Edwin Rollett: Das Grabmal des unbekannten Soldaten
Edwin Rollett: Das Grabmal des unbekannten Soldaten (1926)
Von Paul Raynal, deutsch von Hedwig Gerlach. [Renaissancebühne]
Ein Denkmal des Leides! „Ich wünschte, einer von uns könnte dies alles verkünden mit einer Stimme, die jedermann hörte. Er müßte sich nur erinnern an alles, was er gesehen hat. Dann brauchte er nur den Mund aufzutun und zu sprechen, und alle müßten ihn hören.“ Ungefähr mit diesen Worten, schlicht und um seiner Schlichtheit willen doppelt erschütternd, ist der Kern dieser großen Anklage ausgesprochen, der Anklage gegen das Leid des Krieges, das in allen Schichten, an allen Orten alle Herzen veröden läßt, das die ältere Generation, des lebendigen Empfindens beraubt, sich am Klang von Phrasen aufrechterhalten, als Unbeteiligte die Begeisterung der ersten Tage und Wochen konservieren und die gesellschaftlichen Normen einer geruhigen, wohlgefestigten, vornehmen Schichte bis zur Grausamkeit verständnislos festhalten heißt, das die Frauen im Harren und Warten zermürbt, ihre Liebe in Nutzlosigkeit versiegen und auskühlen läßt, im Kampf gegen die Forderungen der Bequemlichkeit, in der müden Drehung des Alltags qualvoll zerreibt. „Durfte denn in diesen schrecklichen Jahren überhaupt ein Frühling sein, der uns zwang, das Werden und Aufblühen der Natur einzuatmen?“ Der Segen wird zum Fluch, das Glück zum unendlichen, grauen, lauwarmen Weh, die Treue zur Stumpfheit. Und er, der Soldat, den der Vater erst mit großtönenden Worten als Helden und Zierde des Vaterlandes begrüßt, um ihn später als pietät- und sittenlosen Landsknecht zu verdammen, er kennt nur Abscheu und Verachtung des Krieges. Solch ein Soldat muß deshalb aber noch lange kein Revolutionär und Meuterer sein. „Ich habe so lange die Rechte des Staates genossen, ich will mich auch meinen Pflichten nicht entziehen.“ Das war die Überzeugung der überwiegenden Mehrzahl, wenigstens einen großen Teil des Krieges hindurch, die Überzeugung der Autoritätsgläubigen, Pflichtbewußten. Ungenannten, deren Tragödie hier geschrieben ist. Inmitten des Stumpfsinnes und der Scheußlichkeit aber, als die sich dieser „herrliche“ Krieg entpuppte, hat im Soldaten, im Nächstbeteiligten, Sehnsucht die Gefühle wach erhalten, die Bilder der Heimat und des Friedens vergoldet. Die Nähe des Todes steigert die Schätzung der genossenen, der geschenkten Minuten zu gigantischem Maß, das Lebensgefühl ist so überwältigend, daß alle Werte verändert sind, und angesichts der ständigen Drohung für eine einzige kurze Frist der Seligkeit, für ein bißchen Glück von wenigen Stunden der sichere Tod kein zu hoher Preis wird. Nur die Scheinwerte sind vor seinen Augen zerflossen: Begeisterung — ein Schwindel, Konvention — ein Phantom, Heldentum — ein Märchen. Der Held ist ein Gemarterter. Nicht Held— Mensch sein, nicht Bewunderung — Liebe finden, ist Vollendung. Phrasenlos, menschlich, leid- und martervoll ist der Gang in den Tod.
Ein lyrisches Spiel in drei Akten zwischen drei Personen, voll stärksten Fühlens, voll edelster Kraft. Obwohl alle sozialen Gedanken und Überlegungen beiseite gelassen sind, ein Bekenntnis zu schlichtem, wahrem Menschentum, ein Notschrei, den man in die Ohren aller wünschen würde, die immer noch taub sind für das unendliche Leiden, fühllos für den grausamsten. Schmerz. Ein erschütterndes Drama von edler Proportion, das nicht nur einen persönlichen Einzelfall aus dem entsetzlichen Krieg problematisch zerlegt, sondern das Leiden aller in sich sammelt, über die Grenzen der Nationen und Staaten hinweg. „Gibt es denn einen Krieg, der nicht Bruderkrieg ist?“ Hatte denn die Völkerverwüstung dort und da nicht das gleiche Medusenantlitz, das Leiden nicht dieselbe düstere Finsternis? Dem Unbekannten, dem Namenlosen, dem, der alle Namen trägt, der alle Leiden litt, ist dieses Denkmal gepflanzt.
Wie fein empfindlich und treffsicher Josef Jarnos Inszenierungskunst sein kann, haben vielerlei Beispiel seiner Strindberg-Aufführungen bewiesen. Sie bewährt sich hier abermals außerordentlich im Zusammenfügen und Abstimmen der Töne, im Schaffen einer Atmosphäre von Schmerz und Verwesung. Dazu liegt die männliche Hauptrolle in den Händen eines hochbegabten Schauspielers, der Sprache und Geste zu völliger Stileinheit und Stilreinheit verflicht, die Kunst versteht, Ungesagtes eindringlich zu machen und unpathetisch (obwohl im Dialog manche Gefahr lauert) zu erschüttern. Leider nennt der Zettel Herrn Hans Schweikart nur Gast. Wäre er doch ein ständiger Besitz unserer Bühne! Margarete Witzmann zeichnet die Frau mit weichen Konturen, die gleichwohl in die verwickelte Seelenstimmung schöne Deutlichkeit bringen. Wie ihr Partner, erreicht auch sie den Höhepunkt der Leistung im zweiten Akt, darin eine unwillkürlich erwachende Reminiszenz an Romeo und Julia erschauern machte. Den Vater spielte Josef Jarno mit schöner, sparsamer und doch kraftvoller Charakterisierung.
Wenn je ergriffener Beifall eines dankbaren Publikums berechtigt war, so diesmal, wo Mitte August, in der Zeit sonstigen Leerlaufes und ärgster Vernachlässigung aller Bühnen, ein so wertvolles Stück so vollendet zur Darstellung kam!
Als erstes Theater Wiens beginnt die Renaissancebühne nach der kurzen Sommerpause ihre Tätigkeit wieder. Sie gibt eine hochwertige Leistung, erringt einen großen, reinen Erfolg. Möge dies ein gutes Omen für das ganze folgende Spieljahr sein!

