Béla Bálázs: Rohstoff

Béla Bálázs: Rohstoff (1925)

Im Raimund-Theater, wo in der letzten Zeit das Schicksal der Weißen in Afrika gezeigt wurde, wird jetzt gleichsam der Gegenbesuch dargestellt und eine ansehnliche Schiffsladung schwarzer Fracht gelöscht. Die Kolonialpolitik ist auch in der Kunst sehr aktuell. Man ist eben auf den Rohstoff der Plantagen angewiesen. Die Weiße Kunst scheint ihre ganze Materie an Themen, Problemen, Gestalten und Moti­ven aufgebraucht zu haben und verliert sich in leere Variationen. Freilich, Ibsen und Strind­berg haben es noch gut gehabt: sie konnten sich noch im Inland mit Rohstoff versorgen. Aber — wie seltsam! —, das moderne Leben fördert anscheinend nichts wirklich Neues zutage, was Gegenstand für das moderne Theater werden könnte. Man importiert also aus China und aus Afrika. Nur die Russen scheinen darauf nicht angewiesen zu sein Nun ja, Rußland ist eben das reiche Land an Rohstoffen. Auch an seelischen und geistigen. Aber in Europa ist in letzter Zeit — seltsam, seltsam! — aus dem Leben für die Kunst nichts Neues mehr heraus­zuholen. Oder aber ist das ganze nur eine Verdrängung? Man läßt sich darum so emsig aus Afrika und Asien mit neuen Sensationen beliefern, weil man besondere Gründe hat, das Neue des eigenen Lebens nicht zu beachten?

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Übrigens kommen diese Neger gar nicht so weit her. Auf dem Umweg über Amerika wurden sie bereits von unserer Blässe ange­kränkelt. Die Schokolade dieser Kiddies, besonders die der weiblichen, ist eher Milchschoko­lade. Doch gerade die offensichtliche Rassen­mischung wirkt erotisch pikant. Sie sind leben­dige Dokumente unerlaubter Liebe. Jeder Kör­per ein Corpus delicti. Unkeusch tragen sie in ihrem Blutgemisch die Vereinigung ihrer Eltern zur Schau. Auf weiße Männer wirken sie einladend wie Präzedenzfälle.

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Was den Rohstoff betrifft, so ist in der Kunst gerade sein Rohgeschmack reizvoll. Diese Kunst schmeckt wie Austern. Etwas Krabbelnd-Lebendiges ist in ihr noch zu verspüren. Mit Kunst ist natürlich nur ihre Musik gemeint. Sie klingt wie der instrumentierte Lärm des Urwalds. Die Entstehung der Melodie und Harmonie aus den Naturlauten ist in diesem Übergangszustand (der noch Vogelzwitschern und Katzenmiauen unverarbeitet enthält), dar­gestellt. Jede Kunst wird ja aus einer Natur­tatsache abstrahiert. Das Ornament der griechischen Mäanderlinie ist die stilisierte Form der Meereswellen. Nun, in den Mäandern der Neger ist noch das Brausen der Brandung zu hören.

Der Rhythmus, der zwingende, unerbittlich­ unaufhörliche Rhythmus ist es, der in das akustische Chaos der Naturlaute hineinfährt und sie als erste formende Kraft zur Musik zu organisieren beginnt. In diesem rollenden Rhythmus wird der rohe Lärm zur Musik, die Natur zur Kunst vermahlen. Wir hören in der Mühle das Tosen solcher Urproduktion.

Dieser wilde Rhythmus stolpert ununter­brochen über Unterbrechungen: über Synkopen. Das sind die Steine, die den Gebirgsbach schäumen machen. Sie sind die Stauwerke, die Kraft der Strömung zu steigern.

Das originellste ist aber ihr Orchester als pantomimische Darstellung. Das Spielen der Instrumente ist bei den Ne­gern Ausdrucksbewegung, dramatisches Spiel. Ich meine nicht nur das unaufhörliche Wie­gen ihrer Körper, die alle vom Rhythmus mitgerissen scheinen. Wie der Sänger sein Lied mit Gebärden begleitet, so drückt etwa der Paukenschläger seine Gefühle mit den Gebär­den seines Schlagens aus. Wie er dreinhaut, das ist wild oder zärtlich, pathetisch oder schel­misch: eine darstellende Kunst für sich. Die Trompeten bewegen sich so, daß, wenn sie nicht tönen würden, wir ihre melodische Ab­sicht sehen könnten, wie die Worte an den Lippen der Taubstummen. Diesmal war es nur ein Ansatz zu solcher Orchesterpantomime, die ich mir träume, weil ich schwärzer sehe, als diese Neger sind. Aber auch in ihrem Orchester wandte sich das eine Saxophon plötzlich hin­über zum Klarinett und blies ihm etwas zu, worauf das Klarinett ihm mit blitzschneller Bewegung seine Öffnung zeigte und gebüh­rende Antwort gab. Durch solche mimische Interpretation werden die Stimmen zu Rollen in einem musikalischen Drama, die Motive zu Rede und Gegenrede, der Kontrapunkt zu Begegnung, Konflikt und szenischer Entwicklung in einem Massenauftritt. Gewiß, auch hier liegt vielleicht die Möglichkeit für eine – einstweilen groteske – Kunstgattung. Aber, daß diese Musik überhaupt lediglich grotesk wirkt, mag nur daran liegen, daß sie uns noch fremd ist, darin, daß sie unsere Empfindungen nicht ausdrückt. Das Fremde wird nie ernst genom­men. Doch wer vermag die Zukunft voraus­zusehen?

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Was die Tänze dieser Chocolate Kiddies be­trifft, so waren sie viel weniger überraschend. Zeigten sie uns doch nur die vollendeten For­men und Variationen jener Negertänze, die wir schlecht und recht seit Jahren selber tan­zen. Bemerkenswert war aber das Akroba­tische in ihnen nicht als Akrobatik, sondern als organisches Element ihres Tanzes. Unser normaler Tanz drückt unseren „inneren Rhythmus“, wie man zu sagen pflegt, nur so weit aus, als unsere Muskelkraft und unsere Geschicklichkeit ausreichen ihn auszudrücken.

Wir springen aber nicht immer so hoch als wir fühlen. Und daß wir keine Purzelbäume schlagen, liegt auch nicht immer daran, daß wir nie dementsprechendes empfinden. Bloß ist unser Fühlen gelenkiger als unser Körper, der es ausdrücken sollte. Ja, Akrobatentum würde auch unsere Ausdrucksmöglichkeiten be­reichern. Daß auch das einstweilen nur grotesk wirkt, liegt daran, daß unser Geschmack sich unserer Ungeschicklichkeit angepaßt hat. Sie wahrt die Würde der Vorsichtigen, und kommt von einer Ästhetik der Schwäche, die sich die Hilflosigkeit zur Grazie umgedeutet hat.

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Negerkunst ist grotesk, und zwar, was be­merkenswert ist, in den meisten Fällen nicht nur für uns. Die Neger verulken sich selbst und (zumindest in der Kunst, die sie uns zeigen) persiflieren ihren eigenen Rassen­charakter. Diese Selbstironie als überwiegen­der Bestandteil des Volkshumors findet sich sonst nur bei den Juden. Sie ist der Überrest des Sklavenhumors der Verachteten. Sie stim­men selbst das Lachen an, mit dem sie verlacht werden, und weil es als solches angesehen wird, verziehen sie ihr Gesicht zur Fratze. Ausflucht und Rettung ihres Stolzes liegt darin, daß sie zu dem Spott, den sie über sich ergehen lassen müssen, ihre Einwilligung geben. Weil man ohnehin über sie lacht, also scherzen sie. Man würde ja auch lachen, wenn sie Ernst machten. Und das täte weh.

In: Der Tag, 22.11.1925, S. 3