L. Ullmann: Die nächste Pflicht.
N.N [L. Ullmann]: Die nächste Pflicht (1919)
Die wahren Schuldigen, deren Werk und Wille dem blutigen Sonntag sein Gepräge gegeben haben, kennt man nun. Man kann das ruhig behaupten, trotzdem das Ergebnis der Untersuchung durch den eingesetzten Ausschuß des Arbeiterrates erst heute Abend vorgelegt werden soll. Behörden wie Funktionäre legen sich bereits offiziell wie inoffiziell gleichfalls keine Zurückhaltung mehr auf, so klar und durchsichtig ist der Tatbestand. Zu seiner Erhellung tragen in letzter Stunde versuchte ungeschickt-übereifrige Manöver, wie das von der ungarischen Gesandtschaft erlassene Communiqué nicht wenig bei. Dort wird in einem gut gespielten Brustton der Entrüstung erzählt, daß die Wiener Polizeidirektion Agents provocateurs auf die ungarische Gesandtschaft geschickt habe, die dort erkunden sollten, ob die ungarische politische Moral sich wohl dazu herbeilassen werde, den Sicherheitsbeamten eines fremden Staates Bestechungsanträge zu stellen. Die alt-ungarische Tugend habe aber natürlich gesiegt und beschämt seien die Sendlinge des Herrn Schober abgezogen.
Wer nur ein klein wenig Kenner der Wiener Psychologie ist und er braucht dabei nicht einmal Kenner der tatsächlichen lokalen Verhältnisse zu sein, wird schon voll und ganz die Unsinnigkeit und zugleich die Böswilligkeit dieses Geschwätzes ermessen können. Ein Staat, der sich, und das gemäß dem individuellen Willen jedes einzelnen seiner Mitbürger wie gemäß bitteren Notwendigkeiten, seit Monaten um nichts anderes, als um die Aufrechterhaltung möglichst fester Beziehungen zu allen Ländern und Völkern bemüht, ja der nicht leben kann, ohne die werktätige Freundschaft und zumindest ohne die Duldung seiner Nachbarn und der dabei diesen Sachverhalt sehr genau kennt, der sollte auf so mutwillige Weise einen Konflikt vom Zaune brechen, einen Konflikt noch dazu mit einem Volke, von dem uns heute wohl die oder jene Differenz politischer Systemisierung trennen mag, das uns aber gleiche Not und gleich erlittenes Unrecht gerade in dieser Stunde eng verbündet. Die Methode des Herrn Czobel erinnert an das berüchtigte alte „Haltet den Dieb!“. Allerdings ist die Wiener Polizeibehörde in der, wie man eigentlich kaum sagen sollte, glücklichen Lage, sich nicht in eine weitere Diskussion mit den Herrschaften in der Bankgasse einlassen zu müssen. Denn ihr steht Material genug zur Verfügung, das die spezifisch ungarische Provenienz der einschlägigen Agitation kennzeichnet. Material, das aus Personen wie aus Akten, aus Verhafteten wie aus konfisziertem Geld, beschlagnahmten Waffen und aufgestöberten Schriftstücken, Briefen und Dokumenten besteht. Das Beweisverfahren ist im wesentlichen bereits geschlossen, der Prozeß vor dem Forum der Zeitgeschichte vor dem Abschluß. Und das Urteil so gewiß wie seine Vollstreckung unaufschiebbar.
Die altgewohnte österreichische Toleranz im Befolgen und im Behüten der Gesetze hat hier einmal eine ungeheuerliche Katastrophe verschuldet. Unsere Regierung mußte seit beträchtlicher Zeit wissen, warum Herr Bela Kungeb. am 20.2.1886 in Szilágycseh (dt.: Böhmischdorf, ehem. Transylvan. Siebenbürgen) als Béla Kohn - gest. am 29.8.1... seine Emissäre nach Wien schickt und daß es nicht lediglich geschieht, damit hier etwa der Straßenbahnverkehr oder der Wasserleitungsbetrieb genau studiert wird. Verschiedene ihrer Enunziationen, selbst einzelne schüchterne Verfügungen haben auch ihr Wissen um diese Tatsachen und deren Gefährlichkeit bereits verkündet. Vor kurzem bereits wurde die Ausweisung der hier nicht ansässigen Ungarn angekündigt, wie lax sie durchgeführt wurde, beweist aber schon der eine Umstand, daß Wien in der vorigen Woche von ungarischen Agitatoren direkt überflutet war. Gefälligkeit, Gemütlichkeit und Schlamperei ist die alte Trias, die Österreichs weltgeschichtliche Fehler immer wieder zu verantworten hatte. Hoffentlich hat diesmal der eine bedauerliche Choc genügt, um den verantwortlichen Stellen beizubringen, daß man den ungarischen Bestrebungen nicht mit dogmatischer, sondern mit gesunder realpolitischer Bestimmtheit begegnen muß. Dis Kuns und Genossen etwa täuschen sich darüber keinen Augenblick, daß ihre Herrschaft zu Grunde gehen muß, wenn das ungarische Sowjetsystem von einem Kranz anders gearteter Staaten und Wirtschaftskomplexe umschlossen bleibt. Darum ist es für sie Interesse und Notwendigkeit, um jeden Preis und in jeder Minute, die günstig scheint, zu revolutionieren, was und wo sie nur können. Aber weil der Tiger zerreißen muß, um fressen und leben zu können, muß ich darum schwankend werden, ob ich mir den Tiger vom Leibe halten darf? Deutschösterreich ist heute wahrhaft in keiner weniger prekären Situation, als ein Wanderer im Urwald, des Weges unkundig, von Hilfsmitteln entblößt, von Gefahren umgeben und einzig auf die Wachsamkeit seiner Angen und die Verläßlichkeit seiner Nerven gestellt.

