Ludwig Ullmann: Heinrich Eduard Jacob und sein Roman Blut und Zelloluid (1929)
Ludwig Ullmann: Heinrich Eduard Jacob und sein Roman Blut und Zelloluid (1929)
Sie ist, diese seltsame Erzählung, genau genommen, die Farce eines Dichters, eine Groteske, die mit Herz geschrieben ist und erschütternd sein könnte, wenn sie nicht so klug, so zurückhaltend, so durch und durch überlegt und überlegen, so zart und schlau und leicht schwebend im Ton wäre.
Der Dichter Heinrich Eduard Jacob ist ein Paneuropäer nicht nur im Geiste. Der Ungestüm seiner Überzeugung wird allerdings durch alle Vorurteile persönlicher Kultur gehemmt. So schillert seine Leidenschaft ein wenig ironisch, und wo er sich zu einem übrigens immer sehr scheuen und beinahe schüchternen Pathos aufschwingt, geschieht es mit einem wehmütigen und ein wenig resignierten Lächeln.
Jacob ist ein alter Polemiker, aber er hat die Freude des Fechters, am Gegenhieb, seine Vorliebe für Pointen kennt keine Parteilichkeit. Er liefert sich gleichsam selbst die Gegenargumente und er führt die Partie auf dem Schachbrett geistiger Auseinandersetzungen gegen sich selbst mit graziöser Unparteilichkeit. In dieser geschmeidig straffen Zucht des Geistes erinnert er manchmal fast an Rokokoschriftsteller, in jener kämpferischen Anmut, die sich hütet, zu verraten, wie ernst sie die Dinge nimmt, mit denen sie scherzt.
Es scheint, daß hier ein Dichter endlich einmal Gerechtigkeit nicht als eine Formel strenger Würde betrachtet, sondern als eine Helle und heitere Selbstverständlichkeit geistigen Lebens und geistiger Menschen. Und daß er sich gleichsam selbst entzückt am Wettstreit der Gedanken, der Schlagworte, ja selbst der Phrasen.
Es handelt sich um einen Filmroman, der seltsamerweise wirklich ein Kulturroman ist. Die heilige lateinische Trinität, Karls des Großen Erbe, der leider nur im Geiste auserlesen Unbefangener geschlossene Dreibund: Deutschland, Frankreich, Italien, ist der Held einer Handlung, die im übrigen viele Gestalten hat, tragische wie burleske, Profile wie Silhouetten, scharfgeschnitten wie behaglich karikiert, ein Gewimmel von Fratzen und Farben.
Jacob erzählt, wie deutsche Filmjobber mit dem Geld französischer Rechtspolitiker dem Fascismus eins auswischen wollen und wie kläglich diese nicht ungefährliche Kinoromantik Fiasko macht. Kläglich, aber vom bitteren Ernst gleichwohl überschattet. Es ist ein Operettenfinale, aber es hat jene große Geste und jenen glühenden Schwung, durch die die Kantilene Verdis mühelos ist und gleichwohl feurig ohnegleichen.
Das macht: Jacob schreibt wie ein Franzose, denkt wie ein Deutscher und empfindet wie ein Italiener. Sein Stil, elegant ohne Süße, hat jenen leichten Ton und Duft, hinter dem Jahrhunderte schriftstellerischer Unerbittlichkeit leuchten, seine Logik ist gerade und scharfkantig, wie ein Linieal. In der Landschaft seiner Seele aber herrschen die jähen und beglückenden Stimmungswechsel italischen Südens, die malerischen Schatten und die gespenstisch flackernden Helligkeiten, alle jene Tinten und Töne, die, flüchtig und fliehend, nie zu fassen sind, alle jene Listen und Lieblichkeiten, die wie ein Hauch entgleitend, so unendlich reizvoll und so unendlich treulos sind.
Er schrieb dieses sein Buch mit Liebe. Mit einer vielseitigen Liebe allerdings, hellhörig, scharfsichtig, empfänglich und empfindlich. Er nimmt kaum Partei, obgleich man seine einwandfreie und selbstverständliche Gesinnung gleichsam aus der edlen Geste, mit der auf ein hochtrabendes Bekenntnis verzichtet wird, erkennt. Sie selbst kennt kaum Parteien noch Völker, noch Nationen, noch Theorien. Sie kennt nur hastende und fiebernde, irrende und suchende, betrogene und trügerische, glühende und blühende Menschengesichter.
Und das große Glück einer schmerzlich klaren Ironie. Sie liebt alle Dinge, außer sich selbst, aber sie liebt unnachsichtig. Ihr lächelnder Blick sieht durch die dichtesten Schleier und auch durch die prächtigsten geistigen Uniformen. Den nackten Menschen findet er schön in seiner Scham und sanft höhnischen Mitleids wert.
Diesen nackten Menschen zeichnet Jacob ein paarmal mitten in der oder jener Einöde. Es ist dann immer ein ganzer Mensch, auf seinem wilden und zerquälten Antlitz ruht, wenn auch sarkastisch sinnend, eines Dichters Auge.

