Therese Schlesinger: Die Frauen und der Krieg.

Therese Schlesinger: Die Frauen und der Krieg. (1929)

Es hilft nichts, sich darüber täuschen zu wollen: 1914 hat in allen kriegführenden Ländern der mütterliche Instinkt versagt. Millionen Mütter haben es schweigend geduldet, wenn sie nicht jubelnd zugestimmt haben, daß man ihre Söhne, oft noch halbe Kinder, zur Schlachtbank geschleppt hat. Man wird vielleicht einwenden, daß sie es ja nicht hätten zu verhindern vermocht. Vielleicht nicht, aber ganz sicher wären sie imstande gewesen, die Ausdehnung und Dauer des Krieges einzuschränken, wenn sie es bei seinem Beginn voll begriffen hätten, was da eigentlich vorging, wenn sie ver­standen hätten, daß man ihre Männer, Söhne und Brüder vor die Kanonen jagt, um der Streitigkeiten willen, die zwischen der Ländergier der Herrscherhäuser einer­seits und anderseits zwischen den Profit­interessen der verschiedenen nationalen Kapi­talistengruppen entstanden sind, und daß man sich nicht scheut, ihre Männer und Kinder zu quälen, zu entwürdigen, zu Krüppeln zu machen und zu töten, um einer Sache willen, die keineswegs die des Prole­tariats, sondern lediglich die Sache seiner Unterdrücker, Ausbeuter und Klassenfeinde ist, die über die zerfetzten Leiber der Kinder des eigenen und der fremden Länder hin­weg glänzende Geschäfte machten.

Wie hätten sie das damals verstehen sollen? wird man einwenden. Verstanden es doch auch reife Männer nicht und ließen sich von den Kriegshetzern betören, die am Weltbrand ihr Süppchen, nein ihre schwel­gerische Mahlzeit kochten. Und doch stand es für die Frauen anders. Schlimm genug, daß der Verstand der Massen durch die Tätigkeit der Lügenfabriken überwältigt werden konnte, merkwürdig genug, daß die Kriegshetze es vermocht hat, den sonst immer regen Selbsterhaltungstrieb Zu überwinden, aber es gibt doch etwas, das noch stärker ist als Verstand und Selbsterhaltungstrieb, und das ist die Liebe und insbesondere die Mutterliebe. Wie war es dennoch möglich, daß auch sie unterlag und daß die Frauen nicht gefühlsmäßig erfaßten, was zu be­greifen der Verstand der Männer nicht ausreichte?

Wenn ich von der Kraft der Mutterliebe rede, so denke ich dabei nicht an eine Affenliebe, die das Wohl des eigenen Kindes als das einzig wichtige in der Welt ansieht. Ich weiß, daß zu allen Zeiten Mütter lebten, die ihre Söhne für das Wohl der Gesamtheit hingaben, für das Wohl des Vater­landes in der noch nicht in herrschende und unterdrückte Klassen zerrissenen Gesellschaft, und später für den Kampf um die Freiheit, und gerade in der Stunde, da sie ihre Söhne den schwersten Gefahren entgegengehen sahen, um ihre Pflicht der Gemeinschaft gegenüber zu erfüllen, waren diese Mütter von dem erhabenen Gefühl beseelt, ihr Kind zu solcher Opferbereitschaft erzogen zu haben und es jetzt seiner Bestimmung zuzuführen.

Aber was war den vom Kapitalismus am allerschwersten geknechteten Soldatenmüttern aller Staaten, die am Weltkrieg teilnahmen, das Vaterland, was konnte und durfte es ihnen sein? Nichts andres als das Land, in welchem nicht nur sie selbst, son­dern auch ihre Männer und Kinder schonungslos ausgebeutet und dazu noch politisch entrechtet, verachtet und unterdrückt wurden.

Daß Kriegspropaganda und Gewalt den­noch die Mutterliebe zu lähmen vermochten, ist nur dadurch zu verstehen, daß die Frauen und selbst die erwerbstätigen unter ihnen in psychischer Vereinzelung lebten, daß sie ihre Schmerzen noch allzusehr als individuelles Leid empfanden und daß das gesamte Proletariat noch zu wenig zahlreich, zu wenig fest  organisiert und viel zu wenig aufgeklärt war ein Schicksal, das es mit den Intellektuellen teilte), um sich der Kriegspsychose zu erwehren.

So konnte es geschehen, daß die Herrschenden jedes einzelnen Landes dessen Bevölkerung einreden konnten, die Bewohner der andern Länder kennten kein andres Verlangen, als Weib und Kind, Eltern und Liebste im Stiche zu lassen, um in ein ihnen unbekanntes Gebiet, eines, von dem sie oft kaum reden gehört hatten, einzubrechen und dort zu morden, zu schänden und zu plün­dern.

Solche List gelang ihnen um so leichter, als die Massen der Männer und Frauen Europas nie einen Krieg erlebt und keine Ahnung davon hatten, was ein moderner Krieg bedeutet. Sehr viele stellten sich ihn kaum viel anders vor als etwa eine Wirtshausrauferei in vielfach vergrößertem Aus­maß. Mütter lieben es ja nicht, wenn ihre Jungen an Raufereien teilnehmen. Man kennt Fälle, in denen einer dabei viel mehr als eine Tracht Prügel abbekommen hat. Aber schließlich, Unglück kann man bei jedem Anlaß haben, und warum soll es denn gerade meinen Buben treffen, wo ihrer doch so viele Tausende sind? Mit solchen geheimen Er­wägungen schützten sich viele Frauen vor Anprall der Verzweiflung, die vielleicht schon damals auf dem Grund ihrer Seele lauerte, deren Stimme sie aber kein Gehör schenkten.

War es doch den Herrschenden gelungen, die Meinung zu verbreiten, daß der Krieg nur durch ganz kurze Zeit, Wochen, höchstens Monate dauern könne, wodurch im Gefühl jeder Mutter die Wahrscheinlichkeit, daß ihr Sohn gerade dorthin kommen werde, wo es am heißesten zuging oder gar fallen konnte, auch noch herabgemildert wurde.

So konnte das Ungeheuerliche geschehen, daß Frauen in großer Zahl den Soldaten, die in Viehwagen verstanzt wurden (zehn Pferde oder vierzig Mann), bei ihrer Abfahrt zujubelten, ihnen Blumen und Näschereien brachten, statt sich vor die Lokomotive zu werfen, um den Abtransport zu hindern. Das wäre freilich nicht ungefährlich gewesen. Die Lokomotive wäre wohl nicht über Hunderte von Frauenleibern hinweggegangen, aber man hätte die schlechten Patriotinnen gewaltsam weggerissen und eingesperrt. Später haben die Frauen noch ganz andre Qualen ertragen müssen, die ihnen wenigstens zu einem guten Teil erspart geblieben wären, wenn sie zu Anfang des Krieges so entschlossen gehandelt hätten.

Welch ein kriegsfeindlicher Eindruck wäre damit in der Öffentlichkeit erzielt, wie viele Männer wären auf diese Weise von ihrer Ver­blendung geheilt worden und in welchem Maße hätte ein derartiges, ungefähr gleichzertiges Vorgehen der Frauen in verschiedenen Ländern die Herrschenden ängstlich machen und den Krieg abkürzen müssen! Als im viel späteren Verlauf der Kriegsjahre nicht nur zahllose Männer gefallen, zu Krüppeln geworden, in qualvolle Gefangenschaft geraten und geistig und seelisch zugrunde gerichtet, sondern auch Familien zerstört worden waren und grenzen­loses Elend das Los der Arbeiterfrauen war, als die Mütter nicht nur den Verlust von Gatten und Söhnen, sondern noch Schlim­meres zu ertragen hatten, das Wimmern ihrer kleinen Kinder um Brot und deren Hinwelken und Sterben, da erwuchs in vielen von ihnen die Tapferkeit, deren sie zu Beginn des Krieges nicht fähig waren. Sie rotteten sich zusammen und forderten stürmisch Brot und Frieden. Sie hatten nur taube Ohren für die Drohungen der säbelfuchtelnden Polizisten. Viele trugen ihre kleinen Kinder den Schwärmen berittener Wachleute entgegen und schrien, daß für sie selbst und die armen Kleinen, erstochen werden oder verhungern gleichbedeutend sei.

Als es aber einmal so weit war, da wußten es auch die Herrschenden, daß nun dem Krieg ein Ende gemacht werden müsse.

Wenn wir vor fünfzehn Jahren nicht begriffen haben, was Krieg bedeutet, so können wir zu unserer Entlastung anführen, daß es sehr viele, nicht nur gescheite, sondern auch berühmte Männer, Gelehrte, Dichter und auch Sozialisten gegeben hat, die es ebensowenig begriffen. Der Mangel an Er­fahrung aber, der ihnen und uns damals zur Entschuldigung dienen konnte, auf den dürfen wir uns niemals wieder berufen. Heute wissen wir genau, was Krieg bedeutet, und wir wissen auch, daß der Widerstand gegen ihn um so wirksamer ist, je früher er einsetzt, während ihn zulassen nicht Leiden entgehen, sondern unendlich verschärfte Leiden auf sich nehmen und auf unsere Lieben herabbeschwören heißt.

Die Erinnerung an all das Entsetzliche, das wir erlitten, darf nie in uns verblassen. Wir sind vielmehr verpflichtet, es unseren Kindern als heilige Pflicht aufzuerlegen, jeder künftigen Bedrohung mit einem Kriege für die Macht- und Profitinteressen des Bürgertums mit der ganzen Kraft und mit allen Mitteln zu begegnen, über welche die Männer und Frauen des Proletariats verfügen.

In: Arbeiter-Zeitung, 28.7.1929, S. 5.