister.

