Robert Müller: Die neue Erregung. (Aktivismus) (1918)

Im Wesen der zeitläufigen Erregung liegt der unduldsame Trieb nach Vereinfachung. Man sucht nach klassischer Lebensführung. Der Mensch schüttelt wieder einmal alles ab, um sein Lebenshaus von Grund auf neu zu bauen, sich in die Mitte zu stellen und die Dinge nach dem Mittelpunkt seiner – Sternbewußtheit zu ordnen, ohne dem Dingzwang zu dienen. Was wir wollen ist die Schlichtheit, die Logik, die fühlbare Verbindlichkeit, die vom Leben selbst ausgeht. Diese Schlichtheit ist aber nicht Gemeinplätzigkeit, sondern sie ist das Schwerste für den ungeübten und vertrakten Bürger. Ob der Kunstausdruck solcher Schlichtheit ein Buch von Paul Adler oder ein Bild von Campendonck ist, wagt der Expressionistischste unter uns Allen am wenigsten zu entscheiden. Er bekennt sein Schlichtheits-Erlebnis und sich selbst in den ihm innensichtig dafür gewordenen Formen. Um einem Mißverständnis vorzubeugen, sei gleich erklärt, daß diese Schlichtheit als Formforderung nicht identisch ist mit Klischee oder Stereotyp, sondern das neue Formgebären aus der seherischen Einfalt herausgefordert.

             Die sichtbarste Form solcher Schlichtheit und Umweltbefreiung des neu gewonnenen Menschen ist der Wille, die Gesellschaft auf menschlichste Verkehrsimpulse zu zerlegen und neuerlich, nun nach dem Schlüssel: Mensch, zu gruppieren. Und damit sind wir bei den Aktivisten angelangt.

             Sie verwandeln die Erregung, indem sie auf die Straße, in das Kaffeehaus, auf den geistigen Markt eilen, in ein Pathos. […] Ihre Manifeste, Bücher, Essays sind lang, das ist noch ein Fehler, weil sie das Schlichte, es Unschlichten zu beweisen, oft verwickelt vertreten. In ihrer Absicht liegt die Komplikation nicht. Daß ihr Pathos ihre direkt eingreifenden Akte überwiegt, liegt an der Schärfe und Jugend des ganzen Ereignisses. Sie sind so vielversprechend exakt, gebildet und praktisch, daß sie in kurzer Zeit die prägsamsten Vertreter in die Legislaturen des Planeten gesendet haben werden. Die Tatsache ihres Pathos gibt ihnen Affinität zur politischen Einstellung des Romanen. Dessen gleichlaufende Erscheinung an ihnen abzumessen, wird eine unten folgende Konfrontation mit dem Futurismus ermöglichen.

             Alle radikalen »Strömungen« beunruhigen ihr Blut, dessen Erregung durch keine dieser allein genügend befriedigt ist. Sozialismus, Mutterschutz, Eugenik, Schulreform, Körperkultur, Kapitalsabbau, Legierung der Nationen, Abrüstung, Friedensorganisierung, Weltrasse-Schöpfung, Neureligiosität, Kunstmehrung und Genußsteigerung, Verbesserung der für den Erdstern noch viel zu provinziellen Technik, Beseelung der Politik zugleich mit der Entsumpfung der materiellen Ordnung von Gefühlsmiasmen, all das ist Punkt in ihrem großen Programm. Sie sind nicht Bolschewisten, sie gehen darüber hinaus. Ist es ein fünfter Stand nach den Arbeitern: der der Geistigen? Kündet sich einfach eine neue Schichtbildung an? Dieser Schluß ist eine historische Unart, ein Gewohnheitsdenkerschwips. Die »Geistigen« sind kein neuer Stand. Sie setzen nicht die in der französischen Revolution begonnene lineare Entwicklungsgeschichte der Revolutionen fort. Sie sind keine arithmetische Errechenbarkeit, die einmal auch »Faktor« sein wird. Sie sind Dimension. Aus der Fläche des Bürgertums, die sich in dem Sozialismus fortgesetzt hat, knicken sie förmlich als ein Raum hervor. Die Geistigen sind Bürger, darüber laßt uns, so ohrfeigenhaft das klingt, hinwegkommen. Die Geistigen sind nicht Ultraproletarier. Sie sind nicht noch um ein Stückchen revolutionärer, Pünktchen oder zwei programmatischer. Die Arithmetik der französischen Revolution kann, wie Rußland beweist, fortgeführt werden. Dort taucht hinter einer Schicht immer eine andere auf. Die Geistigen sind nicht eine Originalrevolution. Sie führen durchaus den bürgerlichen Gedanken fort, sie sind sein Ausreifen. Das zu leugnen, sich dessen schämen zu wollen, wäre sentimental. Gerade weil sie die bürgerliche Epoche durch diesen Seitensprung viel gründlicher negieren als der Sozialismus, sei der der Trotzkys oder der englischen Gewerkschaften oder der anorganischen Massenerhebung des amerikanischen Proletariats unter Gompers zugunsten des Wilsonschen Staatswolkenkratzers, gerade draum haben sie ihren Ursprung im Bürgerlichen nötig. Mit dessen Produktivität, dem Individualismus, sind sei näher verwandt als mit dem kommunistischen Binnenstaat. Der Sozialist liegt in der Fläche des Bürgerlichen mehr als er denkt, siehe einmal den deutschen Staatssozialismus. In die Raummöglichkeit des Bürgers entsprang der Geistige. Taktisch hat der Geistige mit dem Proletarier viel gemeinsam, prinzipiell nur den Menschen.

             Der Aktivismus ist eine Partei, die noch keine Partei hat und nur eine nimmt; eine Partei, die noch keine gewählten, bloß geborene Vertreter und keine Körperschaften hat, in denen diese sprechen könnten. Um also von der Literatur in die forensische oder administrative Tat zu gelangen, wird der Aktivismus so ziemlich die gesamte bestehende Ordnung im Kern treffen müssen. Ob er es vermag, wird sich zeigen. Die Unsicherheit des Erfolgs ist für den Aktivisten keine Entschuldigung, den Versuch zu unterlassen.

             Der Aktivismus ist vorerst das Pathos zu einer Politik: er ist vorerst das Romanische zu etwas, das deutsch ausfallen soll.

             […]

             Die Aktivisten stellen sich der aktuellen Situation. Sie sind Journalisten mit Jahrhundert Wirksamkeit, nennen wir sie Säkularisten. Was am Tag Jahrhundert ist, bringt ihre Federn in Gang.

             Die Gegner des Aktivisten sind der Politiker und der Dichter. Der Dichter will das Subjekt ändern; er verzichtet auf die sofortige Änderung des Objektes. Der Politiker, der Sozialist oder Revolutionär etwa ändert nur das Objekt. Der Aktivist ändert das Objekt an Ort und Stelle, um die Änderung des Subjektes zu ermöglichen, zu beschleunigen. Der Zweifrontenkrieg reibt ihn auf. Viele geben ihm darum keine Chance. So muß er sie ergreifen. Wird er sich zum politischen Akt im gegebenen Momente bekennen?

             Verwandte Bewegungen laufen in Frankreich und Italien. Es hat keine die Höhe des Notwendigen erfaßt, wie der deutsche Aktivismus, sie sind alle politischer, aber sie sind ebenso menschlich stark. Das Futuristenorgan in Mailand „Italia Nuova“ stellt folgendes Programm auf:

             „Die politische Partei der Futuristen, die wir heute gründen, will ein freies starkes Italien, auf dem nicht mehr der Druck seiner großen Vergangenheit, des allzu sehr geliebten Fremden und der allzu sehr geduldeten Priester lastet: ein Italien, ohne Vormundschaft, in jeder Hinsicht eigener Herr seiner Kräfte, ein Italien, das stets den Blick auf seine große Zukunft gerichtet hat.“

             In den Einzelheiten des futuristischen Programmes steht an der Spitze das Problem der Erziehung. Sie soll vor allem patriotisch sein. Abgeschafft wird ein großer Teil der vielen unnötigen Universitäten sowie der klassische Unterricht. An seine Stelle tritt ein Obligatorium in technischen Fächern, Freilichterziehung, Sport ec. Der bisherige rhetorische Antiklerikalismus soll ersetzt werden durch einen Antiklerikalismus der Tat. Das Parlament soll umgewandelt werden im Sinne einer gleichmäßigen Anteilnahme der Industrie und der Handelswelt an der Regierung des Landes. Wählbar ist jeder Italiener, der das 22. Jahr erreicht hat, Möglichster Ausschluß der Advokaten (stets Opportunisten) und Professoren (stets „Rückblickler), Aufhebung des Senates. Wenn dieses vernunftgemäße und praktische Parlament sich nicht bewähren sollte, so ist eine technische Regierung ohne Parlament zu schaffen. Sie wird aus zwanzig, nach allgemeinem Stimmrecht gewählten Technikern bestehen. […]

             Dieses Programm nimmt hauptsächlich auf die bestehenden Verhältnisse Italiens Rücksicht, es will „Welt“ nach Italien bringen und die Fremden, auch die Bewohner früherer Jahrhunderte und ihre Wahrzeichen ausmerzen. Im Verhältnis dazu ist das aktivistische Programm elastischer und geistiger, es steht ohne Zweifel höher, aber es ist auch nicht so unmittelbar.

             Die Forderungen, die der Aktivist an Staat und Gesellschaft stellt, quellen aus den natürlichen menschlichen Bedürfnissen und haben keine Nation zur Voraussetzung, legen überhaupt kein Gewicht auf äußere Kraftentfaltung seiner Wunschgesellschaft, sondern allein auf deren Intensität. Sie verlangen persönliche Freiheit, eine Art Habeas-corpus-Akte für seiner Sinne Fähigen; freie Liebe und Ehereform; Rückführung der Erziehung auf die natürlichen Instinkte des Menschen; also kalokagathistische Ausbildung an Körper und Seele, das klassische Ideal; Abschaffung aller politischen Formalitäten, Weltstaatlichkeit, komplexe Menschheitspolitik, durch Bundesformen erreichbar; der politische Apparat müsse (ohne näher zu sagen, wie das geschehen kann) in die Hände der Auslese aus den Besten übergehen; also ein geistiger Aristokratismus. Verpönt sind Krieg, Wirtschaft um ihrer selbst willen, andererseits auch Ästhetizismus von nur Verfeinerten; die Gesellschaft soll möglichst so gebildet sein, daß sie ein Leben in geistigen Erregungen gestattet und fördert, weil nur auf diesem Wege der Mensch sich wesentlich ändern und hinaufbilden kann. […]

             Wir mußten historisch und genetisch vom Expressionismus ausgehen, um den Aktivismus erfassen zu können. Der Expressionismus ist eine Erregung; Aktivismus der letzte Effekt dieses endemischen Willens unter Geistigen, die Welt nicht mehr beschaulich zu zerlegen und zu bewissenschaften, sondern sie geistig zu bewirtschaften. Der Aktivismus ist Geistwirtschaft am Erdball. Die Parteinahme des postanalytischen schöpferischen Menschen gegenüber dem Gegenstande, dessen Ordnung nach einem Ausdrucksprinzip, das im Künstler liegt, hat notgedrungen zur Parteinahme gegenüber dem sinnfälligsten Totalgegenstand, unserer sozialen Umwelt, führen müssen.

Die Aktivisten haben eine Zeitschrift in Zürich, „Das Zeitecho“, herausgegeben von Ludwig Rubiner. In Leipzig steht ihnen der Verlag „Tätiger Geist“ zur Verfügung, in dem soeben das zweite der „Ziel“-Jahrbücher erschienen ist. Wenn ein gebildeter und objektiver Ausländer, sagen wir ein Engländer oder ein Amerikaner aus dem Wilsonkreis, sich über die Entwicklung der deutschen Mentalität unter dem jungen Geschlecht unterrichten wollte, müßte man ihm dieses Buch, das von den ersten Schriftstellern geschrieben ist, darunter auch Heinrich Mann, in die Hände spielen. Und man würde dort draußen sehen, daß man mit Deutschland noch immer als dem Mittelpunkt der geistigen Welt rechnen kann.

 In: Die Wage, 30.9.1918, S. 615-619;(KS, II, 214-218)

Robert Müller: Bilanz des Aktivismus (1920)

             Der Aktivismus hat natürlich keine Saison. Als praktisches Ressort unseres modernen Geisteslebens, zu dem er sich seit Jahren herausgewachsen hat, ist er aber an den Rhythmus des allgemeinen Geschäftsgangs angeschlossen und hat mit ihm die Cäsuren, Abschnitte, Pausen und Kulminationen gemeinsam. Es ist also nur geschäftstechnisch zu verstehen, wenn wir mitteilen, daß ein Arbeitsjahr abgeschlossen hat und wie es abgeschlossen hat; und daß wir, die Bilanz des Gelernten und Getanen ziehend, uns ein Motto und eine Strategie fürs Kommende zurechtlegen.

             Wort und erster bewußter Inhalt des Aktivismus stammen aus der geistigen Atmosphäre der ungeheuer intensiven, amerikanisierten, apparatlich vehementen Kapitale des neudeutschen Reiches, Berlin. Daß die Kontemplation der immerhin geistig bleibenden Europäers sich der Dynamik der sprengkräftigen, kochenden Großstadt nicht entziehen können werde, hatten einige von uns vorausgesehen; wir sahen es voraus, weil wir hofften, es war der Wunsch Vater der Erkenntnis. Wenn jemand sich der sogenannten Ruf-Hefte erinnert, die im Jahre 1913/14 in Wien von damals allerjüngsten Studenten, Schriftstellern und Künstlern herausgegeben wurden und zum erstenmal sensationell eine neue Generation nach der Gerhart Hauptmann-Hermann Bahrschen anzukündigen schienen, so wird er in ihnen vieles von dem geahnt und empfunden vorfinden, was heute daran ist, sinnliche Gestalt zu werden. Ungefähr zur selben Zeit erschien in Deutschland Kurt Hillers Buch Weisheit der Langeweile, das ebenfalls schon die aktivistische Klaue verrät. In den Weißen Blättern des René Schickele war dieselbe deutsch-europäische Erscheinung als selbstständiges Symptom zum Ausdruck gekommen.

             Inzwischen hatten schlagfertige, aber durch die Erleichterung eines Initiative-empfindlichen technischen Verkehrsapparats auch schlagkräftige Berliner die ersten Organisierungsversuche unternommen. Eine literarisch-kulturpolitische Partei war gegründet, sie nannte sich „Die Aktivisten“. Die motorische Kraft der Bewegung dürfte schon damals der phantastisch konzeptive Kurt Hiller gewesen sein. Die Genesis und den weiteren historischen Verlauf möge er selbst erzählen, er hat eine bedeutende Fähigkeit, Ordnung in aktuelle Zusammenhänge und Relationen zu bringen. […] //

             Möglich, daß sich ein Dutzend Programme des Aktivismus in den nächsten Jahrzehnten auf den Kopf stellt; die Köpfe selbst werden, dürfen nicht aus ihrer Lage geraten. Sie gewährleisten, daß Programm-Revolutionen nicht frivol, zusammenhanglos und antilogisch vor sich gehen; vielmehr; daß sich ein solches Programm in seine stete und stetige Verbesserung verkehre.

             Nur auf diesem Wege, nicht auf dem einer dogmatischen Gesinnungsgleichheit haben sich die heutigen europäischen Aktivisten unterwegs getroffen. […] In Wien war der Aktivismus wie anderswo latent in voraktivistischen Gemeinschaften und Strebungen vorhanden. Er war mit ein Grund, daß die Revolution ausbrach; allerdings keiner, daß sie so ausbrach und einbrach. Das synthetische Element, das die nicht durch Bedürfnis, sondern Hunger und Autoritätslosigkeit entstandene allgemeine Tagesbericht-Revolution mit fortschwemmte, als sei es eine reaktionäre Erscheinung, flüchtete sich in ihn. Die Aktivisten in Wien waren die ersten und gründlichsten Umordner, nicht Unordner; ihre Programme griffen so radikal zu, daß sich die Wirtschaftsrevolutionäre, Marxisten und Klassenkämpfer in den ursprünglich breit gesteckten Debatten dialektisch überhaupt nicht halten konnten, sie verloren, aus ihrem volksversammelten Wortschatz gerissen, den Atem und, feuerfeste Ideologen, die sie damals waren, überschütteten sie uns mit Mißtrauen in unsere auf Seelenumwälzung losgehenden Sachpläne. Damals entstand eine Spaltung zwischen den Materie-Ideologen (Marxisten) und den Ideo-Materialisten. Die ganz brutalen Marxisten blieben weg; die feinen, die landauernden Intellektuelle des Sozialismus, möchte man sagen, hielten ihre personelle Affinität zur aktivistischen Gemeinschaft selbst unterm Druck des Dogmatischen, dem sie verschrieben sind, aufrecht. Es bildeten sich die persönlichen Respekte und Sympathien, diese geistige Erotik (das ist nur eine Metapher), die für den Aktivismus charakteristisch geworden sind und sein historisches Schicksal formen werden, denn der Aktivismus besteht nur mit seinen genuinen Trägern, außerhalb ihrer, als Dogma, als Lehre, als Massen-Entzückung gar nicht.

             Dies alles ereignete sich mit den Umsturztagen – es war kein Umsturz, sondern eine Schwankung von rechts nach links – im „Bund der geistig Tätigen“, nachdem ein einschichter Versuch, ein Raritätenkabinett von Königen ohne Portefeuille, von Ministern ohne politisches Kleingeld zu bilden, an seiner wunderschönen kristallenen Einsamkeit verschollen war. „Die Katakombe“ hatte exklusiv begonnen, um sich, wenn möglich, dem pragmatischen Leben zu inkludieren. Aus der Zusammenarbeit sehr vornehmer Intellekte ergaben sich geistige Wohlstandsbulletins, die eine Unsumme von Philologität in sich aufgespeichert haben; Wortliebhaberei für die Sprachreiniger. Ich kann heute darüber gut gelaunt sein; aber ich muß gestehen, daß mir die geistige Alm, auf die wir uns verstiegen hatten und von der es dann Abschied nehmen hieß, damals, als die Weltanschauungsberge ihre Opfer forderten und einer nach dem anderen abstürzte, als ein vorbildliches Fiasko sehr zu Herzen ging. Es waren ihrer nicht viel; und das Aussterben ging schnell. Daß ich so heiter geworden bin: Man sieht schon, daß ich noch einen Rest Traurigkeit zu vertuschen habe. Ich begrabe einen Lieblingsplan.//

             Im „Bund der Geistigen“ ging es flott. Die Aktivisten genieren sich nicht, amerikanische Worte in den Mund zu nehmen. Es ging flott. Ihr seid dabei gewesen, Freunde. Es beginnt eine neue – Saison. Seid wieder dabei!

             Über das Ergebnis hat der „Strahl“ an anderer Stelle (Chronik) berichtet. […]

             Die Bedeutung des engen Verhältnisses Berlin-Wien zeigt sich in der europäischen Resonanz. Nachdem zwei Manifeste, die wir an Henri Barbusse und die nachmaligen Pariser Clartisten gerichtet hatten, unbeantwortet geblieben waren, […] erlangten wir, von Hiller unterstützt, den gewünschten Kontakt. Victor Cyril fordert uns auf, in Wien eine lokale Sektion der „Internationale de la Pensée“ zu begründen. Wir sind daran, diese ehrende europäische Aufgabe zu erfüllen.

             Wie in den verschiedenen Regionen deutscher Zunge spontan, gleichzeitig und voneinander unabhängig die geistvereinenden Ideen auftauchten, so entwuchsen sie auch der französischen Mentalität. Die Frage ist nicht mehr, ob „Aktivismus“ oder „Internationale de la Pensée“, sondern in welcher Struktur. Die Gegensätze sind keine Epigramme, der Kooperativ-Instinkt ist es, der seinen Triumph feiern will, und nicht Grundsätze, sondern Menschen mit einigermaßen berechenbaren Lebensäußerungen sind es, die sich finden wollen. „Clarté“, „Zieljahrbücher“ und „Der Strahl“ sind Instrumente des Verständigungsvorganges, den Europa in reinster und reichster Form erleben will.

             Es will es.

             Europa ist keine Landkarte, sondern eine Geistkarte.

In: Der Strahl, H. 2/1920, S. 5-10 (auch in KS, II, 425-428)

Alfred Polgar: Dada. (= Teil 2 des Artikels: Ein paar Tage in Berlin) (1919)

             Den Dadaisten gehörte meine große Zuneigung. Sie schienen mir der Schrei und Geste gewordene Widerspruch gegen bürgerliche Vernunft und Vernünftigkeit. Sie pfiffen den gigantischen Unsinn des Lebens aus und selbst das „befreiende Gelächter“ noch verlachten sie. Sie setzten dem scheußlich-behaglichen Kulturbau aus Zeitungspapier und Ziegelsteinen, inklusive seiner heiligsten, geist-gestrichenen Räumlichkeiten und seiner Kunstkabinette mit esoterischer Wasserspülung, den roten Hahn der Verneinung aufs Dach. Sie störten die Comédie humaine-divine durch erquickend bübisches Dazwischenspielen und deckten die Szene mit einem Regen fauler Witze zu. Sie spieen ihren Haß in die Fratze der Zivilisation und nahmen überhaupt menschliche Beflissenheit als das, was sie ist: als dadaistische Angelegenheit.

             So schien es aus der Ferne. In der Nähe – bei einer Berliner Sonntags-Dada-Matinee – verblaßte der Zauber einigermaßen.

             Die Ordnung der Welt ist schlecht: also muß sie verrückt werden. Hierfür sorgt Dada. Lettern, Zahlen, Striche, Formen, Farben, Begriffe, Kausalitäten, Heiligkeiten, Betisen: alles stürzt, purzelbaumt durcheinander. Weiter als bis zu diesem Durcheinander ist Dada noch nicht gekommen.

              Der Wirrwarr hat manchmal, einfach dadurch, daß er vorhanden, etwas faszinierend Höhnisches, das leere oder lug- und mistgefüllte Innere der Ordnung unbarmherzig Aufspaltendes. Vor den Trompetenstößen der Dadaisten stürzen die kunstbeklexten Mauern der Kulturmenschensiedlungen, und Gestalten im Nachthemd, häßlich, aller Würde bloß, fallen der Lächerlichkeit zur Beute.

             Aber solche dadaistische Groß-Augenblicke hatte die Sonntagsmatinee keine. Sondern ein paar junge Leute machten allerlei Stegreif-Jux, verulkten ihre Zuschauer, trampelten, schrieen, pfiffen, telephonierten, warfen einander hinaus und herein, fistelten und brüllten, zogen einen gutmütigen Vorhang auf und zu, klatschten sich, quietschend vor Unsinnswollust, auf den Podex und sagten beiläufig: Ecce homo! Oder auch: Ecce ars!

             Sozusagen: „munteres Anarchistenvölkchen“.

             Es war erschreckend langweilig. Wenn man ihnen das aber sagte, würden sie antworten: Eben; wir sind gegen „Unterhaltung“. Und wenn man ihnen sagte: Aber warum so gottserbärmlich geistlos gegen Unterhaltung?, würden sie antworten; Eben; wir sind gegen „Geist“. Und wenn man ihnen sagte: Aber warum so jammervoll witzarm in der Verneinung von Geist?, würden sie antworten: Eben, wir sind gegen „Witz“.

             Man hat’s nicht leicht mit ihnen.

             Denn dies ist, scheint es, ein Wesentliches des Dadaismus: er ist gegen. Was immer in die Schußlinie dieses Gegen kommt, wird Zielobjekt und angeknallt.

             Dem Erlegten ziehen sie die Haut ab und treiben Schindluder mit dem armen Fell und verarbeiten es zu Dada.

             Und als höherer Sinn der Welt offenbart sich ihre tiefe Sinnlosigkeit. Oder auch umgekehrt.

             Es war die Pointe – (…wir sind gegen „Pointe“…) – der Sonntags-Matinee, als ein beleidigter dicker Bürger die Bühne berannte und von den Dadaisten, die sich die Röcke ausgezogen hatten und in Hemdsärmeln fochten, unter ungeheurem Getöse zurückgeschlagen wurde. //

             Frauen traten leider keine auf.

             Unter den Berliner Dadaisten gibt es ein Genie, einen Zeichner. Er arbeitet für zwei ultraradikale Blätter, für den „Blutigen Ernst“ und die „Die Pleite“. Seine Menschenbilder bestehen aus Kontur und Luft. Aber sei nehmen den Gesichtern und Bäuchen die Eingeweide heraus. Es sind Zeichnungen mit dem Apachen-Messer.

             Der schreckliche Mensch heißt George Groß.

             Ansonsten ist das Berliner Dada eine durchaus dadaistische Angelegenheit.

In: Der neue Tag, 25.12.1919, S. 3-4 (KS 4, 228-230).

Günther Hirschel-Protsch (Hirspro): Konstruktivismus und Dynamik (1925)

             Konstruktivismus ist die formale Ausdrucksweise körperlicher Starre nach logischen Gesetzmäßigkeiten. Dynamik ist das Prinzip bewegter Ruhe in der Übertragung von Raum auf Zeit, Fläche auf Raum, Fläche auf Zeit. Der Zusammenhang von Konstruktivismus und Dynamik ist nur durch Vitalität, Rotation und Mechanik lösbar. Sonst bleiben der Raum, Fläche, die Zeit pathetisch, bewegt erscheinend, so „als ob“. Die Gesetzmäßigkeit von Raum, Fläche, Zeit liegt begründet in ihrem gegenseitigen, zwingenden Verhältnis.

             Die Elektromechanik Lissitzkys ist der erste Schritt zur Überwindung des toten Raums. Auch Tatlins Versuche (Denkmal der 3. Internationale) müssen als Synthese der drei Polaritäten an dieser Stelle genannte werden. Die Forderung, welche Kurt Schwitters durch die „Merzbühne“ stellt, gehört in begrenzten Stellen ebenfalls hierher.

GEDICHT

ich sitze verquer durch den raum

baumloses astet und gilbt

ich lasse den raum

und schüttle den raum

und bebe den raum

und höhe den raum

leere stöhnt

leere weitet

leere fruchtet

Angst

In: MA, H. 3/1925, S. 7.

Anton Hanak: Ein Kunstbeirat für Wien (1923)

Der Stadt Wien kann wohl niemand den Vorwurf machen, daß sie nicht in allen künstlerischen Fragen den hohen Rat der Künstler angerufen und befolgt hat.

             Es ist in den letzten, sagen wir fünfundzwanzig Jahren sicherlich kein öffentliches Bauwerk oder Denkmal errichtet worden, das nicht von den Künstlern entworfen oder zur Ausführung empfohlen wurde.

             Es gibt in Wien auch sicherlich kein Denkmal dieser Zeit, das nicht bei seiner Übergabe an die Öffentlichkeit als eine Zierde der Stadt besungen und gepriesen wurde.

              So ist diese Stadt zu ihrem heutigen Bilde ausgebaut worden. Alle haben das beste zusammen getan und somit ein Wahrzeichen ihres Lebens und ihrer sittlichen Stufe geschaffen.

*

             Nun ist eine neue Zeit herangebrochen und der Menschheit bemächtigen sich andere Ziele, andere Ideale.

             Und gerade so wie unsere Vorfahren der Stadt, in der sie wohnten, ihr persönliches Gepräge gegeben haben, so werden es sicherlich die tun wollen, die nun kommen müssen.

             Niemand kann verlangen, daß alles, was geschaffen wurde, von den Nachkommenden restlos übernommen werde, als unverrückbar fortbestehen muß.

             Die Kommenden nahen und werden bauen. Bauen im Sinn ihrer Gefühle – ihres Strebens.

                                                                                 *

Unerwartet erschallt uns ihr erster Ruf; die Stadt Wien fordert ihre Künstler auf zu einem Leben, zu einer erhebenden Tat.

Sie will ihrer Tradition folgen, auf ihren Fundamenten weiterbauen.

Und wie bei jedem Bauwerk, das vorübergehend eingestellt wurde, vorerst notwendig ist, daß das Vorhandene gründlich gesäubert wird ehe weiter gebaut werden kann, so gilt dieses Gesetz auch für die Stadt Wien.

                                                                   *

Den Künstlern, die nun berufen werden, der Stadt mit Rat und Tat zu dienen, möge die Zeit ihr höchstes Ziel vor Augen stellen.

Mögen die irdischen Grenzen noch so eng sein – nach oben ist es grenzenlos.

In: Arbeiter-Zeitung, 27.1.1923, S. 5.

Oskar Maurus Fontana: Vertrustung der Wiener Theater (1921)

Sicher, daß die heutige Form des Theaters eine absterbende ist, daß wir ihre Agonie mitmachen, in der allerdings Jahrzehnte wie Augenblicke zählen. Ebenso sicher, daß keine neue Theaterform bisher erschien, die Dauer hatte oder umfassend war. Eine jede beschränkte sich auf einen Teil, auf einen Ausschnitt des großen Fragenkreises: wie bringe ich das Theater und die Allgemeinheit zusammen.

             In Wien versucht man jetzt die primitivste Lösung, die oberflächlichste, man will verschiedene Theater zu einem Trust der Kapitale verbinden, dann kämen automatisch goldene Zeiten für die Geldgeber, das Publikum, die Schauspieler, die Textmacher. Bisher blieb die Vorbereitung zum Trust unterirdisch, aber man hört die Arbeit vieler Maulwürfe, denn es sind mehrere Konsortien tätig. Auswärtiges Kapital, inländische Millionen sollen Operette und Schauspiel zusammenschließen, die Staatstheater umfassen, so daß schließlich als letzte Einzelgänger das Deutsche Volkstheater, das Bürger-Theater und das Carl-Theater übrig blieben. Vielleicht liegen auch die im Bereiche der Trustpläne, vielleicht geraten noch einige Theater mehr als die genannten aus dem Bereich, sicher aber ist, daß von mehreren Seiten die Vereinigung einiger Wiener Bühnen versucht wird und daß die verschiedenen Konsortien die Absicht zeigen, sich ihrerseits wieder zu vereinigen und so die Vertrustung der Wiener Theater herbeizuführen.

             Wenn das gelänge, so wäre es das Ende der Wiener Theater, so wäre seine Automatisierung vollzogen. Das Schauspiel würde vollends zum Anhängsel des Exportartikels „Wiener Operette“ und als weniger einträglich und immer mehr weniger einträglich (da es durch den Mangel an Pflege ganz verwahrloste), nur des Prestiges wegen vielleicht noch das Burgtheater gehalten. Die Umwandlung der Schauspielhäuser in große Kinos ergäbe sich ganz von selbst, ähnlich wie es jetzt mit den Zirkusgebäuden geschehen ist und geschieht. Was das Wiener Theaterleben brauchte, um zu erstarken, um über seine Enge hinauszuwachsen, ist Antrieb, ist Wettbewerb, ist Begeisterung. Die geringen letzten Spuren davon, die sich noch in einigen Wiener Theatermenschen gerettet haben, gingen bei der Vertrustung ohne Erbarmen zum Teufel. Wer es nicht glaubt, ist reif zum Verwaltungsrat im Wiener Theatertrust.

             Nun wird immer gesagt, alle die Wiener Kapitalisten, die den Trust wollen und fördern, tun es nur aus Idealismus, sie wollen kein Geld verdienen, sie wollen der Kunst helfen. Aber einem Ertrinkenden kann nur einer helfen, der sich selber in den Strom wirft, nicht einer, der nicht einmal am Ufer steht, sondern mit dem Fernrohr aus seinem kilometerweit entfernten Fenster den Vorgang beobachtet. Ich nehme an, sie alle sind Idealisten, der Mensch ist gut // und ich bin nicht böswillig. Aber in ihnen lebt – und das ist das Unglück – ein falscher Idealismus, ein Goldschnittidealismus, aber kein Idealismus, der aus einer Idee, der aus dem Geist kommt. Daher, aus ihrer Beziehungslosigkeit zum Theater, zur Kunst stammt ihre Hilflosigkeit, ihre Ratlosigkeit in Personenfragen. Die hat es fertig gebracht, daß bereits ein Theater, die Volksoper, künstlerisch allen Wert verloren hat, durch die Unbeständigkeit ihres ersten Vertrauensmannes, des Herrn Weingartner, mit dem dieses oder ein anderes Konsortium die beiden Staatstheater pachten wollte und uns herrlichen Zeiten entgegenzuführen versprach und sehr ungehalten war, als die „Republikaner“ darauf nicht eingingen. Und dieselbe Unkenntnis der Realität zeigten die realen Geldmänner bei der Wahl ihres zweiten Vertrauensmannes, Herrn Rainer Simons, der jetzt beide Staatstheater pachten wollte und uns versprach, was Wilhelm II. 1914 versprach, der aber die Volksoper nur zu einer Festung machen konnte, daß Sänger, Kapellmeister, Bühnenarbeiter ihm den Eintritt ins Theater verwehren, und mit ihm nicht einmal der heimgekehrte Weingartner etwas zu tun haben wollte. Dieser zweimalige Zusammenbruch sollte als Beispiel allen genügen, wohin es führt, wenn nur das Kapital allein in Theaterdingen entscheidet: zum Ruin der Schaubühne. Was der Volksoper geschah, droht allen Wiener Theatern, droht allen Trusten ernster (Nichtoperetten-)Theater: Niedergang der Kunst und Aufstieg des Defizits. Niemals noch war die Volksoper wirtschaftlich so herunter, ging ihr Abgang in die Millionen wie jetzt, da die Geldmänner sie retten wollten.

             Diese Idealisten wollen nichts bei dem Trust verdienen. Was wahr ist. Aber nicht minder wahr ist, daß sie dabei nicht ihre Hosen und Hemden verlieren wollen, dazu sind sie alle zu tüchtige und gewitzte Geschäftsmänner. Sie werden wissen, daß das Geld seine eigenen Gesetze hat, daß es umgesetzt werden will, daß es nicht liegen kann und daß laufendes Kapital entweder wachsen oder schwinden muß. Es kann nicht gleich bleiben. 50 Millionen, in einen Betrieb investiert, sind in einem Jahr entweder 150 Millionen oder 10 Millionen. Und das heißt, dieser Idealismus muß Geschäfte machen, will er sich nicht, plötzlich am Theater desinteressiert, wieder in seine Banken und Fabriken zurückziehen. Das Ende wäre dann verlorene Kapitalien, verwüstete Theater, „daß noch in zehen Menschenjahren kein Pflanzer auf der Brandstatt ernten soll“.

             Alle die Mittel, die vom Trust als Heilung angepriesen werden, verraten wirklich Unwissende oder sich unwissend Stellende. Verbindung eines Verlags mit einem Theater zum Beispiel – eines dieser Mittel – kann nur bei Stücken rentabel sein, die in einer Serie ausgenützt werden, weil ja der Verlag in dem Aufsaugen der Produktion selbst bei den größten Mitteln, aber besonders bei unserer Valuta beschränkt ist, dem Theaterspielplan nicht genügend Bewegungsfreiheit gibt und die Bühne dadurch festlegt und // in der Folge unmöglich macht – alle derartigen Versuche endeten pleiteartig. Darum ist die Vereinigung von Verlag und Theater nur bei Operetten, Revuepossen oder amerikanischen Sensationsstücken dauerhaft, weil lohnend. Dorthin treibt die drohende Vertrustung der Wiener Theater, wenn sie nicht an den Geburtswehen zugrunde geht.

             Erwägenswert an diesen Plänen bleibt nur, was bei einer Zusammenlegung der Großstadttheaterbetriebe gewonnen würde: die Einheitlichkeit und größte Ausnützung alles Materials, sei es lebend oder tot. Es ist ja sicher eine Verirrung, besonders in unserer verarmten Zeit, wenn in den verschiedenen Depots 30 Klubgarnituren hinträumen, indessen am Abend insgesamt eine gebraucht wird, wenn im Theater A die Ritterrüstungen verstauben, während sie im benachbarten Theater B, das keine Ritterrüstungen hat und sie für ein Drama herstellen lassen muß, gebraucht würden, wenn Sänger und Schauspieler zum Spazierengehen und Neid auf die Kollegen verurteilt sind, weil sie gerade im Repertoire ihres Theaters nicht gebraucht werden. Hier einen Zusammenschluß zu erreichen, scheint mir ein Ziel, weil er das Technische vereinfacht, ausschaltet. Aber es wird nicht den Theatertrusts gelingen, die nur die Macht haben, aber nicht den Geist. Der scheint mir eher in einer Vergenossenschaftlichung der Großstadttheaterbetriebe, in einem System der gegenseitigen Hilfe zu liegen. Das Prinzip der Genossenschaft wird, wie es in der Volkswirtschaft aus seiner Utopie eine sehr greifbare und wertvolle Realität wurde, auch im Theaterwesen die nächst höhere Entwicklung sein. Daß bis dahin das den Rotters ausgelieferte Berlin und das dem Trust verfallende Wien sich noch genügend Kraft zum Aufschwung sichern, sollte die Sorge aller sein, denen Kunst mehr als eine Attrappe, Theater mehr als eine Amüsierhalle ist.

In: Der Merker, H. III (1921), S. 309-311.

Anton Böhm: Die neue Jugend in der Volksgemeinschaft (1931)

             Die Jugend ist nicht die Erfüllung des Lebens. Jene Bereiche der Reife liegen noch vor ihr, in denen sich die tiefsten Erlebnisse des Daseins erschließen. Sie ist erst im Anstieg zum Gipfel der Kraft und der Klarheit.  Das Jugendalter kann daher nicht die vollkommenste Epoche des Menschenlebens sein. Daran hat die Jugendbewegung, hier im weitesten Sinn verstanden, nichts geändert – wenn es auch abwegige Richtungen gegeben hat, die der Jugendbewegung gerade den Sinn zumaßen, das Jugendalter in Volksgemeinschaft und Kultur führend zu machen, die „Diktatur der Greise“ zu brechen, ein Zeitalter der Jugend herauszuführen. Das kann die Aufgabe der Jugend in der Volksgemeinschaft niemals sein, ein solches Bestehen wäre frevelhafte Umkehrung der Wesensordnung. Aber die Jugend ist auch nicht eine leere Zwischenzeit, eingeschoben zwischen Kindheit und Mannestum. Sowenig es der Jugend gemäß ist, in Volk und Kultur zu herrschen, ebensowenig ist es ihr gemäß, ohne eigenen Lebensstil, ohne eigenes Recht, ohne eigenen Sinn nur nach dem Schema der Gewohnheiten, Allüren, Ziele der Erwachsenen zu leben: d.h. sie im Äußerlichen nachäffen, ohne doch ihre Reife, Kraft, Lebenserkenntnis zu besitzen. Gerade die Zeit, aus der die Jugendbewegung erwuchs, die Jahrhundertwende, hatte (von vorausschauenden Erziehern abgesehen) praktisch vergessen, daß es neben Kind, Mann, Greis noch den Jüngling als selbstständigen Typ der Lebensalter gibt. An seine Stelle trat der „kleine Erwachsene“. Daran nun hat die Jugendbewegung wohl Entscheidendes geändert. Sie hat die Jugend zum Selbstbewußtsein ihres Eigenwertes gebracht, der freilich höheren Werten untergeordnet sein muß, aber deswegen doch nicht in seiner Besonderheit beeinträchtigt wird; sie hat die Anerkennung dieses Eigenwertes durchgesetzt: Die Jugend erhielt ihr Recht.

             Das ist zugleich auch die erste große Leistung der Jugendbewegung für die Volksgemeinschaft. Denn die Volksgemeinschaft kann ihre volle Entfaltung und Kraft nur dann erreichen, wenn alle Lebensalter in harmonischem Verhältnis stehen, wenn jede Stufe der menschlichen Reife ihr Lebensraum und ihre natürliche Leistung zugemessen wird: Es gibt eine organische „Ständeordnung“ der Lebensalter, die nicht gestört werden darf.

             Die Jugend ist noch ganz Aufstreben, ohne kraftgehaltenen Stillstand, ohne Verfall. Daß sie reifendes Leben ist, aber Leben, das zur vollen Selbstverantwortung erwacht ist, bestimmt ihre Art. Darum ist ihre Zeit vorwiegend die Epoche der Gestaltung, der Erziehung. Aber eine Jugend, die zum Bewußtsein ihrer Eigenberechtigung erwacht ist, will Anteil an diesem Werk der Erziehung, sie will Selbstgestaltung. In diesem Willen mag sie manchmal übers Ziel geschossen haben; aber es ist ein dauerndes Verdienst, daß die neue Jugend dem (an sich uralten) Gedanken wieder zum recht verholfen hat: Die Vollendung und Krone der Erziehung ist die Selbsterziehung. Sie ist durch keine Bemühung, des Erziehers, durch kein System, durch keine „Atmosphäre“ ersetzbar. Es ist von bestimmender Bedeutung für die Volksgemeinschaft, daß die Jugendbewegung fort in der gesamten Jugend den ehrlichen Willen zur Selbsterziehung geweckt hat. Die Gruppen der Jugendbühne sind heute nur mehr zum geringsten Teil bloße Organisationszellen (nicht einmal in den Jugendvereinen der Parteien), sondern Gemeinschaften der Selbsterziehung. Die Jugend hat sich einen eigenen, ihrem Wesen gemäßen, einen jugendlichen Lebensstil geschaffen, der längst nicht beschränkt bleibt auf die Jugendbewegung im engeren Sinn, sondern Allgemeingut geworden ist oder wird, und der zum Ausdruck kommt in Gemeinschaft, Fest, Beratung, Heim, enthaltsamen Leben, strenger Schlichtheit in allen Dingen, vor allem in der „Fahrt“, im Hinstreben zur Natur. Das ist Leistung für die Volksgemeinschaft – denn da Jugend die Zeit der Reife und Erziehung ist, ist es die erste große Pflicht der Jugend in der Volksgemeinschaft, das Ihrige zu tun, um durch Selbsterziehung zur starken, arteigenen Gestaltung des Jugendlebens zu kommen. Die Errichtung des „Jugendreichs“ ist die wichtigste Leistung der Jugend für das Gesamtvolk!

             Aber die Jugend kann noch weit über den Bereich der Selbstgestaltung hinaus der Volksgemeinschaft dienen. Die Jugendbewegung, das allgemeine Erwachen der deutschen Jugend aller Staaten zu bündischen Zusammenschluß, zu Selbstbewußtsein und Formwillen kam aus den Tiefen des Volkstums. Deutsche Art – nicht im Phrasensinn des nationalen Stammtisches – wollte sie wieder finden und erwecken. In der glücklicheren Vergangenheit volkhafter Kultureinheit fand sie Güter unverlierbaren Wertes. Sie hat verschüttetes, mißachtetes Volksgut wieder lebendig gemacht und der Volksgemeinschaft neu geschenkt: sie sang wieder die alten Volkslieder, tanzte die alten Reigen, spielte die alten ernsten religiösen Volksspiele, erlebte die Dichtung der Vorzeit, die sonst nur als Schuldgegenstand zur Kenntnis genommen wurde. Und sie fand von dem Geist dieser überlieferten Schätze wieder den Weg zu neuem Schaffen. Der Wert dieser Leistung ist hoch anzuschlagen: Hier ist ein Ansatz zu innerer Erneuerung der Volkskultur, heute freilich bedroht durch das wilde Aufwuchern zivilisatorischer Entartung, aber doch entwicklungsfähig. Die neue Jugend selbst hat die neuentdeckten Werte der Volksgemeinschaft weitergegeben. Sie ging zuerst zu den Bauern, in dem richtigen Gespur, daß im bäuerlichen Bereich, wo das hundertjährig Überlieferte am längsten seine Kraft bewahrt, im Grund am meisten Bereitschaft zur Neuaufnahme alten vergessenen Besitzes zu finden sein muß. Sie zog mit ihren Spiel- und Singscharen ins gefährdete bäuerliche Gebiet, das bedroht ist von der Überflutung durch die Großstadtzivilisation, die im tiefsten bauernfeindlich, weil wurzellos ist. Zuerst ohne Bindung, auf willkürlichen Streifzügen, romantischen Entdeckungsfahrten, dann mit erwachender Verantwortung, mit dem erstarkenden Willen zur Leistung. Neben Spiel, Lied, Tanz tritt das Bestreben nach bewußter volkserziehlicher Wirkung. Die Gruppen finden den Entschluß zur Bindung – es ist für junge Menschen gewiß kein leichter; sie arbeiten vielfach mit den staatlichen Volksbildungsstellen zusammen; sie bauen oder mieten sich „Landheime“, die dann für einen bestimmten Umkreis Mittelpunkt volksbildnerischer Kleinarbeit werden.

             Früh schon beginnt die neue Jugend, zu den deutschen Siedlern an den Grenzen des Volksgebietes, in die deutschen Sprachinseln des Ostens, Südostens, Südens zu ziehen. Auch hier ist es zuerst ein dunkler Wanderdrang, bindungslos; aber bald wandelt sich die Romantik zur bewußten Verantwortung: Heute ist die neue deutsche Jugend Hauptträger der praktischen Grenzlandarbeit und das Neuaufleben der Erforschung der deutschen Minderheiten ist ohne die Jugendbewegung ganz undenkbar. Jahr für Jahr ziehen Jugendgemeinschaften ins Grenz- und Sprachinselland, bringen gesamtdeutsches Volksgut zum Neuaufleben, nehmen sich der Kinder an, helfen, wo es geht, unter Bedrängnis manchmal; Jahr für Jahr wächst die Kenntnis vom Deutschtum außerhalb der Grenzen, wächst das Bewußtsein der tiefen Verbundenheit, der kulturellen Einheit. Nur die wandernde Jugend konnte solches leisten, nicht der Staats- und Kulturpolitiker; nur die volksnahe Gemeinschaft, die sich wirklich einfügt in das Leben des deutschen Bauern draußen, die ihn aus seinem Tagesmühen heraus versteht. Hier wurde ganz im Stillen ernste, unersetzbare Volkstumsarbeit geleistet.

             Die Jugendbewegung – und allen voran die katholische, seit Anbeginn! – ist „völkisch“ nicht nur im Sinn nationaler Erweckung. Sie ist es vor allem im Sinn sozialer Erneuerung. Die neue Jugend weiß, daß heute jeder nationale Appell, sei er politisch oder kulturell gemeint, sinnlos ist, wenn er nicht gerechtfertigt ist durch das gleichzeitige Bemühen, die Volksgemeinschaft wirklich wieder herzustellen. Sie existiert heute nicht; sich auf sie zu berufen wie auf eine vorausgesetzte Tatsache, ist wie unbewußter Hohn – so lange es ein Proletariat in der heutigen Bedeutung des Wortes gibt. Es liegt nun freilich nicht in der Macht der Jugend, eine durchgreifende soziale Reform zu setzen. Aber es ist schon, für ihren Bereich, genug getan, wenn sie sich, so weit sie selbst nicht proletarisches Schicksal erlebt, verstehend erlebt, ergreifen läßt von der tiefen Volksnot, dem menschlichen Elend, das in dieser unseligen „Ordnung“ sich unerträglich aufhäuft; wenn sie aus dem Verstehen dieser Not den Willen in sich bildet, das Lebenswerk der Mannesreife der Lösung dieser Not zu schenken. Die neue Jugend hat diese Haltung, diese soziale Aufgeschlossenheit. Sie will die satte Selbstzufriedenheit meiden, die sonst den Willen zu helfender Liebe lähmt. Für sie gibt es keinen bürgerlichen oder akademischen Standesdünkel und die Gefahr des Erlöser- und Führerwahns hat sie erkannt und bekämpft sie. Aus der tiefen Erschütterung durch das Mitleid will sie wieder den Weg finden zur entschlossenen Brüderlichkeit mit allen, zuerst den Unterdrückten. Trotz den von vornherein geringen Aussichten auf „Erfolg“, trotz der Unzulänglichkeit der Kraft hat katholische Jugend immer wieder versucht, von der neuen sozialen Haltung und von der geistigen Schulung an den sozialen Problemen zur Leistung zu gelangen. Von der Mitarbeit in Vinzenz- und Elisabethkonferenzen, in der „Frohen Kindheit“ usw., von der sozialen Hilfe im Rahmen der Pfarrkaritas abgesehen – in Wien ist zum Beispiel der Gedanke der Gottessiedlung“ zuerst von der Jugend, von „Neuland“ verstanden, erfaßt und verwirklicht worden. Hier sollte apostolisches Wirken und soziale Hilfe ganz eng verbunden sein, so wie im Erlebnis der Jugend der Ruf nach sozialer Hilfe als Anruf Gottes verstanden wurde. Diese grundsätzliche Verbindung ist erst das volle Wesen der Gottessiedlung, nicht bloß die Errichtung einer Notgottesdienststätte. Mangel an Arbeitskräften und Mitteln ließ das Werk nicht zur vollen Entfaltung kommen; aber der Gedanke lebt und wird nicht mehr vergessen werden.

             Die praktische Politik gehört nicht in den Bereich der Jugend. Aber die neue Jugend ist nicht anarchisch, unstaatlich. Sie erlebt das Staatliche als die Ordnungsform der Volksgemeinschaft neu; sie erkennt seine Weite und tiefe Bedeutung. Die neue Jugend erkennt das Staatliche in ihren Bünden und Gemeinschaften; sie vergleicht sie, nicht nur des Bildes wegen, sondern aus einer bewußten Wesensverwandtschaft gern mit dem Staat; sie erlebt ihre Gemeinschaft als ihren „Staat“: als die objektive Ordnung ihres Zusammenlebens; sie gelangt zum Verständnis des Wesens und der Aufgabe der Autorität, der Führerschaft. So wird ihr der Staat ganz konkret nah und lebendig, freilich nicht die willenlosen Gebilde des Überdemokratismus. Lebensnähere „politische Bildung“ läßt sich wohl kaum denken!

             Vom Erleben der Jugend her wird das Mannesalter bestimmt. Die erste Generation der Jugendbewegung ist zum Mannestun, zur Frauenschaft gereift. Ihr Lebenswerk wird fortsetzen, was die Jugend an Grunderkenntnissen aufleuchten ließ. Die Jugendbewegung weitet sich aus zur Kulturbewegung; die engen Grenzen der Bünde müssen bedeutungslos werden, das Wirken geht auf das Ganze. Hier stehen wir erst an einem Anfang. Aber manches ist auch hier schon getan. Was die neue Jugend als Grundlinie ihrer Selbsterziehung erarbeitete, gehört heute zum Wesentlichsten der pädagogischen Erneuerung in der Gegenwart (die freilich nicht mit jeder beliebigen „Schulreform“ sich deckt). Sie wird zum größten Teil von Menschen aus der Jugendbewegung: von der jungen Generation, geistig und praktisch, getragen. Zeugnis dafür sind – auch durchaus nicht allein – die neuen katholischen Schulwerke: Laacher See, Drachenburg usw. – und die Grinzinger Schulsiedlung. Die neuen Fortschritte der Volksbildung in der allgemeinen Zielsetzung und Methode, wie in der praktischen Verwirklichung sind zum guten Teil das Werk von Männern und Frauen aus der jungen Generation, die Landerziehungsheime, die modernen Bauernschulen, die Gemeinschaftswochen für Arbeitslose in Deutschland sind ohne ihre Arbeit oder Vorarbeit nicht denkbar. Die allmähliche Schaffung eines auch ordnungsmäßigen Zusammenhanges aller Teile des deutschen Volkstums baut auf der Grenzlandarbeit der Jugend auf. Und die junge Generation ist es, die den Kampf um eine neue soziale Ordnung ausfechten wird, geistig und praktisch; sie wird die überalteten Fronten durchbrechen. Und es wird auch die Zeit kommen, da sie reif sein wird, sich in politischer Tat für die Volksgemeinschaft, an Zielen, die sie aus ihrer Grundhaltung heraus als richtig erkannt hat, zu bewähren.

In: Reichspost. Beilage: Die Quelle, 31.5.1931, S. 25.

Paul Federn: Die vaterlose Gesellschaft. Wien 1919

             Nun wissen wir aus der Analyse der Schicksale Einzelner, daß unbewußte Bindungen dann entwurzelt werden, wenn sie den alten unbewußten Wunsch, der sie geschaffen hat, nicht mehr erfüllen. Dann aber verliert all das Wert und Macht, worauf die unbewußte Bindung übertragen worden. Eine solche Loslösung erfolgt mit starkem Unlustgefühl und bedingt oft eine psychische Erkrankung. Ich habe ausführlich den riesenhaften Eindruck, den das Kind von seinem Vater erhält und die innere Kettung des Kindes an den Vater geschildert. Das Kind hat das Verlangen, von einem geliebten Wesen abzuhängen, dessen Größe, Macht und Wissen ihm absolute Sicherheit und Schutz gewähren. Der Wunsch nach einem solchen Vater läßt eben den wirklichen Vater fallen und bleibt als Bedingung für die Wahl der Vatergestalten. Er schafft die Intensität der Verehrung und Abhängigkeit für die späteren Autoritäten, als letztes Abbild, für den König und Kaiser. […] Aber der Sturz des Kaisers, der Macht und Land verlor und jetzt keine Sicherheit mehr bieten konnte, hat ihm diese unbewußte Bindung entzogen. Und damit stürzten alle Ehrfurchtsgefühle vor der Staatsordnung, stürzte die sichere Sohnesstellung zusammen, und wenn auch das Verlangen nach einer Vatergestalt noch bei vielen Menschen erhalten blieb, so hatten diese keinen gemeinsamen, sie vereinigenden Halt mehr.[1]) So standen plötzlich in begreiflicher innerer Verwirrtheit eine Menge vaterloser Gesellen da, welche das gemeinsame Mutterland und die Not zur Schaffung einer vaterlosen Gesellschaft zwingt. //

             Nicht alle waren durch den Sturz des Kaisers unvorbereitet vaterlos geworden.[2]) Für viele hatte schon die Kriegserklärung die Vaterbindung zerstört, weil kein imaginärer Vater seine Kinder töten läßt, wenn nicht in höchster Verteidigungsnot der Mutter, des Vaterlandes. Diese Partei der „Unabhängigen“ vermehrte der Krieg dadurch, daß zwar nicht die fernste Vatergestalt, aber die näheren, die ungezählten Vorgesetzten, Amtsstellen und Offiziere so viel eigensüchtiges Unrecht begangen und so viel unbefolgbare Befehle erteilt haben, daß die „Niederen“, die Arbeiter und Soldaten, schon während des Krieges dieselbe Enttäuschung an diesen Vätern erlebten wie einst in der Kindheit. Die Enttäuschung war so groß, daß sich bei vielen Tausenden die anhängliche Vatereinstellung noch nachträglich in eine haßerfüllte, oppositionelle verwandelte.

             Der Sturz des Vatertums in dem kaisertreuen Volke war in Österreich durch die wenig zur Vatergestalt taugende Persönlichkeit des jungen Kaisers erleichtert. […] //

             Mit dem Sturz des Kaisers mußte alles kraftlos werden, was von der ideellen Vatergemeinschaft getragen war. All dem nicht zu gehorchen, war jetzt innere Bereitschaft, fast innerer Zwang geworden. […]

             Der Wirrwarr wäre noch größer gewesen, wenn nicht die organisierten Sozialdemokraten schon lange die freiwillige Einordnung in ihrer Partei gelernt und ihr ideelles Vaterbedürfnis schon lange am Führer befriedigt hätten. Daß in Deutschösterreich die Revolution ohne die Raserei haltlos gewordener Menschenrudel verlaufen ist, verdanken wir dem Glücke, daß Viktor Adler noch lebte und führte, den jeder Genosse fast bewußt als Vater empfand. Dem radikalen Teil der Partei, dessen Sohneseinstellung sich längst vom Obrigkeitsstaate, während des Krieges auch von den Parteiführern gelöst hätte, bot sich wiederum in der – man kann ohne Übertreibung sagen – heldenhaften Gestalt Fritz Adlers eine gemeinsame Vaterbindung. // Die Tat Fritz Adlers war darum von solch ideeller Bedeutung für die sozialdemokratische Partei in Österreich, weil sie der vehemente Ausbruch der Gegnerschaft gegen den alten Obrigkeitsstaat war, eine Gegnerschaft, die während des Krieges wie betäubt verstummt schien.

Auszüge, S. 13-16; online zugänglich unter: https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1112474994#page/n1/mode/1up)


[1] [Originalfußnote] Der Verlust des Landes hat auch darum eine besondere Bedeutung, weil im Unberwußten das Land Symbol für die Mutter ist, die Vaterlandsliebe aus der Liebe zur Mutter ihre unbewußte Stärke bezieht. Das Kind ist an den Vater durch Vermittlung der Mutter fixiert und der ist keine Vater, der die Mutter nicht retten konnte. (Siehe Dr. Ludwig Jekels. Napoleon. Imago 1914).

[2] [Originalfußnote] Es liegt der Hinweis auf die Verwaisung von Hunderttausenden von Kindern nahe. Nach den Erfahrungen der Psychoanalyse steigert meist der Tod des Vaters die Bindung des Sohnes an die Vaterreihe. Hingegen hat der Krieg durch die jahrelang andauernde Zerstörung der Familie die patriarchalische Einordnung auch unmittelbar vielfach erschwert.

Kurt Sonnenfeld: Streber von heute. (1921)

Beim Umsturz dachte man sich das sehr einfach: der Adel wird abgeschafft, Ordensauszeichnungen werden nicht mehr verliehen, folglich hört alle Streberei auf. Aber die menschliche Natur läßt sich nicht von heute auf morgen umkrempeln. Und die Streber, die seit jeher gewohnt waren, ihre Laufbahn auf dem Bauch zurückzulegen, rutschen auch heute noch auf dem Bauch langsam, aber sicher vorwärts und aufwärts wenn sie auch ihr Haupt manchmal mit einer Jakobinermütze geschmückt und dadurch dem Zeitgeist Rechnung getragen haben.

Der Krieg war die Hochkonjunktur der Streberei. Wer anläßlich des Kaiserjubiläumshuldigungsfestzuges (welch schönes Wort) noch nicht den ersehnten Adel, sondern vielleicht nur den Franz-Josef-Orden bekommen hatte, der war nunmehr überzeugt, daß man diesmal Allerhöchsten Ortes seine Verdienste gebührend zu würdigen wissen und ihm Gelegenheit geben werde, sich eine neunzackige Krone in die Leibwäsche sticken zu lassen.

Man benutzte die sinnreichsten Mittel, um sich Verdienste zu erwerben. Ein Herr zum Beispiel hatte die Spezialität, „Anregungen“ zu machen, wie man dem Hinterland durch Sparsamkeit eine verlängerte Kriegsführung ermöglichen könne. Er war sonst ein ruhiger, gesitteter Mensch; aber wenn der Dämon der Anregungen in ihn fuhr, so rief er schäumend: „Sammelt Tramwaykarten! Sammelt Obstkerne! Sammelt Abreißkalender!“ Diese genialen Anregungen hätten ihm auch wirklich den Adel eingetragen, wenn der Krieg nicht durch den Umsturz ein vorzeitiges Ende genommen hätte. Der Ärmste, der sich durch die dumme Revolution um die Früchte seiner Arbeit betrogen sah, ist trübsinnig geworden und macht gegenwärtig in Steinhof noch immer Anregungen: „Sammelt Regenwürmer! Sammelt Schneeflocken!“

Immerhin sind diejenigen noch gut daran, die bloß durch Anregungen und nicht auch durch Zeichnung von Kriegsanleihe eine Standeserhöhung anstrebten. Denn Anregungen sind ja schließlich nur eine geistige Arbeit, und geistige Arbeit ist billig, – oder das Geld, das auf dem Altar des Ehrgeizes geopfert worden ist, hätte sich in einer Partie Baumwollwaren jedenfalls weit besser verzinst.

Diese Streber waren verhältnismäßig harmlos, –  obwohl auch sie jene Atmosphäre mitschufen, deren Ausdünstungen noch heute die Luft vergiften. Weniger harmlos aber waren die Streber, die auf fremde Kosten ihren Ehrgeiz befriedigen wollten und bedenkenlos Menschenleben hinopferten, um sich bei irgendeiner maßgebenden Persönlichkeit einzuschmeicheln.

Herrmann Bahr hat kürzlich in seinem Tagebuche gesagt, Personenwechsel sei der Sinn aller Revolutionen und unter neuem Namen werde der alte Betrieb fortgesetzt. Wer aber inbrünstig an die beglückende, befreiende und erneuernde Kraft einer gewaltlosen und geistigen Revolution glaubt, der wird eine politische Umwälzung, bei der sich allenfalls ein Personenwechsel – und oft nicht einmal dieser – vollzogen hat, nicht als revolutionär bezeichnen. Denn ob die Streber, die auf dem Buckel des Volkes zur Macht emporklettern möchten, von rechts oder von links kommen, das bleibt sich für das Volk gleich. Die geistige Revolution ist noch fern.

Es wird weiter gestrebt. In der Elektrischen kam ich neulich mit drei fremden Herren ins Gespräch, die über die hohen Tabakpreise schimpften. Alle drei hatten das Bedürfnis, sich vorzustellen: „Rat Meier!“ – „Rat Müller!“ – „Rat Huber!“ – Ich sagte dreimal: „Sehr angenehm!“ und suchte herauszubekommen, mit was für Räten ich es zu tun habe. Rat Meier entpuppte sich als Armenrat, Rat Müller als Arbeiterrat und Rat Huber als (wie er neckisch hinzufügte: ehemaliger) kaiserlicher Rat… Angesichts dieser drei Räte, die einander an Titel, Gestalt und Ansichten so ähnlich waren, daß man sie getrost hätte mit einander vertauschen können, war ich buchstäblich und im wahrsten Sinne des Wortes ratlos.

Man hat oft darüber gelacht, daß sich viele Kriegslyriker von 1914 mit beflissener Promptheit in die Freiheitsfänger von 1918 verwandelten. Man täte ihnen aber unrecht, wenn man sie ausnahmslos der Streberei beschuldigen wollte. Künstler reagieren auf ein Erlebnis zumeist mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstande – und die Lyriker, die sich im Juli 1914 für die Mobilisierung und im Oktober 1918 für Barrikadenkämpfe begeisterten, brauchen deshalb durchaus keine Gesinnungslumpen zu sein, sondern sie erlebten in beiden Fällen den prachtvollen und berauschenden Elan einer Massenbewegung als ästhetisches Schauspiel, ohne nach der logischen und sittlichen Berechtigung dieser Bewegung viel zu fragen. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich war selbst in der Überschwänglichkeit meiner zwanzig Jahre bei Kriegsausbruch glühend begeistert und ich verwahre in meiner Schreibtischlade sogar noch ein fürchterliches Gedicht, in dem ich Serben auf Scherben und Sterben reimte. Diese Begeisterung verflog aber bald und gründlich nach meiner Einrückung, als ich schaudernd erkannte, daß der Krieg eigentlich doch nicht das richtige Thema für Lyriker sei.

Aber selbst wenn manchen Literaten Gesinnungslosigkeit oder, sagen wir, allzu große Anpassungsfähigkeit vorgeworfen werden kann, so darf man mit ihnen nicht allzu streng ins Gericht gehen, da man die tieftraurigen Verhältnisse berücksichtigen muß, in denen diese Menschen leben. Ehrgeizig, nervös, von ihren Stimmungen gequält, zwischen Größenwahn und Verzagtheit hin- und hergerissen, wissen sie nur allzu gut und bekommen es täglich und stündlich zu fühlen, daß ihre Manuskripte nicht gerade Bedarfsartikel sind. Nirgends ist eine gewisse Eitelkeit begreiflicher und verzeihlicher als beim Literaten; denn hier sind doch Leistung und Name am engsten und unmittelbarsten mit einander verknüpft. Darum sind manche Literaten in ihren Namen geradezu verliebt und sind zu allem fähig, um ihren Namen und das mit diesem Namen verknüpfte Opus gedruckt zu sehen. Die Sehnsucht nach der Öffentlichkeit und nach dem Erfolg hat schon manchen Charakter verdorben und aller Würde beraubt. In mancher Literatenkaffeehäusern kann man beobachten, mit welcher Beflissenheit diese von unbefriedigtem Ehrgeiz zerfressenen Menschen darauf lauern, sich „Beziehungen“ zu verschaffen, die sie fortwährend grüßen und sich verbeugen, weil man doch nicht wissen kann, ob nicht der Herr mit dem Spitzbart ein Verleger und der glattrasierte Herr ein Rezensent ist. Sie fühlen sich von jedem abhängig und darum leben sie nach dem Grundsatz: Tiefer bücken, tiefer bücken, wenn man was erreichen will!

Wie während des Krieges, so muß man auch heutzutage zwischen harmlosen und gefährlichen Strebern unterschieden, nämlich Strebern, die auf fremde Kosten spekulieren. Haben die Streber von damals das Volk in die Schützengräben gehetzt, so hetzen die Streber von heute das Volk auf die Barrikaden. Bei gar zu blutrünstigen Schreiern, die sich aber immer hübsch vorsichtig im Hintertreffen halten, soll man sich immer fragen: Was will dieser Mensch für sich? Namen, Geld, Macht? Oder alles zusammen?

Ich hatte selbst einmal ein lustiges Erlebnis auf diesem Gebiete. Ein in seiner Gesinnung sehr anpassungsfähiger Herr, dessen literarische Leistungen hauptsächlich darin bestehen, daß er sich mit dem Privatleben einiger Mitmenschen sehr genau beschäftigt und durch eine mit Kraftausdrücken unflätigster Art gespickte Sprache den Anschein biederer Treuherzigkeit zu erwecken sucht, sandte mir einmal einige Monate vor dem Umsturz eine Gedichtsammlung und ersuchte mich in einem Begleitbriefe, einen Redakteur einer bestimmten Zeitung um die Veröffentlichung einer Probe aus der kleinen Sammlung. Er schloß sein höfliches Schreiben mit der liebenswürdigen Wendung: „Ich bin zu Gegendiensten gern bereit.“

Ich antwortete ihm, daß ich seinem Wunsche nicht entsprechen könne und daß er die Gedichte direkt an die betreffende Redaktion schicken möge. Damit hielt ich die Angelegenheit, der ich keine sonderliche Bedeutung beimaß, für erledigt.

Der Umsturz kam und der Herr entschloß sich, Karriere zu machen. Leider verstand er vom Sozialismus nicht das geringste und zog es vor, in Kaffeehäusern bei kaltem Aufschnitt und Bäckerei verschiedene Likörsorten zu studieren, anstatt sich mit dummen, theoretischen Büchern zu plagen, die er ja auch in Volksversammlungen nicht zu benötigen glaubte. Er dachte, für die Arbeiter sei es gerade gut genug, wenn man die Bourgeoisie, die Sozialdemokratie, die Anhänger der Gewaltlosigkeit und noch einige Richtungen mit wüsten Schimpfworten bombardieren und so ganz nebenbei und gleichsam per Hetz die Bewaffnung des Proletariats und ein bißchen Blutvergießen verlange. Aber die Arbeiter durchschauten bald, daß sie es mit einem Wurstel zu tun hatten und lachten ihn aus.

Auf meine Freunde und mich aber wirkte der blutrünstige Barrikadenkämpfer, der sich in Kaffeehäusern mästete und in Versammlungen haßerfüllt gegen die Schlemmer und Prasser und namentlich gegen die Zeitungen und insbesondere gegen eine ganz bestimmte Zeitung loszog, außerordentlich drollig. Denn wir lasen mit Vergnügen den Brief, in dem er mich noch vor wenigen Monaten ersucht hatte, gerade diese Zeitung um die Veröffentlichung einiger Gedichte zu bitten, diesen Brief, der mit einer für einen Barrikadenkämpfer immerhin sonderbaren Wendung schloß: „Ich bin zu Gegendiensten gerne bereit…“

Gerade diejenigen, denen die Revolution, nämlich die Beseitigung von Zwang, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt heilig ist, empfinden es als tieftraurig, daß gewissenlose Streber an dem heiligen Feuer ihr Süppchen kochen wollen. Hier ist die Grenze, wo die Streberei verächtlich wird. Mit der Streberei nicht zu verwechseln ist aber der Ehrgeiz, der selbst in seinen Entartungen eine edle und schöpferische Leidenschaft ist. Der Ehrgeiz treibt uns Arbeiter zu rastloser Tätigkeit, er spornt die Geduld und Gedankenkraft des Forschers an und beflügelt die nervenverzehrenden Visionen des Künstlers. Ohne den Ehrgeiz wäre die Welt ein stickiger Sumpf.

In: Neues Wiener Journal, 18.4.1921, S. 3-4.

Else Feldmann: Kulturarbeit (1919)

             Wem sind noch die Augen blind? Wer glaubt noch, daß wir das für Kultur anzusehen haben, was uns vor dem Sommer 1914 Kultur bedeutete? Was war uns Kultur?

             Ein herrlich strahlender Maimorgen. In der Reitallee der Ringstraße sprengten elegante Reiter daher. Das war Kultur. Oder der Blumenkorso im Prater. „Ah, die Metternich!“ riefen ausgemergelte Proletarierweiber – schon damals ausgemergelt, wo ein Kilogramm Mehl noch dreißig Heller kostete!  – und hoben ihre rachitischen Kinder in die Höhe; und während die armen Kleinen mit den dünnen Ärmchen nach den Blumen griffen, wurde die Mutter vom Kopf bis zu den Füßen mit Kot bespritzt – allein, was tat’s, sie ging nach Hause, nach Ottakring, in dem frohen Bewußtsein, die Metternich in ihrer gelben Karosse gesehen zu haben. Oh, schmachvolle Wachträume der Armen! Oh, Hunger und Notdelirien der Elenden!

             Was nannte man alles Kultur?

Lueger hat den Wald- und Wiesengürtel um Wien gelegt, hat blühende Gärten um die Stadt gebaut. Aber wie hat er gleichzeitig das Herz dieser Stadt mit widerlichem Parteigezank vergiftet und verpestet.

Wie schön sind unsere Bauten. Zum Beispiel das spielerische Antikwerk des Reichsratsgebäudes, die wundervollen Mosaiken daran im Sonnenglanz eines Frühherbstabends. Und wie häßlich war das, was jahrzehntelang darin geschah. War das überhaupt je Arbeit erwachsener, ernster Menschen, nicht vielmehr wichtigtuerischem Geschrei kleiner Schullausbuben vergleichbar?

Was ist geschehen? Was haben wir außer Gassenhauern und Operetten geleistet? Die prächtige Renaissance des Burgtheaters. Für wen stand es da? Für die frisierten und manikürten Damen im Goldkäferschuh und in großer Gala, für glattrasierte Herren im Lackschuh und Frack, duftend nach Kölnerwasser. Das war Kultur! (Die Jugend aus besseren Häusern stellte sich an.) Wo aber war das Volk geblieben? Das Volk? Dafür waren die Branntweinschenken. Das Äquivalent für all die Nichtanteilnahme des Volkes an den Festen des Geistes, an den Freuden und Errungenschaften der Kultur war, daß die hohe Regierung den schrankenlosen Ausschank von Alkohol gestattete. Und er war billig. Um fünf, sechs Kreuzer konnte man sich einen ordentlichen Rausch antrinken, nach Hause gehen, in die freudlose Lichthofwohnung, um die Kinder zu zeugen, die dann mit Wasserköpfen, Rückgratverkrümmungen, Nerven- und Herzfehlern zur Welt kamen.

Unsere Herrscher, Staatsmänner, Parlamentarier und Politiker hatten im „Kirchenstaat“ ein Leben der äußeren Kultur zu leben mit gut gehender Beamten- und Polizeiwirtschaft; sie hatten dafür Sorge zu tragen, daß man nicht aus dem Gleichgewicht kam.

In: Neues Wiener Journal, 5.1.1919, S. 6.