Rudolf List: Zeitpolitik im Drama
Rudolf List: Zeitpolitik im Drama. (1932)
Josef Wenter: Spiel um den Staat. In neun Bildern.
Der Dichter des Romanbuches Laikan gibt in diesem (im Reich bereits zur Uraufführung gelangten) Bühnenwerk einen dramatischen Querschnitt durch die politische Problematik von heute: Monarchie oder Republik, Diktatur oder kompromißlose Herrschaft der Masseninstinkte. Wenter will keineswegs eine Lösung, sondern im Grunde genommen nichts anderes denn ein möglichst vielseitiges Bild des Spiels der verschiedenartigen Kräfte zeigen, wenn er auch das Tragische des politischen Kampfes von der Warte einer irgendwie ironischen Sachlichkeit aus betrachtet, wenn er auch die Ewigkeitswerte (deren Wahrer und Vermittler hier der Kardinal vertritt) innerhalb des aktuellen Geschehens in ihrer Auswirkung auf die Machtverhältnisse zu zeichnen versucht. Es bleibt jedoch – vor allem in letzterem Falle – beim bloßen Versuch: gerade das Problem Staat-Kirche läßt sich nicht im Streiflicht einiger weniger Dialoge in wünschenswert eindeutiger Form zur Darstellung bringen. Mit großem Geschick ist die Gestalt des „Führers“ gezeichnet, der auf dem Wege über einen Militärputsch eine sich demokratisch gebärdende Diktatur unter (wenigstens zeitweiliger) Anerkennung des Königstums und in Respekt vor Symbol und Einfluß der Kirche einführt, des „Kerls von vorgestern“ (wie er sich selbst bezeichnet), der als „Abtrünniger“ von seinem besten Freund mit den Gewaltmethoden anarchistischer Opposition bekämpft wird, bis dieser einen gewaltsamen Tod findet, des „Führers“, der schließlich den König, weil er das Manifest der Kriegserklärung nicht unterzeichnet, des Landes verweist: aus gegenwärtiger Wirklichkeit und dichterischer Phantasie gleichermaßen geschaffenes Urbild des unbeirrt realpolitischen Diktators unserer diktatorenschwangeren Zeit. Es. ist seit alters ein Spiel der Männer, dieses ruhelose „Spiel um den Staat“; so mag das Wort, das die einzige Frau des Stückes zu dessen Abschluß spricht, seine Berechtigung haben: „Wenn ihr stillhalten könntet, Männer ihr, wär’s, friedlich auf der Welt.“

