Paul Wertheimer: Alfons Petzold. Dichter der Armut.
Paul Wertheimer: Alfons Petzold. Dichter der Armut. (1923)
Es gibt ein schmerzlich schönes, heute wohl längst verklungenes Lied Ada Christens, der alten österreichischen Dichterin, das, vorausahnend, klagend und anklagend zugleich, am Eingang dieser neuen Zeit und der neuen Dichtung in Österreich steht. Nur ein kleine graues Lied, doch der Schrei aus der Tiefe des Lebens, dieser „stählerne Schrei“, wie Alfons Petzold gesagt hätte, ist in diese schmalen, die „Not“ überschriebenen Strophen gepreßt:
All euer girrendes Herzeleid
Tut lange nicht so weh.
Wie Winterkälte im dünnen Kleid,
Die bloßen Füße im Schnee.
All eure romantische Seelennot
Schafft nicht so herbe Pein,
Wie ohne Dach und ohne Brot
Sich betten auf einen Stein.
Ein neuer, sozialer Ton aus Österreich, aber nicht zart und werbend, vielmehr hart und herrisch und dennoch wie mit weichen Händen nach unserem Herzen greifend. Dieser herbe Mitleidston ist seitdem in der wienerischen Lyrik, diesem üppigen, immer ein bißchen künstlichen und verspielten Garten — mit den heimlichen Bosketts, den sandsteinernen Figuren, umgaukelt von Grazien, umflügelt von Amoretten unter den Klängen Mozarts und Schuberts — nicht mehr zur Ruhe gekommen; dumpf drohend, wie ein fernes Gewitter, bricht er überall durch. Bei Ferdinand v. Saar ward er in dem „Arbeitergruß“, der alle unsere Gedichte der Arbeit bis zu Wildgans und Petzold eingeleitet hat, und in dem herrlichen Lied vom Schnee, diesem Arbeitbringer, dem weißen Manna für die Armen, zu einem schwermütigen Seufzer. Bei J. J. David, der selbst durch so viel Not hindurchgeschritten, schwoll er zu einem mannhaften Trutzgesang des „Enterbten“. Und bei Alfons Petzold, unserem Heimatgenossen, dessen jähes, frühes Hinscheiden die deutsche, nicht bloß die heimatliche Dichtung betrauert, ward er dies alles zugleich: Seufzer und trotziger Aufschrei, der Schrei der Not aus eigenstem, bitter echtem Erleben, eine dunkle Melodie, die sein karges und krankes, vor der Zeit gebrochenes und doch reich entfaltetes Dasein begleitete…
Wie er um seine Entfaltung aus kümmerlichster Enge rang, ward bereits in diesen Blättern erzählt. Als Knabe hat er alle Qualen der Armut, den Hunger nach Brot und Bildung, nach Liebe, nach Verstehen, nach einem Heim, nach ein bißchen Schönheit, nach einem freieren, froheren Leben am eigenen, frühzeitig siechen, von der Wiener Elendskrankheit, der kranken Brust, heimgesuchten Leib erlitten. Gleich dem armen David Copperfield, nur ohne dessen befreienden Humor und dessen kindlich gläubiges Vertrauen, ist er draußen, wo die letzten Häuser stehen, in den Quartieren des Elends zur Welt gekommen, in eine graue, dumpfige Welt, die dem getretenen und gestoßenen Jungen, in dem ein Poetenseelchen bereits tastend die Schwinge hob, wenig Freundliches dargeboten. In den Jahren, da andere halb Kinderspiele, halb Gott in sich tragen und sich jungenhaft tummeln dürfen, stand er an der Maschine, schlürfte durch lichtlose Säle — so hat er es selbst geschildert —, war Ziegelablader, Packer in einer Fabrik: ihm ist wahrlich genug aufgepackt worden. Unter seinen Prosaschriften, die man viel zu wenig kennt, sind zwei Beichtbücher: Das rauhe Leben und Von meiner Straße, Novellen aus der Kriegszeit meines Lebens. Mit Erschütterung erfährt man da, wie er von dem Vater wegen seiner früherwachten schöngeistigen Neigung geschlagen, von der Mutter gescholten ward, wie er, noch halbwüchsig, hungernd und frierend durch die Straßen nach Arbeit lief, die Zigarrenreste vom Weg aufhob, in Massenquartieren Zuflucht suchte — ein Erwerbs- und Wohnungsloser. Grelle Bilder des Jugendelends, einer noch härteren Jugend, als sie Hebbel unter dem Joch des Kirchspielvogtes beschieden war. Aber die Unterdrückung des Geistes ergreift uns, dort und hier, noch tiefer, noch inniger. In den Novellenaufzeichnungen Petzolds sind ein paar Seiten eines Tagebuches, Notizen eines Zwanzigjährigen über sein tägliches geistiges Erleben — sie reden in ihrer schmucklosen Aufrichtigkeit eine herzbezwingende Sprache.
Nicht jene psychoanalitische oder „romantische Seelennot“ verwöhnter Zwanzigjähriger von heute. Um ein bißchen Wissen, um ein bißchen Anregung, das anderen von selbst überall entgegensprang, hat er schwer im „Volksheim“ draußen, das für ihn zum Segen ward, ringen müssen. Welches Glück, da er um zehn Heller einen ausrangierten Band Platen, diesen strengen Meister für einen angehenden Versifex, und um die gleiche, nur mühsam errungene, abgedarbte Summe „ein Kilo Goethe“ in einer Trödelbude ergatterte. Aber so dunkel dieser Jugendweg sein mochte, er war dennoch — wäre Petzold sonst ein Dichter gewesen — umblüht von Frohsinn. Die Wiener Landschaft schimmert überall durch dieses Tagebuch, und ein Mädchenlacken — Linerl hieß das blonde Kind, dem er seine Reisen in die Traum- und Bücherwelt anvertraute — flattert dazwischen auf. „Heute Wein, Freude und verstohlene Liebe getrunken,“ notiert er nach einem Sonntagsausflug, bereits mit der Bildnerkraft eines Dichters. So steht mir auch von damals her, da ich dem Zwanzigjährigen im Ottakringer „Settlement“ einmal begegnete, sein Wesen in der Erinnerung: die Gestalt gedrungen, blondes, schütteres Haar, der Blick scharf auf das Wirkliche gerichtet und dann wiederum in Fernen verloren, ein wienerisch unbesorgter und zugleich slawisch müder Ausdruck in dem blassen Gesicht, dem man die Armut einer Jugend anmerkte — auch in seiner Kunst mit ihrem mitleidigen Menschenerfassen tritt ein russischer Zug hervor. Schmale, edle, geistige Hände schienen wie beschämt ihr Tagewerk zu verrichten und doch das Gemeine von sich abzuwehren. Milde Hände, Frauenhände, haben ihn dann, wie den jungen Hebbel, aus der Enge und Dumpfheit dieser Jugend hinaufgehoben und ihn zu einem freieren, geistigen Leben geführt….
Dies alles ersieht, ahnt und liest man, bedauernd und erfreut zuletzt über die gütigere Fügung, aus diesen Bekenntnisschriften. Und so warm man ihn menschlicherweise bemitleidet, man möchte bei der Betrachtung jenes künstle-//rischen Werdeganges die Erfahrungen, die er wohl erleiden mußte, nicht missen. So ist er aus diesen Erlebnissen ein tendenzlos wahrer und darum doppelt zwingender Schilderer der Wiener Armut geworden, Die deutsche Dichtergedächtnisstiftung in Hamburg hat von Alfons Petzotd einen Band Erzählungen gebracht, Menschen und Schatten. Erzählungen, nein, nur Schilderungen. Uhdesche Armeleute-Figuren, Grau in Grau, die Arbeits-, die Heimlosen, ein kummerschwerer Zug. Das Erfinden war nicht seine Gabe. In diesem Werke hat sich die Schilderung nur einmal – zur Novelle verdichtet, im „Totschläger“. Hier wird packend gezeigt, wie ein Arbeiter um der Ehre seiner Maschine willen, seinen Kameraden erschlägt. Diese Maschinen bei Petzold, ja sie sind selbst wie Menschen, sie haben ihre Leidenschaften, ihre Tücken, ihre mörderischen Begierden. Freilich hat sie kein Naturalist so gesehen. Nur einem Dichter, einem in den Maschinenraum gebannten Lyriker, ward ihre Seele, diese rotglühende Seele, offenbar. Nur ein Dichter sieht die kleinen, in diesen Räumen der Arbeit aufkeimenden Geschichten. Diese tragische etwa von den „Drei Rosen“, die ein Arbeitsmann von seiner Geliebten geschenkt bekam und die er aus dem plötzlich brennenden Saale um den Preis des eigenen Lebens bergen will. Romantische Seelennot also doch auch hier, im härtesten Daseinskampf. Aber die wirkliche Not, wenn die Maschinen feiern müssen, wie es Petzold selbst in seiner Jugend erlitt, niemand vielleicht hat seit Hamsuns Hunger diese Elendstimmung greifbarer festgehalten, als dieser Dichter der Armut in den „Drei Tagen“, den drei Höllentagen eines unfreiwillig Feiernden. In einer Prosa, schroff und kantig, wie das Leben ihn selbst angefaßt hatte, und nur ganz selten von zeitgemäßer Manier gestreift, gibt er hier ein Stück grauester Wiener Wirklichkeit. Neben Karl Adolph, einem desgleichen zu wenig gekannten Wiener Sittenschilderer, einer Art Wiener Vorstadt-Dickens, ist Petzold in diesen Skizzen und besonders in den Memoiren eines Auges der schärfste Kenner des Wienertums, des Wiener Dialekts, auch des Seelischen, wie er draußen am Rande der großen, ihre Arme polypenartig ausstreckenden Stadt gesprochen wird…
Einen Dichter haben wir Petzold genannt, und dieses Wort, jetzt so abgescheuert häufig, es deutet, wo es gerechterweise gebraucht wird, noch immer das Seltenste an. Seine Lyrik — den Tiefen des Volkes entsprossen und doch nicht eigentlich volkhaft — ist bekannt genug geworden. Sie ist aus der österreichischen Dichtung nicht mehr hinwegzudenken. Man hat Petzold einen Arbeiterdichter genannt; er war wohl — ohne andere Tendenzen, als die des Mitleids, wie jeder wahrhafte Poet — nur ein Lebensdichter, und darum ein Sänger der Not, des Leides, der Armut. Wie Dehmel, dem Dichter des „Arbeitsmannes“, den er sehr bewunderte, wie Anton Wildgansgeb. am 17.4. 1881 in Wien - gest. am 3.5.1932 in Mödling (Niederösterreich); Dramaturg, Schriftsteller, Theaterdirekt..., nur ohne dessen dramatischen Impetus; dem weicheren, liedhaft versonnenen Petzold blieb das Drama verschlossen. Jenen sozialem Ton Saars, Ada Christens, Davids hat er weitergebildet, bereichert, vertieft, dunkler gefärbt — ein Starker und Eigener, wenn auch nicht eben ein „Neutöner“ des österreichischen Liedes, wie es Rilke ist, dem Petzold öfter in seiner zarten filigranen Melodik nachstrebte. Da ich diesen Namen im Zusammenhang mit ihm niederschreibe, ist die Stufe, die nicht geringe Stufe seiner lyrischen Kunst bezeichnet. Ein „Künstler“ war er in der Tat, dieser Packträger aus den Jugendquartieren des Elends, ein Kunstpoet zuletzt, der das Wort meißelte und farbig hervorhob — aber zu seinem Glück noch immer kraftvoll umweht von den Klängen des Volkes. Manchmal ist ein voller Strom des Gesanges, wie bei Keller, in dem sich Gott und die Gestirne ruhevoll spiegeln. Dann wieder volksliedhaft leicht. Volk, mein Volk! und der Stählerne Schrei, so hat er die Gedichtsammlungen, die nach seiner „Einkehr“ der Krieg ihm brachte, überschrieben. Lieder voll nationalen Stolzes und Trotzes, von glühend deutscher Gesinnung. Visionen aus dem Schlachtfeldern, von den Ausziehenden und Heimgekehrten, von Müttern und Frauen, über die das Weinen Gottes schwebt. Und dazwischen dieses „Heimatlied“, ein Sehnsuchtsruf, tagverloren, über das ganze blutige Grauen hin, wie er nur von den Lippen eines Poeten blüht:
Wien, wie ein Abendgesang.
Wien, wie ein Magdgefühl:
Traurig und wehmutbang
In der Fremde Gewühl.
Berge und Wälder schau’n
Auch in manch‘ and’re Stadt;
Aber nicht eine hat
Süßere Frau’n…

