p.d.[Paul Deutsch]: Heldenangst vor Flimmerbildern
p.d.[Paul Deutsch]: Heldenangst vor Flimmerbildern. (1930)
Der KampfGegründet im Okt. 1907, Wien bis H. 12/1933; ab H. 1/1934 vereinigt mit der Zs. Tribüne bis Mai 1938, Brünn/Brno; dan... um den Remarque-Film ist nicht bloß ein literarisch-politischer Zwischenfall. Was sich hier abspielt, wird nicht morgen oder übermorgen vergessen sein, sondern es ist bleibendes Merkmal der Zeit, Gradmesser einer Kulturperiode. Ebenso wie es in ewiger geschichtlicher Erinnerung bleiben wird, daß man zu Galileis Zeilen die Lehre von der Erdrotation verbieten wollte, ebenso wird die deutsche Kulturgeschichte für immer den Fall festhalten. daß man das Kriegsbild vor den Äugen der Kriegsgeneration verstecken will. Wie tief der Eindruck des deutschen Verbotes in der ganzen Welt gewirkt hat, dafür zeugt eine Stimme aus den deutschfreundlichen Kreisen Englands, die berichtet, daß seit der Hunnenrede Kaiser Wilhelms das deutsche Ansehen im Auslande niemals so schwer erniedrigt wurde, wie durch die Unterdrückung des Remarque-Films.
Nun gibt es bei uns Leute, die der Ansicht sind, auch Österreich solle an dieses, traurigste Kapitel der deutschen Geistesgeschichte angeschlossen werden. Der Film wurde in Deutschland verboten unter der Begründung, er sei kein Kriegsfilm, sondern ein Film der deutschen Niederlage. Gerade diese Argumentation veranschaulicht am besten den intellektuellen Tiefstand, aus dem sie hervorgegangen ist. Jawohl, es ist ein Kolossalgemälde des Besiegtwerdens, das Remarque entworfen hat. Aber er mußte es so zeichnen und nicht anders, nicht bloß wegen der geschichtlichen Wahrheit, sondern vor allem wegen der moralischen Wirkung. Hätte er vielleicht eine Geschichte des Weltkrieges schreiben sollen, in der Deutschland als ruhmreicher Sieger dagestanden wäre? Hätte er damit zur Verhütung künftiger Kriege beigetragen? Nur durch die Entlarvung des falschen Heroismus, nur durch die Zerstörung der Heldenillusion des Infanteristen vor dem Giftgas, kann das wahre Bild des modernen Krieges in seiner ganzen Scheußlichkeit enthüllt werden. Daß Gase, Tanks und Flammenwerfer den Begriff des ritterlichen Zweikampfes ausgetilgt haben und daß vor diesen Mordmaschinen nichts übrig bleibt als eine jämmerlich leidende Menschheit, das lehrt Remarque. Und die Österreicher, gerade die Österreicher in ihrer neuesten Massenpsychose, haben allen Anlaß, mitbelehrt zu werden.
Es ist ja leider wahr: die Welt starrt in Waffen und die Staatenlenker steuern in monomanischer Besessenheit neuen Katastrophen zu. Aber gerade deshalb erheben sich an allen Punkten der Erde die besten Männer, die Edelsten und Weisesten der Generation und sie tun allüberall genau dasselbe, was Remarque in Deutschland getan hat. Um nur einige wenige Namen zu nennen, Barbusse und Marguerite in Frankreich, Shaw und Wells in England, Upton Sinclair und Sinclair Lewis in Amerika, sie alle demonstrieren die Schändlichkeit des Krieges an ihrem eigenen nationalen Beispiel. Im Feuer von Barbusse, in Jimmy Higgins von Sinclair werden Typen der französischen und amerikanischen Soldaten gezeichnet, die ganz, und gar keine Heldentypen sind. Und erinnert man sich nicht an die auch in Wien aufgeführte englische Kriegstragödie, wo britische Offiziere dargestellt werden: der eine, der in schlotternder Feigheit zusammenbricht, der andere, der sich nur dadurch vor dem Heldentod rettet, daß er sich zu Tode säuft? So schonungslos gehen die Sieger mit sich selber um! Man begreift die Weltentrüstung darüber, daß gerade die Deutschen das Schauspiel der Entheldung nicht sehen wollen.
Sollen wir Österreicher uns in diese Entrüstung einbeziehen lassen? Wir, die wir ja auch unsere Kriegsliteratur haben, den braven Soldaten Schwejk, dessen typische Eigenschaften nicht nur auf die tschechische Nation beschränkt sind? Die WahrheitBereits 1895 vom Kantor der sephardischen Gemeinde in Wien, Jakob Bauer, vor dem Hintergrund des anwachsenden Antisemiti... ist, daß gerade unser Volk, so reich es durch Natur und Entwicklung mit allen möglichen Begabungen gesegnet ist, speziell in seinen kriegerischen Qualitäten keineswegs an der Spitze der Nationen steht. Ein kurzer Überblicke über die Kriege, die Österreich im Laufe der Geschichte geführt und verloren hat, mag die Wahrheit dieses Satzes bestätigen. Wir sind das friedfertigste Volk der Welt, und das ist keine Schande, sondern unser Ruhm. Wir werden gerade darum geachtet und geschätzt, weil wir keine Militaristen sind. In unserer Volksvertretung sitzen nicht hundert Bewaffnete, sondern nur acht, und auch diese haben schon am Tage nach der Wahl den Boden unter den Füßen verloren. Dem Österreicher mangeln die heroischen Instinkte, die durch den Anblick des Kriegselends verletzt werden, und darum wäre es ein falsches Bild, das wir dem Auslande bieten würden, wenn wir die deutsche Heldenangst vor Flimmerbildern teilen wollten.

