Friedrich Austerlitz: Die Schuld der Putschisten
N.N. [Austerlitz]: Die Schuld der Putschisten. (1919)
Furchtbares hat uns dieser Sonntag gebracht, den, allen Mahnungen und Beschwörungen zum Trotz, jenes gewissenlose „Direktorium“ inszeniert hat. Soviel Leid und Kummer herrscht in dieser Stadt, die schlimmer als jede andere unter den Nachwirkungen des verruchten Krieges leidet, daß wohl die einfachste Menschenpflicht gebieten würde, es. leichtfertig nicht noch zu mehren. Not und Teuerung verheeren ohnedies die Bevölkerung, die rascher abstirbt, als sie sich vermehrt; ist es nicht verbrecherisch, die Möglichkeiten noch herbeizuführen, bei, denen Leben und Gesundheit der Menschen gewalttätig bedroht wird? Ununterbrochen betreiben die Kommunisten – sich dabei der Erwägung der Tatsachen, die jeder sieht, hartnäckig verschließend – ein frevles Spiel mit dem Feuer; sie legen gleichsam immerwährend die Lunte an das Pulverfaß, und nun die Explosion so entsetzlich geschah, und schuldlose Menschen die Opfer ihrer verblendeten Politik geworden sind, möchten sie, wie schon immer vormals, nichts geplant haben, wollen sie dir Dinge so darstellen, als hätten sie nur eine landläufige Demonstration im Sinne gehabt, die man grundlos ernst genommen habe; möchten sie all die Tatsachen vergessen machen, aus denen ihre wahre Absicht überdeutlich hervorging und hervorgeht. Das öffentliche Gewissen wird sich aber von der Hauptfrage nicht abwenden, lassen, die diese und nur diese ist: was jenes „Direktorium“ beabsichtigt, gewollt, vorbereitet hatte, als es jene „Massenkundgebung“ ankündigte. Sie werden der Verantwortung für ihr Tun und Treiben nicht entweichen Wollen die Herren des Direktoriums etwa bestreiten, daß sie einen Putsch beabsichtigt und geplant hätten? Einen Putsch, das heißt den Vorsatz, die gegenwärtige, republikanische Verfassung aus den Angeln zu heben, Regierung und Nationalversammlung zu beseitigen und an ihre Stelle ihre Macht zu setzen; ihre diktatorische Gewalt, der fortan alles untertänig fern sollte! Da brauchte man wirklich nur ihre Flugblätter und Plakate zu lesen, aus denen die eigentliche und letzte Absicht der „Massenkundgebung“ deutlich hervortrat; die „Direktiven“ zu erwägen, die sie den Volkswehrmännern, von denen sie glauben, daß sie ihren Verlockungen erliegen könnten, suggerieren wollten; die Bemühungen sich vor Augen zu halten, die von Budapest aus unternommen wurden, wo man den Sturz unserer gegenwärtigen Verfassung für diesen Sonntag sozusagen schon als feststehende Tatsache betrachtete. Wer aber einen Putsch vorbereitet, in dem alles untergehen soll, was jetzt in unserer Republik feststeht, der hat den Bürgerkrieg in sein Bewußtsein aufgenommen, der hat mit dem Blutvergießen gerechnet, der wollte es, wenn er es schon nicht gradaus herbeizuführen suchte, sicherlich doch nicht vermeiden; der trägt darum für alles, was sich ereignet hat, die Verantwortung als wahrer Urheber. Der Schauplatz, der Augenblick, ja selbst der Anlaß der ist dann gleichsam ein Zufall: diejenigen, die den Gedanken des Putsches in die Massen tragen, ihn unausgesetzt propagieren, überdies mit Mitteln propagieren, bei denen jede Spur von Gewissenhaftigkeit verloren gegangen ist, ihn als Notwendigkeit und Erlösung zugleich ausschreien, die sind es, die Pulverfässer zusammentragen und den Funken werfen, der den Brand hervorruft. Ob am Sonntag irgend etwas geschah, was nicht zweckdienlich, was verfehlt war, muß untersucht werden und wird untersucht; nicht minder muß festgestellt werden, ob nicht auch Mangel an Geistesgegenwart das Unheil gemehrt hat. Aber man würde sich über die wahre Sachlage sehr täuschen, wenn man die Ursache des Schrecklichen in den zufälligen und äußerlichen Umständen erblicken wollte. Sie liegt ausschließlich in dem frevelhaften Spiel mit dem Putsche, in dem frevelhaften Spiel mit dem Feuer. Die Putschtisten sind es, die die Blutschuld dieses entsetzlichen Sonntags zu verantworten haben.
Sie möchten es jetzt so darstellen, daß sie wohl bis zum Freitag, vielleicht noch bis Samstag vormittag die Absicht hatten, am Sonntag einen Putsch auszuführen, und zu diesem Zwecke all die Vorbereitungen getroffen hatten, deren Zeugen ganz Wien war, daß sie es sich aber am Samstag abend überlegt hätten oder überlegen wollten, daß man aber von dem Umschwung ihrer Absichten nicht geziemend Kenntnis genommen, sie sogar bei der Umdrehung des Putsches zu einer gewöhnlichen Versammlung unter freiem Himmel gestört habe. Als ob sich erstens die Menschen, die man mit dem Putschgedanken erfüllt und fanatisiert hat, so schnell umdrehen ließen, wie es die Diktatoren wünschen; zumal da man Plakate anschlägt, die den Putsch predigen, aber keine anschlägt, die das Aufgeben anzeigen. Aber davon abgesehen; wird das Verbrechen – nicht, gegen das Strafgesetz, daran denken wir natürlich nicht und reden nicht davon – wird das Verbrechen gegen die Interessen und Notwendigkeiten des Proletariats geringer, wenn es nur bis Samstag mittag in dem Plane der Diktatoren lag? Die Wiener Arbeiterschaft hatte durch das Votum des Kreisarbeiterrates ihren Willen doch klar und deutlich ausgesprochen; aber das hinderte die vier Gewaltigen des Direktoriums natürlich nicht, bei ihrem Entschluß zu verbleiben, nach dem Beschluß des Arbeiterrates ihre Putschplakate anzuschlagen; wie werden sich auch die Diktatoren um den Willen der Arbeiterschaft zu kümmern brauchen! Sie haben doch die Bestätigung von Budapest, und der gegenüber ist ein Beschluß der Vertretung des Wiener Proletariats natürlich ein Nichts! Wohl die erstaunlichste Rechtfertigung, die da ersonnen wurde: daß nur am Freitag der Putsch organisiert würde, am Samstag aber die Diktatoren bereit gewesen darauf zu verzichten, auf den Wiener Straßen ein Blutbad zu veranstalten! Aber nicht etwa verzichtet, weil sie das Unheil scheuen, weil sie das Unfruchtbare und Verderbliche dieser Gewalttätigkeit um ihrer Willen, suchenden Politik eingesehen hätten, nein, weil nur die Gelegenheit noch nicht güstig war! Also wird das Wiener Proletariat weiter diesen Bruderkampf, der seine Kraft schwächt, seine Energien lähmt, der seine beste Waffe, die VolkswehrMaterialien und Quellen: Eintrag auf Geschichtewiki.Wien; Julius Deutsch: Aus Österreichs Revolution, Militärpoli..., in einen sinnlosen Parteistreit verflicht, zu tragen haben, weil die Diktatoren auch weiterhin Ausschau nach günstigen Gelegenheiten für den Putsch suchen, werden. Also das Wiener Proletariat muß weiter in Schach gehalten werden, weiter mit Unheil bedroht werden, weil die Diktatoren ihren Putsch nicht aufgeben wollen und nur vertagen, wenn die Gelegenheit noch nicht genug günstig, erscheint! Und das soll eine Rechtfertigung sein!
Der TagTageszeitung 1922-1938 Materialien und Quellen: Eintrag über Redaktionsverantwortliche bei OeAW: https://www.oeaw.ac.at... des Unheils mahnt die kommunistischen Arbeiter zur Einkehr. Sie können in ihrer Mehrheit diese Politik, deren Schädlichkeit so offenkundig ist, die sich schon zweimal mit schweren Blutopfern beladen hat, nicht dulden, nicht verantworten, nicht mitmachen. Die Opfer vom Sonntag, furchtbare Opfer, entsetzliche Opfer, zeigen ihnen, wohin diese Politik führt, die ihre Beweggründe nicht aus dem Willen des Wiener Proletariats schöpft, sondern lediglich noch äußeren Direktiven folgt: ins Bodenlose! Denket an diesen Sonntag, da eine abenteuerlich gewissenlose Politik so viel Unheil ausgesäet hat, und gelobet, niemals mehr es zu dulden, daß Putsche vorbereitet werden, bei denen das Blutvergießen bedenkenlos in Rechnung gestellt wird! Diese Sühne ist jeder den Toten schuldig, um die wir weinen und klagen als Opfer fremder Schuld.

