Max Graf: Der Jonny-Rummel und kein Ende
Max Graf: Der Jonny-Rummel und kein Ende. (1928)
Die „Neue Freie Presse“ hat schon viele Kunstschlachten verloren. Es gehört zur Tradition dieses größten Wiener Blattes, daß ihre Kritiker seit der Gründung dieser Zeitung jeder modernen Kunstbewegung feindlich gegenübergestanden sind, ob es die mächtige künstlerische Bewegung der Wagner-, Liszt-, Berlioz-Zeit gewesen ist oder der Naturalismus des Ibsen-Zeitalters, oder die Bewegung der modernen Malerei. Die Entwicklung der Zeit hat sich immer über die Schranken der geistreichsten Feuilletons hinweggesetzt, mit denen die konservativen Kritiker modernen Kunstbewegungen, deren Richtung ihnen nicht gepaßt hat, in Ausnutzung des Einflusses einer großen Tageszeitung den Weg versperren wollten.
Es ist also auch von wenig Bedeutung, wenn der jetzige Musikkritiker der Neuen Freien Presse, dem Niemand den Rang eines kenntnisreichen und gebildeten Kritikers bestreiten kann, der modernen Musikbewegung seit einigen Jahren feindlich gegenübersteht. Man würde diese Bewegung, die alle Länder Europas erfaßt hat, sehr gering schätzen, wenn man glauben würde, daß das musikalische Talent und der Geist ihrer führenden Musiker durch Feuilletons einer Tageszeitung gehemmt und unwirksam gemacht werden könnte. Strawinsky und Schönberg genügen allein schon, um Hunderte konservative Feuilletons wegzublasen. Afflavit et dissipati sunt. Unmerklich ändern sich die alten Gehörgewohnheiten. Die Jugend wächst heran und plötzlich ist eine andere Generation, eine andere Zeitstimmung da, der die Größe moderner und einst so heftig bekämpfter Kunst etwas Selbstverständliches geworden ist.
Ich fürchte, damit Banales gesagt zu haben. Aber wie stark ist nicht die Tradition eines Blattes vom Rang der „Neuen Freien Presse“, wenn sie dieses Banale nicht erkennt und „nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten“, wo immer auf dem Kunstgebiet eine lebendige und frische Kraft sich zeigt, alle ihre in Kunstbataillen so oft geschlagenen konservativen Truppen mobilisiert. Dieser sechsundzwanzigjährige Krenek, dessen Oper Jonny spielt auf eine Weltsensation geworden ist, die vermutlich in ein, zwei Jahren durch andere Zeitsensationcn abgelöst werden wird, hat das Talent gehabt, durch seinen Wiener Premierenerfolg die „Neue Freie Presse“ in eine Festung zu verwandeln, deren große kritische Geschütze Schrappnells aus Feuerlagen speien, deren Lokalredakteur Handgranaten
wirft, deren Theaterredakteur Giftgase ausströmen läßt und deren Leitartikelgeneral selbst in den Kampf eingreift. Nichts würde besser Ernst Krenekeigentlich Křenek, geb. am 23.8.1900, Wien – gest. am 22.12.1991 in Palms Springs, CA, USA; Komponist, Musiktheoretik... dokumentieren, daß er großes Talent besitzt, als die ungewöhnliche Heftigkeit solcher Angriffe, der Rummel, mit dem das größte Wiener Blatt ein Opernwerk eines jungen Musikers umbringen will, das seinem Musikkritiker nicht gefällt und dem man gewiß eines nicht absprechen kann: die Fähigkeit, überall, wo es gegeben wird, das Interesse des Publikums auf sich zu ziehen. Diese Fähigkeit wäre allein schon ein großer Talentbeweis, denn ein untalentiertes Werk interessiert das Publikum nicht. Die Mobilisierung der beträchtlichen Streitkräfte eines großen Blattes gegen einen großen und weitreichenden Opernerfolg ist ein noch größerer Talentbeweis, denn an einem jungen Musiker, der in dieser Weise bekämpft wird, muß etwas sein.
Das Merkwürdige an dem Jonny-Rummel der Neuen Freien Presse, der dem großen Premierenerfolg der Krenekschen Oper gefolgt ist, war, daß er durch ein Opernwerk hervorgerufen wurde, das gewiß kein bahnbrechendes Werk der modernen Opernliteratur ist. Keiner der Musikkritiker, welche die Kreneksche Oper mit jenem freudigen Wohlwollen beurteilt haben, das gegenüber der erfolgreichen Leistung eines talentierten jungen Mannes
menschliche Pflicht ist, hat den Jonny als eines der großen Werke der modernen Opernliteratur bezeichnet. Kritiker vom Range Dr. Decseys, Dr. Kraliks, Dr. Bachs haben neben Frau Dr. Bienenfeld und meiner Wenigkeit die Oper Kreneks gelobt, aber das Lob galt bei uns allen dem Theatertalent, der Frische, der Keckheit des Wurfs, der Fähigkeit, das Publikum mit Mitteln aller Art zu packen und (ohne sensationslüsterne Absicht) dennoch
Sensation hervorzurufen. Hindemiths Cardillac — um nur eines der interessanteren modernen Opernwerke zu nennen — ist gewiß musikalisch origineller, als die Oper Kreneks, von Alban Bergs Wozzeck gar nicht zu reden. Was Kreneks Jonny vor allem auszeichnet, ist die Buntheit und Lebhaftigkeit seiner Theaterphantasie, es ist vor allem ein unterhaltendes Theaterwerk, ist frisch als solches hingeworfen und bittet am Schluß um Dank, wenn
Jonny die Zuschauer unterhalten haben sollte, wie es seine Absicht war. Gegen eine wirkliche Originalität ind Größe der Krenekschen Oper würde, wenn schon nichts anderes, sein Erfolg sprechen. Originelle und große Werke werden nicht in einem Jahr an sechzig Bühnen angenommen und haben keine Sensationserfolge. Wie schwer setzen sich Opernwerke Hans Pfitzners durch; wie sehr hat selbst die Frau ohne Schatten von Richard Strauß heute noch zu kämpfen! Große Werke brauchen Zeit, um ins Bewußtsein der Zeit aufgenommen zu werden. Aber: das Theater lebt nicht von den großen, kühnen, originellen Werken allein, es braucht, um lebendig zu sein, auch Werke, die das Publikum sofort interessieren.
Sein Verdienst ist darum nicht kleiner. Dem Opernspielplan fehlen neben den großen Meisterwerken der Tonkunst und den großen Werken moderner Klassiker, wie es Strauß und Pfitzner sind, in empfindlicher Weise Werke, die, ohne ins Banale zu fallen, das große Publikum interessieren. Wenn die Opernhäuser überall über die Interesselosigkeit des Publikums klagen und in einer Krise begriffen sind, trägt der Mangel an Werken mittleren Ranges, welche das Publikum ins Haus ziehen, am meisten dazu bei. Im Publikum ist ein berechtigter Trieb nach Neuem, nach Abwechslung, nach Anregung. Es will nicht nur große Feiertagswerke hören, die eine beträchtliche Anspannung verlangen, sondern auch in geistreicher Weise unterhalten sein. Das erklärt den Erfolg des Jonny, Hier ist endlich ein moderner Komponist, der seine Zeit kennt und aus einem lebhaften Theaterempfinden heraus eine Oper geschrieben hat, die mit künstlerischen Mitteln das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums befriedigt. Eine amüsante, abwechslungsreiche Handlung ist da, gut gesehene Figuren, dekorative Abwechslung, ein Einschlag von Jazzmusik, von Kino und Revuesiehe: Ausstattungs-Revue bzw. Politisches Kabarett, als Musik- und Theaterelementen der Zeit, daneben so viel moderne Musik, als sie das Publikum gerade noch verträgt: dies alles mit dem Theatertalent eines frischen, jungen Menschen verbunden. Wenn man weiß, wie selten und wie schwer Opernerfolge in unseren Theatern zu erzielen sind, wiegt ein Sensationserfolg wie der Jonnys doppelt und dreifach. In sehr jungen Jahren hat Krenek diesen seltenen Erfolg davongetragen. Freuen wir uns doch eines solchen Talents.
Die Neue Freie Presse hat sich nicht gefreut, sondern ist gegen den Operndirektor, der nach den großen Erfolgen des Jonny verpflichtet war, das Werk auch in Wien zu geben, stürmisch losgezogen und hat ihn mit einem ungewöhnlichen Notizenkrieg einzuschüchtern versucht. Woher diese Erbitterung, die sich nicht ersättigen konnte? Es ist nicht schwer zu erraten. Seit längerer Zeit wird in dem großen Blatte immer wieder gepredigt, die moderne Musik sei tot, sie sei nur ein Schwindet von Cliquen, die sich gegenseitig hinaufloben, der Zusammenbruch sei da, die Musiker seien impotent, niemand wolle von ihnen ein Stück Brot nehmen, und plötzlich hat einer der jungen Musiker, ein Wiener, einen unbestreitbaren Publikumserfolg. Das ist gewiß ärgerlich und für reizbare Gemüter sogar so aufregend, daß sich der Unwille hinter den sorgsam zusammengetragenen ästhetischen, kulturellen und moralischen Argumenten nur schlecht verbirgt. Wer könnte das nicht begreifen? Schöner wäre es gewiß, wenn ein Blatt von der Bedeutung der Neuen Freien Presse seiner Verpflichtung bewußt wäre, den geistigen Bewegungen der neuen Zeit mit wohlwollendem Verständnis gegenüberzustehen, junge Talente mit Wärme zu begrüßen und zu fördern, das Schaffen der Zeit mit den Lesern zu verbinden. Schöner und auch menschlich wertvoller wären Güte und Freude am Talent und der Arbeit der Zeit. Die großen reaktionären Kunsttraditionen der Neuen Freien Presse, mit denen Übelwollen und der Geist der Ketzerverfolgung sich legitimieren wollen, haben genug Niederlagen erlitten. Die Traditionen bleiben und die Zeit und das Schaffen der Künstler der Zeit schreiten weiter.

