Irene Harand: Was wir wollen

Irene Harand: Was wir wollen (1933)

Was sich heute in Deutschland abspielt, ist allgemein bekannt. Kein Zweifel: die überwiegende Mehrheit der Menschen mißbilligt die Schandtaten Hitlers. Ein großer Teil ist über seine Brutali­täten empört. Aber nur ein geringer Teil unserer Erdenbewohner erfüllt seine Pflicht. Als zu Beginn dieses Jahres Hitler die Macht in Deutschland ergriff und die ersten Rückwirkungen des Blutrausches sich in Deutschland deutlich zeigten, erachtete ich es als meine Pflicht als Christin und Mensch meine Stimme gegen den Antisemitismus zu erheben. Ich schrieb eine Broschüre gegen den Rassenhaß, die mir zwar Anerken­nung aber auch Beschimpfungen ein­brachte. Seither wurde das Hakenkreuz in Österreich stark zurückgedrängt. Es wühlt aber zweifellos im Verborgenen weiter. Und in der großen weiten Welt geschieht sehr wenig, um dem geschändeten Rechte Genugtuung zu verschaffen. Wohl hört man von Kongressen und von Komitees, die sich in allen Ländern bilden. Tapfere Männer schreiben geistreiche Zeitungsartikel, in Amerika ringt ein mutiger Anwalt um Gerechtigkeit für die Opfer Hitlers. Alle diese Aktionen haben sich bis heute noch nicht zu einer rettung­bringenden Tat verdichtet. Ich kann es gar nicht fassen, daß die Menschheit sich mit dem heutigen Zu­stand in Deutschland abfindet. Es ist viel zu wenig, wenn verlangt wird, daß Hitler die Judenverfolgungen ein-//­stelle. Wir dürfen nicht ruhen, bis wir nicht Deutschland gezwungen haben, Hitler und seine Helfershelfer zur Rechenschaft zu ziehen und allen Menschen, die an Leib oder Vermögen geschädigt wur­den, vollen Schadenersatz zu leisten. Masaryk, der Präsident der tschechoslowakischen Republik, hat den Weg gezeigt, wie der Völkerbund eingreifen könnte. Die innere Politik Deutschlands führt dazu, daß ein Massenstrom von Flüchtlingen sich über Europa ergießt. Wie kommen die anderen Länder dazu, meinte Masaryk. die Lasten zu tragen, die die selbstverständliche Asylgewährung an die Unglücklichen mit sich bringt? Wenn es wirklich wahr ist, daß Deutschland zum Krieg rüstet, so ist es eine un­glaubliche Leichtfertigkeit zu warten, bis es Hitler mit Hilfe seiner Giftgase und Mikroben gelingt, ganz Europa gleichzuschalten. Und wenn er keine Gift­gase, sondern nur eine große Schnauze hat, so ist es doppelt verdammenswert zu dulden, daß im Herzen Europas das finsterste Mittelalter seine Auferstehung feiert, daß Menschen gefoltert, gedemütigt, „auf der Flucht erschossen„, und ihre Familien dem größten Elend preis­gegeben werden. Es ist eine ausge­sprochene Torheit zu glauben, daß der Fluch der Hitlerschen Politik auf Deutsch­land beschränkt bleiben kann. Nicht um­sonst nennt man die Hitler-Bewegung die „braune Pest.“ Die Vorsehung hat uns eine Atempause gewährt. Wer ruhig sitzt und sich in Sicherheit wiegt, der ist ein Verräter an sich und seiner Familie. Vielleicht gelingt es uns doch, die Menschheit noch rechtzeitig aufzurütteln. Noch nie haben wir Christen eine so glänzende Gelegenheit gehabt, durch Taten unsere Nächstenliebe zu be­tätigen. Es ist nicht wahr, daß das Volk von Natur aus das Böse will. Die Massen sind gut. die Massen sind mitleidvoll. Sie nehmen immer für den Schwachen Partei. Wecken wir die schönen Instinkte in den Menschen! Machen wir das Gegenteil von dem was Hitler getan hat! Klären wir die Menschen auf! Be­weisen wir ihnen, daß der Weg, den Hitler zeigt, über ein Meer von Tränen, Jammer und Elend führt und keines­wegs die Menschheit zum Glücke, sondern zum Verderben führt. Als ich im Frühjahr dieses Jahres den Kampf gegen den Antisemitismus aufgenommen habe, wurde mein Unternehmen als kühn und lächerlich bezeichnet. Die Ereignisse haben mir recht gegeben. Ich will nicht aufhören zu kämpfen, bis der Glaube verschwunden ist, daß man sein eigenes Glück schmieden kann, wenn man seine Mitmen­schen ins Unglück stürzt.

Zur Vermeidung von Mißverständ­nissen! Es handelt sich hier nicht um eine Zeitung im landläufigen Sinne. Ich und meine Freunde wollen uns nicht darauf beschränken Artikel zu schreiben und Ein­zelheiten über deutsche Greuel zu veröffentlichen. Wir wollen vielmehr die Welt zu Taten aneifern. Es bestehen Konventionen gegen den Rauschgift­handel, gegen die Sklaverei, gegen den Mädchenhandel. Die Greueltaten des Hakenkreuzes haben es notwendig gemacht, daß alle gesitteten Völ­ker sich zu einer Menschenschutz­konvention vereinigen, um die Schande zu beseitigen, die das jetzige Regime in Deutschland verkörpert. Sie werden nicht nur den gepeinigten Men­schen in den Kerkern und Konzentrationslagern die Erlösung, sondern dem ganzen deutschen Volke die Rettung bringen. In diesem Sinne soll unsere Zeitung wirken.

In: Gerechtigkeit, Nr. 1, 6.9.1933, S. 1.