Fritz Rosenfeld: Alle gegen einen. (Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa)

Fritz Rosenfeld: Alle gegen einen. (Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa) (1927)

Der Held dieses Romans ist ein russischer Kriegsgefangener, den im März 1917 die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind, aus dem Gefangenenlager ostwärts treibt gegen die Front, hinter der fern sein kleines Dorf liegt. Wie ein Jäger der Urzeit lebt Grischa im Walde, findet ein Weib, verläßt es, schlägt sich bis hinter die deutschen Linien durch und wird als vermeintlicher russischer Spion festgenommen. Wohl kann er beweisen, daß er nicht aus den russischen Schützengräben kommt, sondern tief aus dem Innern Deutschlands. Aber was gilt in einer Zeit, in der täglich Tausende hingeschlachtet werden, das Leben eines einzelnen, was gilt in einer Zeit, in der deutsche Regimenter weit ins russische Reich vorgedrungen sind und deutsche Militärs die Erfüllung imperialistischer Träume nahe wähnen, das Leben eines Russen, eines Feindes? Ein deutscher Major nimmt sich des Russen an; er verteidigt im Leben des russischen Sergeanten das Recht und die Menschlichkeit. Doch er verliert diesen Kampf. Recht und Menschlichkeit müssen in Kriegszeiten schweigen. Die Macht triumphiert über das Recht, die Forderung nach strenger Disziplin über die Menschlichkeit. Alle deutschen Soldaten lieben Grischa, den schlichten, gutmütigen russischen Bauern; sie sollen ihn nun niederschießen, weil ein „Exempel statuier“ werden muß, weil ein eigensinniger Karriere­macher taub ist für die Stimme des Mitleids. Die Soldaten, die monatelang mit Grischa lebten, weigern sich, ihn zu morden. Eine fremde Kompanie muß mit Alkohol aufgepeitscht werden, bis sie das Schandwerk vollbringt. Mit den Gewehren, die Grischa als Diener der deutschen Soldaten putzte, wird er niedergeknallt. In dem Sarge, den er als Gehilfe des Tischlers zimmerte, wird er in ein Grab gelegt, das er selber geschaufelt hat. Der Geist des Gehor­sams, das ist im Krieg der Geist des Mordes, triumphiert. Aber dieser Sieg ist einer seiner letzten. In den Mauern des Reiches rieselt es bedenklich. Ein paar Monate noch und der Sturm der Revolution zertrümmert dieses Reich, fegt die Männer weg, die es in den Blutrausch führten. Dann werden, während in einem kleinen Dorfe in der russischen Steppe ein junges Weib auf Grischa wartet. Deutsche und Russen einander als Brüder und Brüder die Hände reichen.

Arnold Zweig hat nicht nur das tragische Schicksal dieses Opfers des militärischen Systems und des Krieges erschütternd gestaltet, nicht nur den Zeithintergrund und eine Fülle von Figuren plastisch geschildert, er hat auch nach den sozialen Bedingtheiten der Geschehnisse geforscht und gefunden, daß der Krieg nur ein Kampf um die Erhaltung der Klassengesellschaft ist, der „Herrschaft der wenigen über die vielen“. Kapitalistische Herrschgelüste zeugen die nationalistischen Expansionsgelüste der im Frieden von der Profitordnung mißbrauchte und geschändete Mensch wird im Kriege vom Vaterland mißbraucht und geschändet.

Der Roman geht auf eine dramatische Bearbeitung eines tatsächlichen Ereignisses zurück; manche scharf dialektische Szene erinnert noch an diesen Ursprung. Der Schilderung des Hingangs der armen Menschenkreatur Grischa kann man in der neueren deutschen Erzählung wenig an die Seite stellen. Als großer Zeitroman analysiert der „Streit um den Sergeanten Grischa“ nicht, sondern gibt die Synthese. Die furchtbare Synthese des Krieges, die dichterische Synthese des Krieges die ein künstlerisches Dokument von bleibender Bedeutung wurde.

In: Arbeiter-Zeitung, 10.12.1927, S. 3.