Johann Ferch: § 144, Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung.
Johann Ferch : § 144, Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung. (1926)
Während in Deutschland – wie in fast allen Staaten – immer stärker eine Reform der veralteten Mutterschaftsgesetze gefordert und die Bedeutung einer vernünftigen Geburtenregelung einer sich steigernden Beachtung gewiß ist, verfällt bei uns die große Frage der alten österreichischen Einschlummerungstaktik. Und wird sie hin und wieder einmal berührt – wie in der Vorwoche durch den Ärzteverein des 8. Bezirkes – so sind es Richter und Ärzte, die trotz ihrer reformgünstigen Stellungnahme das Problem von Standpunkten aus erörtern, die wir seit einem Jahrzehnt als erledigt betrachten.
Es muß immer wieder betont sein, daß
Kommissionen mit Richtern und Ärzten unmöglich geworden sind,
da die Bestimmung der Familiengröße nicht von kriminalistischen oder ärztlichen Erwägungen, sondern von der Ernährungsmöglichkeit abhängig ist. Alles andere ist in der Zeit der Arbeitslosigkeit ein leeres Gerede, umfangen von Gedanken, die längst von vorgestern sind, daß aber die
Arbeitslosigkeit nicht ein vorübergehender Krisenzustand ist, sondern ein sich verschärfender dauernder,
vermögen freilich gerade gewisse Kreise nicht zu begreifen. Der Nationalrat Kunschak war der erste aus einem Vertretungskörper, der kürzlich unsere seit Jahren gekündete Auffassung aussprach,
daß die Arbeitslosigkeit durch die rationelle Betriebsausgestaltung für viele Arbeiter eine dauernde sein müßte.
Und eben diese Arbeitslosigkeit ist es, die nicht nur gebieterisch, sondern zwangsnotwendig die Reform erfordert.
*
Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit in allen Staaten wird von den Vertretern der alten nationalökonomischen Schule als besonderer Ausdruck einer internationalen Wirtschaftskrise bezeichnet, die als Folgeerscheinung der Friedensverträge und der Verarmung der Welt gewertet wird. Für die Erklärung unserer Verhältnisse werden die drückenden Zollbestimmungen des Neuauslandes und die Industrieerrichtung in den Sukzessionsstaaten als besondere Ursache namhaft gemacht. Chauvinismus und nationale Engstirnigkeit sollen dabei eine große Rolle spielen.
Gewiß wird es an Protesten nicht mangeln, wenn man versucht, bisher unbesprochene Ursachen der Arbeitslosigkeit zu untersuchen und sie in den Kreis der öffentlichen Diskussion zu stellen. Die Resultate werden vielleicht als Ausfluß eines Weltanschauungsfanatismus bewertet, aber Tatsachen sind bekanntlich stärker als noch so bestechende wirtschaftliche Konstruktion. Ich bezeichne (und zwar seit Jahren) die Überbevölkerung, verschärft durch nicht verwendbare Arbeitskraft (infolge der Erfindungen) als Hauptursache der zunehmenden und
immer weniger zu beseitigenden Arbeitslosigkeit.
Man betrachte die Verhältnisse. Sie sind, abgesehen von geringen Varianten, sowohl in den Sieger- als auch Besiegtenländern gleich. Amerika und England stehen im gefährlichen Schatten der Arbeitslosigkeit, in Frankreich, Italien, Deutschland – überall ein Überschuß an menschlicher Arbeitskraft. Die Auswanderung ist unmöglich gemacht, die Überschüsse an Menschen in den europäischen Staaten finden das bisher regelnde Abströmventil verschlossen. Indien und die anderen Kolonialbesitzungen bilden sich heute schon zu großen Zukunftsenttäuschungen für die verwaltenden Staaten heran. Die Stauung in der Abwanderung füllt die Städte und schafft ein wachsendes, nach Arbeit verlangendes Proletariat.
Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch teilweise die Industrieförderung in den Sukzessions- und auch in anderen, bisher industriearmen Staaten zu erklären. Die Industrie gibt teilweise für die Arbeitskräfte Verwendung, die Technik ermöglicht die Versorgung des ungelernten Arbeiters mit Beschäftigung, da Gewerbe und Handel qualifizierte Kräfte benötigen und von dem überreichlichen Angebot ohnehin überflutet sind.
Es ist geradezu verblüffend, daß in allen Studien über die Arbeitslosigkeit
an der sich immer schärfer auswirkenden Erfindungswelle der Technik vorbeigegangen wird,
die in den letzten Jahren ungeheure Fortschritte machte und jetzt in einem Monat die Erfinderarbeit früherer Jahrhunderte leistet. Bis zum Kriege wirkte sich die Kraftersparnis nicht so deutlich aus. Das Riesentempo des letzten halben Jahrzehnts zerreibt die Reste des Gewerbestandes, mechanisiert den agrarischen Betrieb, neuen Abfluß vom Lande und Zustrom in die Städte schaffend, und dringt jetzt auch in die Berufe der geistigen Arbeit ein. (Eine Buchhaltungsmaschine ersetzt zwölf Bürokräfte, eine Rechenmaschine deren vier, zwei äußerst sinnreiche Statistikmaschinen in einer Krankenkasse 48 Bürofräuleins. Die Telephonautomatisierung ersetzt hunderte Kräfte usw.) Kein Betrieb, kein Beruf bleibt frei von der Kraftersparnis. Wenn man nur kurz erwiegt, wieviel durch die Intensität des Massenbetriebes an Menschenkraft erspart wird, so ist ein sprunghafter Abbau der Verwendung menschlicher Kraft augenfällig.
Der Handel ist überfüllt, das Gewerbe zerbröckelt, die Teile rieseln unaufhörlich ins Proletariat ab, das aber durch die Maschinen fortgesetzt überschüssig wird.
Jeder erzeugt durch die Maschine mehr als er verbrauchen kann,
die menschliche Vermehrung und die Fortschritte der Technik bringen immer neuen Kraftüberschuß. Jeder Geburtenüberschuss ist ein mehrfacher, zur Unverwendbarkeit verurteilter Kraftüberschuß, der mit der Technikauswirkung im gleichen Maße wächst und die Arbeitslosigkeit erhöht, automatisch aber auch dadurch die Lebenshaltung immer breitere Kreise senkt.
Zugleich schwillt die Fürsorgelast in einem rasenden Tempo an, das menschliche Leid zerstört Sinn und Zweck des Lebens, das Elend der unteren, durch die wachsende Aussichtslosigkeit zur Verzweiflung getriebenen Massen bedroht auch die anderen Schichten. Die Überproduktion droht phantastische Formen anzunehmen, wird schließlich ein nur vorübergehendes, bald wieder überholtes Aushilfsmittel erzwingen: eine radikale Arbeitszeitherabsetzung neben dem notwendigen Abbau der Überbevölkerung.
Diese muß beseitigt werden, das ist das Hauptgebot, nicht einer akademischen Erörterung, sondern volkswirtschaftlicher Zwang. Die sinn- und zwecklose Menschenvermehrung muß der Vergangenheit angehören. Sie und nur sie allein ist in der Hauptsache das in beispielloser Kurzsichtigkeit übersehene Hauptproblem der wirtschaftlichen Krisen.
Der Ausgleich zwischen Menschenproduktion und technischer Entwicklung muß bewirkt werden.
Zur Begründung dieser Forderung bedarf es keiner neuen Lehrgebäude, sondern nur des Verhältnisses für die Wirklichkeit. Das ungeheure menschliche Leid der Gegenwart, die unabänderliche Entwicklung gebieten den Weg. Menschliche Vernunft und Zwangsnotwendigkeiten werden ihn gangbar und brauchbar machen. Alle anderen Wege und Pläne, entspringen dem Vergangenheitsdenken, müssen an den Tatsachen scheitern, auch das Bestreben, mit veralteten Gesetzen und Flickreformen Weltwirtschaftsnotwendigkeiten verhindern zu wollen.
Noch eines muß gesagt werden. Hätten wir nicht das Listenwahlsystem, würde die ganze Frage für Österreich rasch entschieden sein. So müssen wir uns noch eine geraume Zeit quälen lassen von akademischen Gutachten, die für die große Frage längst nebensächlich geworden sind.
Die breiten Massen der Arbeiterschaft aber werden doch noch erkennen, was für sie die Fortschritte der Technik bedeuten. Dann werden sie ja doch einmal mit den dummen veralteten Gesetzen Schluß machen.

