Bruno Frei: Menschen im Elend. Schuldfrage

Bruno Frei: Menschen im Elend. Schuldfrage (1918)

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und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
als sei ich auch schuld an all dem Jammer.
Richard Dehmel.

Alles hat seine Ursache. Ursache, das ist die Sache, die am Uranfang einer Kette von Mittelgliedern steht. Alles in der Welt ist abhängig von anderen Abhängigkeiten und diese wieder von anderen. Alles setzt sich zusammen aus Teilkräften und ist das Endergebnis von früheren Ergebnissen. – Auch das Elend und die Not und der Hunger und der Jammer haben ihre Ursache. Jemand oder etwas muß an ihnen schuld sein. Manche sagen die Fahrlässigkeit des Notleidenden verursacht seine Not, oder die Untüchtigkeit des Hungernden ist schuld an seinem Hunger; manche halten die jeweilige politische Lage eines Landes für die Ursache seines wirtschaftlichen Aufschwunges oder Niederganges, andere kehren das Verhältnis um und meinen, die Wirtschaftsnot des Friedens brachte „notwendig“ die Greuel des Krieges, sein schmählicher Ausgang aber das traurige Elend von heute, manche wissen, daß auch der Sieg der Waffen sowohl die Armut der Armen als auch den Reichtum der Reichen vergrößert hätte und halten fehlerhafte Gesetze oder eine schwache Regierung für die Ursachen des menschlichen Elends; manche halten es sogar für eine gottgewollte Einrichtung. In Wahrheit aber üben diese und andere vorgebliche Ursachen nur eine verlassende und auslösende Wirkung aus, weil sie eben keine Ursachen sind und daher zur Erklärung unserer vielfältigen Sorgen nicht ausreichen.

Aus einem unrasierten Gesicht starren scheue Augen. Als straßengehetzter Flüchtling kam er einst nach Wien. Seither sind viele Tage verflossen. Er ist 26 Jahre alt und hat schon Frau und Kind zu erhalten. Seine eigene Schuld, gewiß. Wie der Mann aussieht, halte ich ihn für fähig, bisher überhaupt nur Fehler begangen zu haben. Er besteht nämlich aus lauter Untüchtigkeit [unleserlich], Sein ganzes Dasein ist ein Fehler. Nun ist er aber da, mit all seiner Untüchtigkeit im schlauen Erjagen des Profits, mit all seiner Schwäche im rohen Ellenbogenspiel des Lebens. Eer verliert seinen Posten durch offensichtliche Ungeschicklichkeit, indem er seinem Dienstherrn, gelockt durch das Versprechen eines Mehrbietenden, kündigt. Statt des größeren Verdienstes hat er nun gar keinen. Denn bei den plötzlich geänderten Verhältnissen will der neue Dienstgeber sein Versprechen nicht einhalten. Er wird arbeitslos, zu einem Zeitpunkt, da Arbeitslosigkeit den Tod bedeutet. Was wird aus Frau und Kind im fernen Lande Galizien? Verließ sie doch der Ernährer nur, um in der großen Stadt mit viel Schweiß und Sorge noch mehr Brot, zu „verdienen“. Verdienen, dienen! Schwere Arbeit, große Mühe, was immer, nur nicht hungern und verhungern lassen, dienen, verdienen! Er, der schwächliche Mensch mit den eingefallenen Wangen, mit dem unbeholfenen Gesichtsausdruck, mit dem Siegel des Würgers auf der Stirne, er, der kraftlose Zwergmensch, will schwere Arbeit leisten, um dem wohlbehüteten Speicher des Lebens einen Bissen Brot zu entreißen und dann in Ehrlichkeit und Pflichterfüllung auf dem Schindanger des namenlosen Heldentums umzusinken!

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Fünf Wohltätigkeitsvereine brachten mit großer Kraftanstrengung die 60 Kronen auf, die zu seiner Heimbeförderung nötig waren, nachdem das Arbeitslosenamt, die Flüchtlingszentrale und das Gewerbegericht den Fall mit wohl begründeten, aber leider nährwertlosen Entscheidungen beteilt hatte. Er wird sein Glück anderswo suchen.

Es gibt heute zwei mögliche Mittel, das Leben zu Fristen: entweder durch eigene Arbeit oder durch die Arbeit anderer. Im letzteren Falle ist es in der Regel mehr als ein Fristen, es ist ein Genießen. Da aber alle das Leben nicht allein fristen, sondern, wenn auch bescheiden, genießen wollen, so bestreben sich alle, von fremder Arbeit zu leben, d. h. andere zum schalen Fristen des Lebens zu verhalten. Dies geschieht in der Welt des Kapitalismus. Jeder Unternehmer ist ein Ausbeuter, nicht weil er zu geringe Löhne zahlt, sondern weil er überhaupt welche zahlt. Denn Lohn ist das, was zum knappen Fristen des Lebens vom Arbeitswert übrig bleibt, nachdem der Unternehmer soviel als möglich zum Genießen seines Lebens zurückbehalten hat. Jeder Mensch schafft mit seiner Arbeit mehr, als er an Lohn bezahlt bekommt. Vom Mehrwert seiner Arbeit genießt eben der Unternehmer das Leben. Der Unternehmer ist also ein Mensch, der sich fremde Hände Arbeit zunutze macht, sich vom Hunger der anderen sättigt, der freiwillig nie mehr gibt, als er für die [?] Erhaltung seiner Stellung braucht.

Nicht ein hartherziger Unternehmer ist schuld an dem Unglück des verzagten Hilfsarbeiters aus dem Osten, auch nicht die Rechtssprechung, die den Arbeitgeber nicht zwingen will, ein Versprechen ohne Rechtsgültigkeit einzuhalten. Auch hilft die Redensart vom selbstverschuldeten Elend nicht viel, wo drei hu[n]grige Mägen gesättigt werden wollen. Sondern, der Umstand, daß es überhaupt Unternehmer gibt, eine herrschende Klasse von Menschen, die nur dann zu essen geben [!], wenn es ihr Vorteil erheischt, Und nicht mehr, als sie müssen, das ist die Ursache des Elendes. Wenn aber das Kapital – nicht das Geld, sondern die Bergwerke, die Fabriken, die Eisenbahnen, die Schiffe, die Maschinen, der Boden, die Häuser – Gemeineigentum darstellt, fällt der ganze Nutzen, den es durch die menschliche Arbeit abwirft, denen zu Komma die in dieser Gemeinschaft arbeiten. Niemand kann ihnen nun den Vollwert ihrer Arbeit rauben, die Mittel zum Genusse des Lebens werden von niemandem abgezogen.

Aber auch diese Ursache läßt sich auf eine ursprüngliche [?] zurückführen. Die Schuld des Kapitalismus ist groß, aber unsere ist noch größer. Denn seine Herrschaft ist abhängig von unserer Dummheit und Trägheit; sie wächst mit ihnen, aber sie verschwindet auch, wenn diese Erzfeinde der menschlichen Vervollkommnung gläubigem Wissen und kraftvollem Willen gewichen sind. Wir werden bei den Wahlen Gelegenheit haben, Zeugnis abzulegen, ob es zu tagen begonnen hat oder ob es weiter Nacht bleiben soll. Wir müssen eine alte Schuld einlösen, eine Schuld gegen uns selbst, wir müssen das Königreich der Gerechtigkeit aufbauen, weil eine Verantwortung auf uns lastet, dergleichen nie gewesen.

Aus: Der Abend, 27. Dezember 1918, S. 4.