N.N.: Mehr als ein Film!
N.N.: Mehr als ein Film! (1931)
Es ist eine echt österreichische Lösung – so echt österreichisch, daß man sie hätte voraussagen können. Darf der Remarque-Film gespielt werden? Nun – o, du mein Österreich! –, von fünf bis sieben Uhr ja, aber nach sieben Uhr nicht! So hat es zum mindesten für den gestrigen Tag die hohe Polizei angeordnet; von fünf bis sieben durfte der Film ungestört gespielt werden; aber um sieben Uhr verbot die Polizei weiterzuspielen, und ließ die Arbeiter, die aus Simmering, Währing, Schwechat zur Sieben-Uhr-Vorstellung kamen, einfach nicht zum Kino hin! Warum diese Unterscheidung? Um fünf Uhr gilt Recht und Gesetz; da sind nämlich die Hakinger noch nicht auf der Straße. Aber um sieben, da kommen doch, – hu! hu! – die paar hundert Hakenkreuzler. Da ist es aus! Damit kann die hohe Polizei nicht fertig werden! Da ist die Verfassung suspendiert… Lächerlichkeit tötet – so sagen die Franzosen. Wir leben, Gott sei Dank, nicht in Frankreich! Wir leben – wer kann nach dieser Lösung noch zweifeln? – im alten, ewigen Österreich!
Oh, wir kennen sie schon, die alte Mahnung der Neunmalweisen: „Habt ihr in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit, der Wirtschaftskrise, des Lohndrucks keine andre[n] Sorgen als die, ob ein Film gespielt werden darf oder nicht?“ Es ist das alte erbärmliche Argument, mit dem die Reaktion seit 1848 immer die Arbeiterklasse betören wollte, wo und wann immer sie um politische und geistige Freiheit gekämpft hat: „Kümmert euch um eure Arbeit und eure Löhne! Was geht euch die Freiheit an? Freiheit macht nicht satt!“ Es hätte den Feinden der Freiheit ja immer gut gepaßt, wenn die Arbeiter abseits geblieben wären, wo um geistige und politische Freiheit gekämpft wurde! Es gäbe in diesem Lande kein Fäserchen Demokratie, kein Fäserchen Recht und Freiheit und Macht der Arbeiterklasse, wenn sich die Arbeiter von diesem reaktionären Geschwätz hätten betören lassen! Stolz und Ruhm der Arbeiterklasse ist es, daß sie dem verlogenen Geschwätz der Feinde der Freiheit nie aufgesessen ist; daß sie immer verstanden hat, daß, wie es in unserem alten Liede heißt, nicht nur Brot Freiheit, sondern auch Freiheit Brot ist. Sie versteht es auch diesmal, daß es in diesem Kampfe um einen Film um mehr als um einen Film geht!
Seht euch die Soldaten und Offiziere des Herrn Vaugoin an, die mit Knallfröschen, mit dem Einschlagen von Fensterscheiben gegen die gesetzliche Ordnung demonstrieren! Leset die Reichspost, das Organ des Seipel-Klüngels, wie sie zu diesen Kundgebungen christlicher Gesetzestreue hetzt Und ihr versteht, wer die Fäden zieht, an denen die paar hundert Hakinger tanzen! Es ist der am 9. November besiegte Klerikofascismus, der diesen Wirbel inszeniert hat und die ahnungslos dummen Hakenkreuzjungen für seine Zwecke benützt – dank der feigen Hilfe von Schober-Block-Ministern kann er es! Versteht ihr nun, worum es geht? Darum geht es, ob in Österreich Recht und Gesetz auch dann noch gelten, wenn es dem Herrn Vaugoin und seinen Hakenschwänzlern nicht paßt! Darum geht es, ob ein paar hundert krawallierende Burschen den dreißigtausend Arbeitern und Arbeiterfrauen, die durch die Kunststelle Karten für den Film gekauft haben, verbieten dürfen, sich einen Film anzusehen, wann es ihnen paßt! Darum, ob die Staatsgewalt, die so energisch zu sein versteht gegen arme verzweifelte Arbeitslose, die ihr Stückchen trockenen Brotes gegen die Feinde der Arbeiterklasse verteidigen, feige kapitulieren darf vor dummen Jungen, die ihren Dummenjungengeschmack erwachsenen// Menschen, Männern, die durch das Feuer des Krieges gegangen sind, aufzuzwingen sich erfrechen. Darum, ob in unserem roten Wien zwar jeder noch so kitschige, noch so lakaienhafte Habsburgerfilm, jeder noch so nationalistische Kriegshetzerfilm gespielt werden darf, auch wenn sie der republikanischen, sozialistischen Zweidrittelmehrheit des Volkes noch so mißfallen, aber ein Kunstwerk wie dieser Film, der die Wirklichkeit des Krieges zeigt und damit zum Frieden erzieht, nicht gespielt werden darf, nur weil er die schwarzgelben Drahtzieher des Klerikofascismus allzu peinlich daran erinnert, was ihr Kaiser angerichtet hat, als er mit dem Ultimatum an Serbien die Welt in Flammen gesetzt hat! Darum, ob es in unserer Republik noch gleiches Recht für alle geben soll! Darum, ob es in ihr geistige Freiheit geben soll oder ob sich wieder wie in der guten alten Zeit der Schwarzgelben erwachsene Menschen vorschreiben lassen müssen, was sie sich anschauen dürfen! Darum, ob man in unserem Lande durch das eindringlichste aller Propagandamittel der Jugend, die den Krieg nicht miterlebt hat, zeigen darf, was der Krieg war, und sie damit mit dem Haß gegen den Krieg, mit dem entschlossenen Willen Nie wieder Krieg! erfüllen darf!
Ihr sprecht von Wirtschaft? Nun, diese Kapitulation vor den Hakenkreuzlern hat jetzt schon der Wirtschaft einen wirklich ernsten Schaden zugefügt! Im nächsten Jahre soll die internationale Abrüstungskonferenz des Völkerbundes tagen. Die Gemeinde Wien bemüht sich, daß sie nach Wien einberufen werde. Das würde ja Wochen, wahrscheinlich für Monate viele Tausende Diplomaten und Journalisten aus aller Welt nach Wien bringen und dadurch Tausenden in Wien Arbeit und Verdienst schaffen. […] Glaubt jemand, daß der Völkerbund die große Weltkonferenz, auf der die Gegensätze in harten Kämpfen ausgetragen werden, in eine Stadt verlegen wird, in der er nach der Erfahrung dieser Tage gewärtigen müßte, daß die Straße gegen die Konferenz mobilisiert werden wird, wenn es dem Nationalismus des Herrn Hitler oder seines Beschützers in Rom paßt? In eine Stadt, in der sich die Polizei als unfähig bekennt, die Ruhe gegen ein paar hundert nationalistische Schmutzigbraunhemden zu schützen? Wien verdankt ein Stück seiner Stellung in der Welt der Tatsache, daß es seit 1918 als eine pazifistische, von nationalistischem Fremdenhaß und kriegerischer Gesinnung freie Stadt gilt; es müßte eigentlich Herrn Schober, den Minister des Äußeren, auch interessieren, wie es im Ausland wirken wird, daß sich die österreichische Regierung mit dem kriegshetzerischen Nationalismus, als dessen Sieg das Berliner Filmverbot in der ganzen Welt betrachtet wurde, solidarisiert!
Der Minister des Innern hat dem Landeshauptmann von Wien, unserem Genossen Seitz, nochmals zugemutet, den Film zu verbieten. Überflüssig, zu sagen, daß unser Bürgermeister diese Zumutung eines dreisten Gesetzesbruches entschieden und für immer ablehnt. […] Daß in Hinkunft jede Theater- und jede Kinovorstellung zu untersagen ist, wenn ein paar hundert Leute gegen sie demonstrieren. Das wird dann selbstverständlich für alle gelten: was der winzigen hakenkreuzlerischen Minderheit Recht ist, wird dann selbstverständlich auch der großen sozialdemokratischen Mehrheit des Volkes von Wien billig sein. Man wird aber, wenn die „Demokraten“ des Schober-Blocks diesen Weg weitergehen, noch mehr wissen: wissen, daß es in diesem Lande keinen anderen Schutz der geistigen Freiheit, keine andre Kraft des Kampfes gegen nationalistische Erziehung mehr gibt als die Sozialdemokratie! Das wird – darüber mögen sich die Herren nicht täuschen! – auf zehntausende Menschen bürgerlicher Herkunft seine Wirkung tun! Nur weiter, weiter so! Diese Saat wird aufgehen! Nichts verbürgt sicherer den Sieg der Arbeiterklasse, als wenn man allen, denen Freiheit und Frieden nicht leere Worte sind, so anschaulich demonstriert, daß nur der Sieg der Arbeiter Freiheit und Frieden zu schützen vermag!

