N.N.: Kreuzzug gegen Josephine Baker

N.N.: Kreuzzug gegen Josephine Baker (1928)

Ein amtliches Nein stemmt sich dem beabsichtigten Gastspiel der Josephine Baker entgegen. Dem Tanz der göttlichen Josephine geht das Tänzchen um die Konzessionsverteilung voran. Die Musik, die den Amtsschimmelrhythmus festlegt, ist jazzfrei. Sie darf sich auf Tradition und Altösterreichertum berufen. Vormärzparagraphendeutsch teilt ihre Takte.

Aber warum fühlen sich führende Po­litiker durch das Gastspiel der Josephine Baker chokiert? Wie kam es, daß diese Frau in der politischen Arena Österreichs einen seit Monaten vergeblich ersehnten sensationellen Erfolg: die Koalition aller Parteien erzielen konnte? Eine noch nie erlebte Phalanx bezieht gegen Josephine Baker Kampfstellung. Die Beweggründe für diesen Kreuzzug des zwan­zigsten Jahrhunderts sind verschiedenster Art: Schutz der Geschäftsinteressen eines Theaterunternehmers, völkische Belange und, natürlich, die liebe Sittlichkeit. Also wieder das Horrido und Hussassa der „Jonny“-Demostranten und dazu, als aparte Neuheit, die überraschende Auf­fassung, daß schwarze Frauenbrüste eroti­scher und demoralisierender wirken als weiße.

All dies ergänzt durch eine unerträg­liche, mittelalterliche Bevormundung. Ist irgend jemand gezwungen, Josephine Baker zu sehen? Will aber einer so sünd­haft sein, die Katzenschönheit dieses welt­berühmten schwarzen Mädchens, dem Paris und Berlin monatelang nachgelaufen sind, zu bewundern, was kümmert das Anders­denkende oder Andersfühlende? Wien will Weltstadt bleiben, bettelt überall darum, als solche angesehen zu werden. In einer Weltstadt hat aber die hohe, die reine Kunst das gleiche Heimatrecht wie das Amüse­ment.

Um dieses — um nichts anderes— handelt es sich bei Josephine Baker. Ist Wien berechtigt, plötzlich die Führerrolle in Problemen des Rassenschutzes zu über­nehmen, wenn heute sogar schon die gewiß nicht negerfreundlichen Vereinigten Staaten bedeutende Geldsummen für Neger­musik (die nur von Negern geschrieben sein darf) auswerfen?

Die ganze Wiener Hatz gegen Jose­phine Baker entspringt doch nur der Großmannssucht und dem Bestreben, eine Affäre zu konstruieren, um dadurch weitumfassende Ohnmacht zu verschleiern. Gegen die Mächte, die das Deutschtum wirklich kne­beln und entrechten, ist ein Aufmucken ge­fährlich und darum nicht ratsam. So stürzt man sich an Werktagen auf die Juden, zur Abwechslung aber auch einmal auf eine fremdfarbige Tänzerin.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 5.2.1928, S. 1.