Emmerich Kalman: Die Operette im Film

Emmerich Kalman: Die Operette im Film. (1920)

            Die Operette ist eine dramatische Kunstform, die sich der Film am spätestens erobert hat. Man kann auch von einem Erobern kaum sprechen; die Operette bietet der Verfilmung ein sehr sprödes Material, das nicht leicht zu meistern ist. Die Filmoperette oder vielleicht besser ausgedrückt, das musikalische Lustspiel ist eine Sache der Zukunft. Es kann gemacht werden und es wird auch gemacht werden, aber ich glaube daß es den Zauber des lebendigen Wortes und der wirklichen Persönlichkeit noch schwerer vermissen lassen wird, als alle anderen Arten der Filmhandlungen. Die Operette wird nie mit einer guten spannenden Filmtragödie oder einem Detektivstück konkurrieren können. So viel Aktion läßt sich in einer Operettenhandlung nicht komprimieren, wo sich das wirkliche dramatische Geschehen gewöhnlich nur auf die Finalegruppen beschränkt. In einer Beziehung wird bei der Übertragung in das filmische Geschehen ein wirklicher Gewinn erzielt und ein Vorteil gegenüber der theatermäßigen Form gewonnen. Das ist bei der Exposition der Fall. Der Film kann die handlungsmäßigen Voraussetzungen und die Vorgeschichte in einer weit ausholenden Manier zur Darstellung bringen, was im Interesse des Ganzen oft sehr erwünscht ist. Die Bühnenoperette kann sich nicht soviel Raum gönnen für die Exposition und kann sie nur viel weniger eingehend entwickeln. Der Mangel an wirklicher Aktion erzeugt Situationen, denen unfreiwillige Komik innewohnt. So wenn auf eine glühende Liebesszene plötzlich ohne Übergang ein Abtanz erfolgt. Das wirkt grotesk und lächerlich. Da fehlt eben die bindende Kraft des Wortes, das die Überleitung von einem mimischen Ausdruck zum anderen schafft. Wie ich überhaupt entschieden dagegen bin, moderne Operettentänze auf der Leinwand zur Darstellung zu bringen. Der Charme, die Linie gehen vollständig verloren, das Bild der Tänzer erscheint eckig und ungraziös, die Bewegungen sind überhastet und laufen von der Musik weg. Die Tempos der Begleitmusik werden bei der Vorführung nicht eingehalten, die Beziehungen zwischen Bild und musikalischer Begleitung verwirren sich.

Ob ich der richtige Mann bin, den Standpunkt des Musikers in der Frage der Filmoperette zu präzisieren, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob andere ebensowenig günstige Erfahrungen gemacht haben wie ich. Die meisten meiner Operetten sind verfilmt worden und sind auch in dieser Form erfolgreich gewesen, aber ich weiche noch heute Anträgen, die mir in dieser Beziehung gemacht werden, nach Möglichkeit aus, weil ich bisher nur Enttäuschungen erlebt habe. Ich sah meine Ideen bisher nie verwirklicht und auch dann, wenn mir bestimmte Zusagen im Sinne meiner Wünsche gemacht wurden, war die Ausführung nicht in meinem Sinne. Die Art, wie zum Beispiel meine Csardasfürstin herausgebracht wurde, ist sehr weit entfernt von der Lösung des musikalischen Filmlustspiels, der Filmoperette. Man ließ sich daran genug sein, aus den Melodien der Operette eine Begleitmusik zusammenzustellen, die nur sehr beiläufig Beziehung zur Filmhandlung hatte. Meine Idee war, eine eigene Partitur zu schreiben, die die Vorgänge auf der Leinwand melodramatisch untermalen sollte. Dazu ist es nicht gekommen.

            Zusammenfassend: so sehr ich die Filmkunst schätze, so sehr ich die ernste künstlerische Arbeit und die ausgezeichneten künstlerischen Ergebnisse von Werken, wie der Madame Dubarry,, zum Beispiel zu schätzen weiß, stehe ich doch der Filmoperette mit geteilten Empfindungen gegenüber. Die wirklichen Erzeugerfreuden genieße ich doch nur in meinem legitimen Bunde mit der Theatermuse…

In: Die Kinowoche H. 6 (Mai) 1920, S. 1.