Grete Urbanitzky: Neue Lyrik.

Grete Urbanitzky: Neue Lyrik (1923)

            Einem fast vergessenen Lyriker, Johann Georg Fischer (1816-1897), widmet Ernst Lissauer eine tiefschürfende Studie in seiner Einbegleitung zu dessen von ihm im Verlage Cotta, Stuttgart, neu herausgegebenen Gedichten. (…) Lissauer hat sich mit der sorgfältigen Auswahl der Sammlung ein großes literarisches Verdienst erworben, denn ebenso wie seine Betrachtung zum Eingang des Buches nicht vom „Furor biograficus“ erfüllt ist und der Gestalt dieses Lyrikers und seines Werkes sachlich gerecht wird, ebenso strenge traf Lissauer die Auswahl aus allen lyrischen Büchern des Dichters und bietet so eine Auslese, die geeignet ist, dem deutschen Lesepublikum den Namen dieses schwäbischen Dichters wieder von neuem einzuprägen und sein Werk der Vergessenheit zu entreißen. Leidenschaftliches Element vermengt sich in Fischer ähnlich wie bei Storm oft mit dem Idyllischen. Doch ist ausgesprochener Lyriker, Ballade und dramatisches Gedicht, um die er sich heiß mühte, gelangen ihm nicht. Wie die meisten Schwaben liebte er die antiken Formen. Merkwürdig ungleich sind seine Gedichte, er scheut auch vor abgegriffenen Wendungen nicht zurück, wovor sich Storm immer zu hüten wußte. Tiefe und Kraft seines Naturgefühls ist aber in den rein lyrischen Gedichten so rein, daß sie mit den Gedichten der größten Dichter verglichen werden können.

            Ein Band formschöner Balladen von Oswald Menghin erschien soeben unter dem Titel Frau Nachtigall (Verlag Tyrolia, Innsbruck). Geschult an den besten Vorbildern der Minnesänger, keck und leicht geformt, sind viele dieser Balladen heute von so seltenem, erfrischendem Humor erfüllt. In dem Zyklus „Vätersage“ ist manches Stück, in dem echter Volksliedton getroffen wurde; ganz entzückende Gedichte stehen in der Abteilung „Schalkheit“ und „Minne“, ein dunkler Geigenstrich bebt in der Sammlung „Der Tod“. Ganz Einzigartiges ist Menghin aber in seinen Legenden gelungen. Gedichte wie „Die heiligen drei Könige“, „Holzschnitt“, „St. Christophorus“, sind aus der religiösen Dichtung nicht mehr wegzudenken.

            Ein poetisches Brevier für deutsche Menschen schuf Robert Hohlbaum in seinem Sonettenzyklus Deutschland (Gebrüder Stiepel, Reichenberg). In den Gestalten der größten Deutschen ersteht Deutschlands Wesen im Ringen der deutschen Dichter und Denker, deren Profile Hohlbaum in Holzschnittart schuf, glüht Deutschlands Herz. Gebändigte, starke Männlichkeit lebt in dem kraftvollen „Kreuzzug“, in den knappen Zeitbildern „Raubritter“, „Luther“, „Bauernkrieg“. Aufrauschend wie Fahnen sind diese Gedichte, von mitreißender Gewalt. Still und innerlich sind die meisterlich eingekühlten Bilder „Rokoko“, „Herr Walther“, „Barock“, „Schillers Flucht“. Viel Besinnliches lebt in den Betrachtungen „Deutsche Gelehrte“ und „Maschinen“. – Der bekannte Graphiker A. Wilke hat zu jedem der dreißig Sonetten ein hübsches Blatt gezeichnet. – Aus der Zeit geboren sind auch die Gedichte Rudolf Bindings Stolz und Trauer, die in der literarischen Anstalt Ruetten u. Loening, Frankfurt am Main, erschienen.

            Durch großer Kriege Irrsal bin ich gegangen.
            Alle Dichter hatten ihr Recht verloren.
            Andres Maß der Dinge wurde geboren.
            Stolz und Schmach waren wirr durcheinandergegangen.

Auf diesen schmerzlichen Ton ist das tiefmenschliche Buch des Dichters gestimmt, das erlebt ist, wie kaum ein zweites.

In besonders schöner Ausstattung brachte der Dreimaskenverlag in München einen Band Lieder von Tod und Erlösung von Margarete Susman. Das Buch enthält eine Reihe geschlossener Dichtungen von ungleichmäßigem Werte, von denen mir „Davids Tod“ als am ausgeglichensten erscheint. Unter den einzelnen Gedichten außerhalb der geschlossenen Zyklen sind einige von zarter und in sich beschlossener Schönheit, wie das tiefweibliche „Der Augenblick“ und das schicksalhafte „Gebet“.

Ungleichmäßig erweist sich auch das Können Fritz Brügels in seinem Gedichtbande Zuneigung (Tal u. Co). Dem inneren Erlebnis nach steht er Werfel nahe, so besonders in „Goya“, doch hat er auch manches Eigene zu künden. Form und Inhalt erscheinen oft in vollendeter Einheit wie in der „Winterlichen Ode“, die Zeugnis ablebt für eine große Begabung. Auch Brügel wird die Sonettform zur Gefahr, auch er kann sie nicht so meistern, daß sie nicht gewaltsam wirkte. Aber auch unter den Sonetten sind einige, wie das „Konzert für Violine und Klavier“, das aufhorchen läßt. Von diesem Dichter dürfen wir noch manches Schöne erwarten.

Ein sehr eigenartiges Buch schuf Claire Goll in ihren Lyrischen Films (Rheinverlag, Basel):

            O mein Jahrhundert
            An deine Himmel trommeln Propeller,
            Es kämpft der Vogelmensch,
            Der romantische Abenteurer, mit Gott.

            Unsere Zeit mit ihren Gegensätzen, mit ihrer allzu hohen Wertung der Technik, mit ihrer Unrast und ihrem Leid lebt in diesen Dichtungen, die in ihrer kühnen Eigenart verblüffen, aber niemals in Formlosigkeit versinken. Mit hellseherischer Sicherheit findet die Dichterin den Ausdruck für Tempo und Inhalt unsrer Zeit. Was dieses Frauenbuch aber zu einem ganz seltenen Erlebnis werden läßt, ist, daß Claire Goll den Mut und die Kraft besitzt, in ihrer Künstlerschaft ganz Frau zu bleiben, daß sie nicht mit männlichem Geist kokettiert, auch nicht in unweibliches Bekennertum verfällt. Das gibt so verwirrend echten Gedichten wie „Frau“ und „Variationen des „Gefühls“ den Zauber, das macht Gedichte wie die „Entsündigung“ zu einem wirklichen Erlebnis.

            Rudolf Leonhard gibt in seiner Sammlung Die Insel Bilder von einer italienischen Reise (Verlag Die Schmiede, Berlin). Seine Gedichte sind erlebt, so werden sie zum Mittler unsrer Sehnsucht und dem Lande des Südens. Ein heißes Temperament pulst in des Dichters Liebe zur Ferne und zum Meer, Liebe zum Ungefähr, zum täglichen Sichverlieren an die fremde Landschaft und zum Wiederfinden in den gestalteten Bildern des eigenen Seins. Auch Heimito Doderer gibt in seinem Buche Gassen und Landschaft (Haybach-Verlag, Wien) Bilder erlebter Linien und Farben, aber er ist weniger ursprünglich. Die Form wirkt oft noch anfängerhaft, der Reim wird manchmal zum Tyrannen der Gedanken. Aber oft sind die Gedichte Doderers von einer inneren Musik, von einem heimlichen und schmerzhaften Wissen um die Dinge und den Sinn der Linien und Farben erfüllt. Um dieses Unbewußten willen darf man auf die Entfaltung dieses Talents hoffen. Das Buch Doderers ist in einem Wiener Verlag erschienen, der eine besondere Art des schönen Buches pflegen will, Handpressedrucke, die in einer beschränkten Auflage zur Ausgabe gelangen. In diesem Verlag erschien ein Gedichtband Richard Billingers Lob Gottes, der die Begegnung mit einer sehr eigenartigen Begabung vermittelt. Hier ist nichts Spiel und Gaukelei der Worte, hier sagt ein frommer und harter Mensch von seinem Gotte und sagt gläubig Ja! zu seiner Erde. Es ist ein Buch, das man seinem liebsten Menschen schenken darf in einer stillsten Stunde.

            In: Neues Wiener Tagblatt, 7.8.1923, S. 20.