Eduard Goldscheider: Ein Geschlecht.
Eduard Goldscheider: Ein Geschlecht (1919)
Es war zur Zeit, da man es hierzulande noch begriff, wenn ein Dichter sein eigenes Leben niedriger einschätzte, als die Hoffnung, daß „unsere Fahnen auf Belgrad wehen“ werden. Da führte mich der Zufall mit einer Mutter zusammen, die vor wenigen Wochen ihren einzigen Sohn verloren hatte. Irgendwo weit draußen in der ukrainischen Steppe war er an einem Novembermorgen von einer russischen Kanonenkugel zerfetzt worden. Sein heißes, junges Blut versickerte im Herbstschnee. Mit heldenhafter Würde trug es die Mutter.
Sie mag wohl auch, wie so viele andere, im Augenblicke ärgster Verzweiflung bei dem Gedanken Zuflucht gesucht haben, daß sie einen Helden geboren. Aber in einer stillen Stunde, da reinstes Menschentum über Sitte, Tradition und Vorurteil gesiegt hatte, entrang sich ihren Lippen der Seufzer: „Ich verfluche das Vaterland“ und wilder Haß blitzte in ihren Augen auf, die schon das Weinen verlernt hatten. De profundis… Als trotzige, ungerechte Lästerung empfand ich damals jenen Ausspruch, erst viel, viel später lernte ich ihn wirklich verstehen. Und ich begriff, daß nicht sie es war, die lästerte…
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Gleichgewichtslos und unausgeglichen, wildbrausend und hemmungslos, schwül und von fahlen Blitzen durchzuckt, wie die Zeit, die es geboren, ist Fritz v. Unruh’s Tragödie: Ein Geschlecht. Alles andere wäre Fälschung gewesen, lächerlich überflüssiges Literaturspiel, nicht wert, den Tag oder auch nur einen Theaterabend zu überleben. Noch ist das Wort, das dem unsäglichen Jammer dieser Zeit -und dieses Geschlechtes nahekäme, nicht gesprochen. Vielleicht wird es schlicht und einfach ist in und von so offenbarender Größe wie das Wort der Bergpredigt. Vielleicht wird es nur eine Steigerung sein, nur ein Superlativ des wilden Aufschreies des Dichters, der jetzt zu uns spricht, noch mehr zügellose „Raserei“ und verwirrendes „Delirium“, als sie Unruh in seinem heiß umstrittenen Einakter eingefangen.
Vielleicht — aber wer darf es wagen, die Bahnen künftiger Kunstentwicklung vorzuzeichnen, wenn man noch mitten in einer Zeit steht, die sich erst selbst überwinden muß, mitten in einem „Geschlecht des Überganges, zum Düngen bestimmt, der Ernte nicht würdig“ (Walter Rathenau). Für den Augenblick mag uns genügen, daß ein Dichter unter uns, der es zu künden verstand, was viele Seelen bewegt, der den Schmerz, die Enttäuschung, die Empörung, den Protest und die Sehnsucht dieses Geschlechtes in alle Welt hinausschreit. Der den Mut der letzten Konsequenzen gefunden, zu dem sich ja so wenige aufschwingen können, der es versucht, uns ein Spiegelbild der durch den Krieg zermürbten Seelen vorzuhalten. Der nicht nach oftbewährtem Künstlermuster einfach die Flucht ergreift, weil ihm das, was er gesehen, das Herz zerbricht, um zur Erbauung der leidenden Menschheit in seelenlos glatten Reimen die Wunder einer besseren Welt zu preisen. Der die Augen weit aufreißt, um keine einzige Schandtat zu übersehen, die solange als Segnung gepriesen worden ist und keine Qual und keine Folter des Leibes und der Seele. Der alle Sinne schärft um zu erhorchen, was in den Seelen geistert und rebelliert. Der sich wildstürmend über all das sinnlos vergossene Opferblut und über alle Schmach der Gegenwart einen Weg zur Sonne bahnt, die er nicht erloschen weiß, nur vom schweren Pulverdampf verdunkelt.
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Eben darum ist es schwer — vielleicht zum Teile sogar widersinnig — die üblichen Maßstäbe künstlerischer Kritik an diese Dichtung anzulegen. Sie will als Tat und Erlebnis gewertet sein. (Heute wohl nicht mehr als Offenbarung.) Wer damit anfängt, „Verständliches“ vom „Unverständlichen“ zu scheiden, der hat schon das Spiel verloren und mag wohl nicht den eigentlichen Rhythmus der Dichtung vernommen haben. Überdies: es ist ja gar nicht richtig, daß immer unverstanden bleiben muß, was im ersten Augenblick unverständlich scheint. Wer mit dem Dichter hadert, weil er so viel Schreckliches und Grausames und Atembeklemmendes und Unglaubwürdiges erschaut und zusammengetragen, der richte seine Anklage gegen die Zeit, die den Dichter geboren. Und wer sich nur abgestoßen fühlt und zerquält und zermartert durch all das Dunkle und Hoffnungslose dieser Dichtung, wer das Helle nicht sieht und den erfrischenden Odem jubelnder Zuversicht nicht verspürt — nun, mit dem ist eben nicht zu rechten und der begnüge sich damit, die tiefsinnige Frage zu untersuchen, ob es einen Sinn hat, derartige Werke auf dem Theater aufzuführen. Nur der wird sich mit Werk und Dichter wirklich auseinanderzusetzen verstehen, dem das Werk ein Gefühl der Dankbarkeit für den Dichter hinterläßt. Man muß das Pochen des Herzens vernommen haben, „das hinter aller Schöpfung schlägt“.
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Es gibt gar manches, das zur Kritik herausfordert, vieles, das man nicht ohne Widerspruch hinnehmen möchte, wenn man sich entschließt, vom prinzipiellen Standpunkt, daß dieses Werk geschrieben werden mußte, abzusehen, und die Dichtung auf ihre Mängel zu prüfen. So bedeutet vom rein künstlerischen Standpunkt gewertet, die Tatsache, daß die Dichtung sofort mit Höchstspannungen einsetzt (nach der grauenvollen Szene, in der ein Bruder gegen den andern die Axt zum tödlichen Streiche erhebt, sind Steigerungen kaum mehr denkbar), gewiß einen Fehler, der wahrscheinlich hätte vermieden werden können. Daß jedes einzelne Wort, das gesprochen wird, sich so bedeutungsvoll gibt, daß jeder Satz unter der Wucht der Worte und des Inhalts zusammenzustürzen droht, wäre an sich keine Veranlassung zu einer Ausstellung, wenn man die Überzeugung gewinnen könnte, daß wirklich kein einziges dieser Worte überflüssig. Doch, das sind so belanglose Mängel, daß ihre Betonung ebensowenig berechtigt ist, wie etwa der Vorwurf, der Dichter habe um jeden Preis den Glaubenssätzen des Expressionismus treu bleiben wollen. Jedenfalls muß aber festgestellt werden, daß bei alledem der große Aufbau der Dichtung m seiner zielbewußten Knappheit geradezu bewunderungswürdig, und daß der Vergleich mit altgriechischen Schicksalstragödien kein willkürlicher, sondern ein durchaus berechtigter. Das Werk ist schön, stellenweise sogar überwältigend schön (man beachte zum Beispiel die prachtvolle Szene, da die Mutter die Anklagen der Kinder abwehrt: „Ich bin es müde, angeklagt zu stehen?“), wenn auch so furchtbar häßlich Vieles, das darin lebt und nach Erlösung ringt. Es ist gewiß nicht bloß eine rein ethische, es ist auch eine künstlerische Tat. Im Vorwurf, im Wort, in der Ausführung.
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Es ruft der Sohn im wilden Trotz der Mutter entgegen:
„Ich ducke mich nicht länger unter Tempel,
Die Vaterland um unsre Ohnmacht baut…“
Henry Barbusse verzeichnet in seinem Roman: Die Hölle das nachstehende Gespräch zweier Ärzte:
Der Junge aber rief aus: An dem Geschwür des Weltalls ist nur eine große Grundursache Schuld. Sie haben sie genannt. Es ist die Sklaverei vor der Vergangenheit. Es ist das Vorurteil, das von den Jahrhunderten geheiligt worden ist. Der Geist der Überlieferung durchseucht die Menschheit. Und der Name für diese beiden entsetzlichen Erscheinungen innerhalb der Menschheit, das ist —
Der Alte sprang vom Stuhle auf. Schon deutet er an, daß er protestieren und dem Sprechenden zuschreien wollte: Sprechen Sie den Namen nicht aus!
Doch der Junge konnte sein Wort nicht mehr zurückhalten. Er sagte: Der Name für die beiden Grundursachen, das ist: Das Vaterland und der Wille, ein Erbe zu sein…
Barbusse und Unruh weisen beide den Weg zum Vaterland, das keine Götzendienste von seinen Kindern fordern wird. Zum Vaterland, das von keiner Mutter gehaßt werden soll.
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Im stimmungsvollen Rahmen, den Alfred Roller geschaffen, zog auf der Bühne des Burgtheaters das düstere Nachtbild Unruhs, das ins Helle strebt, vor den Augen der Zuschauer vorbei. Von jenen, die nicht so klug gewesen waren, sich vorher mit dem Werke bekannt zu machen, natürlich nicht verstanden, denen die es lieben, trotz vieler Vorzüge der Aufführung nicht gerade den erwarteten Eindruck hinterlassend, von jenem Teil des Publikums, der stets das Neue haßt, entschieden abgelehnt. Aber alle sonder Ausnahme mögen die tragische Majestät, zu der die von Frau Bleibtreu verkörperte Mutter emporwuchs, bewundernd anerkannt haben. Fräulein Mayer, weniger überzeugend im rasenden Aufruhr der wild gewordenen Sinne wirkte erschütternd beim Ausklang ihrer Rolle.
Wie sie sich fortschlich, das schützende Dickicht zu suchen, wo sie vor der Gier der Soldaten geborgen verenden könnte, war wohl des Dichters beklemmende Vision restlos erfüllt. Herrn Schotts an sich meisterhafte Leistung wohl etwas zu grell und zu polternd in diesem Rahmen, der keine veristischen Ausflüge gestattet, so sehr hier das Leben stilisierte Kunst überschatten mag. Immerhin dürfte man das Haus mit dem Gefühl der Dankbarkeit, nicht bloß für den Dichter, sondern auch für alle Darsteller verlassen.

