Josef Redlich: Das europäische Problem

Josef Redlich: Das europäische Problem (1920)

Professor Dr. Josef Redlich der Wiener Universität, der letzte k. k. Finanzminister des alten Österreich, gibt eben in Leipzig beim Verlag Dr. Peter Reinhold ein großes Geschichtswerk (Das österreichische Staats- und Reichsproblem) heraus, welches sich mit der Darstellung der inneren Politik der habsburgischen Monarchie von 1848 bis zum Untergang des Reiches beschäftigt. Der erste Band, der bis 1861 reicht, umfaßt allein über 1000 Seiten. Er zeigt die Gründlichkeit des Verfassers, der seine Arbeit natürlich schon lange vor dem Kriegsausbruch in Angriff genommen hat und in der Lage war, sie nach dem Umsturz durch bis dahin verschlossene Dokumente aus den Hof- und Ministertalarchiven zu belegen und zu ergänzen. Der Einleitung entnehmen wir nach­stehende Zeilen:

Das Habsburgische Reich ist erst zum Problem geworden durch die neuen, vornehmlich Ideellen Kräfte, die als Folgewirkungen der französischen Revolution und des napoleonischen Zeitalters den ganzen öffentlichen Geist der abendländischen Kulturwelt, die ganze psy­chische Verfassung des europäischen Menschen aufs tiefste verändert hatten. Diese Kräfte treten nun für die große Mehrheit der Zeitgenossen überraschend und gleichsam aus dem Untergrunde des dahinfließenden Stromes europäischen Kulturlebens hervordringend in der Revolution des Jahres 1848 mit großer Kraft zutage. Die nationale Idee muß notwendigerweise der rein dynastischen Reichs- und Staatsidee als dem geschichtlichen Ausdruck dauernder Friedensbewahrung über so viele und ungleiche Völker und Länder, wie sie alte Habsburgische Monarchie vorstellte, fortschreitend den Boden und die bis dahin den Völkern selbst anerkannte Daseinsberechtigung entziehen. Denn schließlich hier wie in den anderen aus mehreren Völkern gebildeten Großstaaten die Existenz des rein dynastisch zusammengehaltenen Reiches vollständig auf der politischen Passivität der Massen, ja selbst der großen Mehrheit der bürgerlichen Klasse: das moderne Nationalgefühl aber entbindet naturgemäß allerwärts den politischen Aktivismus, der dann innerhalb der Völker von oben nach unten unablässig vor­dringt, jeden einzelnen Volksgenossen aus der ererbten seelischen Verfassung naiver Untertanenschaft unter dem angestammten Herrscher loszulösen und als einen Bestandteil der einzelnen, politisch willensfähigen Volksgemeinschaft ausschließlich dieser einzugliedern strebt.

Indem dies – zunächst nur in den Vorstellungen der geistig führenden Elemente — geschieht, vollzieht sich zugleich mit der Aufrollung des Problems, das die habsburgische Monarchie von nun ab für ganz Europa darstellt, die erste Phase der Ausbildung einer großen politischen Idee als der künftigen möglichen Lebensgrundlage für jene: der Gedanke  vom übernationalen Staat und Reich als der frei gewollten und frei beschlossenen Vereinigung und Vereinbarung gleichberechtigter mündiger Völker. Die Entfaltung des österreichischen Problems als Entfaltung des Nationalgefühls der europäischen Völker zum modernen Nationalismus und der trotz aller Stockungen immer wieder fortgesetzte Vorgang der Ausbildung einer neuen Idee von Österreich als einem Ganzen und seiner ökonomisch- politischen Notwendigkeit erscheinen von da ab dauernd als zwei in ihrer Kraft ungleiche, aber miteinander unlösbar an demselben Stoff und auf derselben Grundlage sich vollziehende Entwicklungsreihen geistig-politischer Natur.

Das geschichtliche Österreich als Staat und Reich ist durch die Endkatastrophe des Weltkrieges für immer beseitigt, das österreichische Problem in diesem engeren Sinne nicht gelöst, aber aus der Welt geschafft; jedoch die Idee, welche das Problem zu einer wirklichen aufbauenden Lösung hätte führen können, die Idee vom freien übernationalen Völkerreich, das Mittel- und Osteuropa miteinander organisch dauernd verknüpft, ist durch den Zusammenbruch der Zentralmächte von 1918 und deren unmittelbare Folge, durch die vollständige Auflösung der habsburgischen Monarchie keineswegs gelöst. Sie besteht fort: aber nicht mehr als österreichisches, sondern als europäisches Problem. Sie besteht fort in dem Sinne, daß die organische Verknüpfung der kleineren Völker und Volksstämme, welche ganz oder zum größten Teil das alte Habsburgerreich umschloß, als Ausdruck ihrer jahrhundertelangen ökonomischen und kulturellen Zusammenarbeit und als Basis dauernden Friedenszustandes noch immer ebenso ein Bedürfnis Europas, ja der ganzen Kulturwelt heute ist wie ehedem und heute – nach der Entfesselung der zerstörenden Kräfte des nationalen Imperialismus im Krieg und Frieden — mehr noch als je zuvor.

In: Prager Tagblatt, 23.11.1920, S. 1.