Paul Stefan: Musik und Maschine

Paul Stefan: Musik und Maschine. (1926)

Es ist in diesen Blättern berichtet wor­den, daß zum erstenmal auf dem Musikfest in Donaueschingen Musik auf mechanischen Instrumenten pro­grammgemäß vorgeführt wurde. Pro­grammgemäß: die Veranstalter taten es mit dem vollen Bewußtsein, an ein Problem zu rühren und dieses Problem zur Diskussion zu stellen. Die Diskussion ist denn auch aufgenommen worden, ja man möchte fast sagen, daß sie mit Vehe­menz ausgebrochen ist. Sämtliche Musik­zeitschriften erörtern die Frage der me­chanischen Instrumente, das Problem „Musik und Maschine“ in langen Spalten, einzelne haben Sonderpublikationen veranstaltet und an dem Tag, an dem diese Zeilen dem Druck übergeben werden, erscheint gar ein Buch mit dem Titel dieses Aufsatzes, ein Buch, in dem alle Fragen zu diesem Thema gestellt und mit dem besten Wissen einer jungen Ge­neration beantwortet werden. (Verlag des Anbruch, Wien.) Die Bühne war die erste Wiener Zeitschrift, in der man für die Probleme des Grammophons und des Rundfunks Verständnis hatte. Sie will nun weiter darüber einiges sagen.

Von drei Seiten gehen die mechani­schen Instrumente an die sogenannte „ernste“ Musik heran; denn daß das Grammophon zum Tanz aufspielt, ist ja eine seit langem bekannte und keiner Erörterung bedürftige Sache. Diese drei Angriffsrichtungen sind: Musik der Schallplatte (Grammophon), Musik zum Film, Musik im Rundfunk. Dazu käme nun noch die Verdrängung der Schall­platte durch andere Musikmaschinen, wie das mechanische Klavier, die mecha­nische Orgel, die Musikmaschine an sich vom Leierkasten bis zu dem sogenannten Sphärophon.

Die Musik der Schallplatte, Musik des Grammophons ist längst eine der ernste­sten Gegnerinnen der individuellen, nicht mechanischen Kunstübung daheim. Dar­über wird noch gesprochen werden müssen. Es muß aber gleich hier gesagt werden, was das Grammophon vor jeder individuellen Kunstübung voraus hat. Es vermittelt dem, der nun einmal nicht Klavier oder Geige spielt, nicht singen, nicht sein eigenes Orchester dirigieren kann, die Kenntnis dieser Arten von Musikübung. Aber auch dem Künstler, der in dieser Art Reproduktion Bescheid weiß, vermittelt das Grammophon Kennt­nis von der besten Ausführung der ihn am nächsten angehenden Musikstücke. Die Schallplatte ist theoretisch unsterb­lich, auf lange hinaus wenigstens unzer­störbar. Die Schallplatte bewahrt, kon­serviert, wird zum Museumsstück der Musik. Caruso singt heute noch, wie er gesungen hat, Musterbeispiel für alle Sänger, Labsal für alle, die diese herr­liche Stimme, diese Gesangskunst geliebt haben. Ein großer Pianist, ein einzigarti­ger Geiger, ein Dirigent von höchster Weihe, sie werden alle durch die Schall­platte im höchsten Sinn des Wortes ver-// ewigt. Groß ist daher die Verantwortung der Gesellschaften, die Schallplatten her­stellen. Sie müßten das wahrhaft Beste erfassen, erhalten und dem Publikum zugänglich machen. Unsere Musikkritik, heute gezwungen, den elendsten Stümper anzuhören und zu rezensieren, der sich irgendwo für ein paar hundert Mark einen Konzertsaal gekauft hat, unsere Musikkritik müßte weit eher sich der Kritik der ausgegebenen Schallplatten, Kritik des Rundfunks widmen.

Produziert die Schallplatte für eine spätere Zeit, so gibt die Musik im Rundfunk wohl nur unmittelbare Gegenwart, aber ihr Geltungsbereich ist so groß, daß auch hier die ernstesten Probleme ent­stehen. Welche Musik eignet sich für den Rundfunk, technisch und künstlerisch betrachtet? Welche Stimmen, welche In­strumente, welche Werke kommen in Betracht? Genügt es, dem Publikum bloß Unterhaltung zuzuführen oder ist die Rundfunkunternehmung, sofern es über­haupt Kunstpolitik und künstlerische Verantwortung gibt, nicht auch ver­pflichtet, ihren Hörern die klassischen, das heißt mustergültige Werke aller Zeiten, also auch der Gegenwart zugäng­lich zu machen? Auch hier müßte, wenn Musikkritik überhaupt einen Sinn bat, die Öffentlichkeit ihrer Bestimmung walten und die Leistungen der Rund­funkunternehmung kontrollieren. Auch das ist wichtiger als Reportage über un­mögliche Solistenkonzerte, über die hun­dertste jährliche Aufführung von Beet­hovens Neunter Symphonie im Konzert­saal.

Wir kommen nun zum Problem der eigentlich und von vornherein für mechanische Instrumente bestimmten oder doch auf mechanischen Instrumenten re­produzierten Musik, der Musik der Ma­schinen. Die Versuche, für mechanische Musikwerke zu schreiben, reichen zum mindesten in die Zeit der großen Klassi­ker zurück. Die vollkommenere Technik dieses Jahrzehnts, seine wirtschaftlichen Nöte machen die Frage der Mechanisierung besonders aktuell. Wie weit ist man heute vom Leierkasten, von dem „Ariston“ der Neunzigerjahre und ähnlichen Drehorgeln und Musikdosen! Wer etwa in Donaueschingen die mechanischen Welte-Instrumente gehört hat, weiß, daß sich hier dem Komponisten eine neue Welt fast unbegrenzter Möglichkeiten öffnet. Dabei wird sich Komposition für mechanische Instrumente von vorneherein etwa bei jeglicher Filmmusik be­sonders empfehlen, weil ja der Ablauf eines mechanischen Werks die richtige Zeitdauer gewährleistet. Die große Hoff­nung derer, die von mechanischen In­strumenten träumen, liegt freilich anderswo als beim mechanischen Klavier, bei der mechanischen Orgel. Ihr Traum scheint der Erfüllung nahe durch das Sphärophon, über das hier schon gespro­chen worden ist, eine Musikmaschine, die jeden Klang, jeden Ton wiedergeben kann. Ihr Ziel wäre, von Musiktürmen aus mit der unerhörten Stärke, die den Sphärophon eigen sein kann, einen ganzen Landstrich das große Musikwerk der klassischen oder gar einer neuen Zeit zu vermitteln. Eine der wichtigsten Fragen ist nun freilich: wozu überhaupt mechanische Musik? Und wird sie nicht den Musiker verdrängen, ja die Seele überhaupt aus der Musik verbannen? Darauf wäre in Kürze zu antworten, daß sich das Be­dürfnis nach mechanischer Musik, zum mindesten nach mechanischer Reproduk­tion angesichts der Masse der Musik­bedürftigen und mit Rücksicht auf ihren Wohnsitz in oft kleinen, weiten Dörfern unerweislich ergibt. Eine Gefahr für den einzelnen Musiker, den Instrumentalsten, den Sänger, den Orchesterspieler ersteht sicherlich. Aber die mechanischen Instrumente werden doch wohl nur auf Gebie­ten vordringen können, die der nicht­ mechanischen Reproduktion bisher ver­schlossen waren. Und die Sorge um die Seele in der Musik überlasse man getrost dem Ablauf des Weltgeschehens. Seele ist nichts, was sich kommandieren und reglementieren läßt. Die Seele und ihre Offenbarung ist überhaupt das einzig Wirkliche und sie wird immer ausströ­men und sich manifestieren, solange es ein Denken und Sein gibt, von der vereinzelten Seinsform der Kunst über­haupt ganz abgesehen.

In: Die Bühne H. 104 (4. 11.)1926, S. 19-20.