Bereits 1895 vom Kantor der sephardischen Gemeinde in Wien, Jakob Bauer, vor dem Hintergrund des anwachsenden Antisemitismus gegründet, zählt Die Wahrheit zu den langlebigsten jüdischen Periodika in Österreich. Bauer, der seit 1881 auch die Österreichisch-Ungarische Cantoren-Zeitung herausgab, rekrutierte seine Mitarbeiter – darunter den späteren Herausgeber Alois Kulka – hauptsächlich aus dem traditionell-religiösen Umfeld und wollte mit seinem neuen, wöchentlich erscheinenden Blatt „nicht nur die Außenwelt über die wahre Gestalt und das Wesen des Judenthums […] belehren, sondern auch die eigenen, durch Indifferentismus vom Judenthum losgelösten Glieder […] sammeln“ (DW, 1.1.1899, 3). Bis 1912 erschien die Cantoren-Zeitung als Beilage der Wahrheit.

Im Gefolge des Zusammenbruchs der Habsburgermonarchie und der Proklamation der Republik Deutsch-Österreich im November 1918 betonte die Zeitschrift in ihrem Leitartikel, dass „die jüdischen Staatsbürger Deutsch-Österreichs […] auch dem neuen Staatswesen unentwegte Treue bewahren“ werden (DW, 15.11.1918). Der zu Beginn der 1920er Jahre zunehmend populären These, der Bolschewismus sei jüdischen Ursprungs, begegnete die Redaktion mit umfangreichen Gegenargumentationen, die sich auf eine Analyse der Bibel und des Talmud stützten (DW, 4.3.1920, S. 4-5). 

Im Frühling 1920 übernahm Ludwig Hirschfeld (nicht zu verwechseln mit dem Dramaturgen und Redakteur der NFP) die Herausgeberschaft der Zeitschrift, die nun den Untertitel Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen trug und aufgrund von Papier- und Ressourcenknappheit lediglich im Zwei-Wochen-Rhythmus erschien. Unter seiner Leitung gewann die Wahrheit an politischem Profil: Sie betonte ihre liberale Ausrichtung unter klarer Ablehnung des politischen Zionismus bei gleichzeitiger Befürwortung eines „Kulturzionismus“, also der „geistigen Rückbesinnung auf eine gesamtjüdische Verbundenheit in der Diaspora“ (Dahm, 267). Hirschfeld sah die Aufgabe des Blattes vorwiegend darin, „den Kampf gegen die Widersacher des Judentums entschlossen fortzuführen“ (DW, 4.3.1920, S. 3), hatte sich doch die antisemitische Stimmung in der jungen Republik im Gefolge des Ersten Weltkriegs und den damit verbundenen jüdischen Flüchtlingsströmen aus Osteuropa immens verschärft. Umso enger wurde jetzt die Zusammenarbeit der Zeitschrift mit der seit 1886 bestehenden Österreichisch-Israelitischen Union, die sich dieser Entwicklung vehement entgegenstellte und für die Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins und gesellschaftliche Integration engagierte. Als stärkste politische Kraft in der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien nutzte sie die Wahrheitals publizistisches Medium in eigener Sache, aber auch zur Veröffentlichung amtlicher Mitteilungen der Kultusgemeinde. Mit Jakob Ornstein fungierte der Präsident der Österreichisch-Israelitischen Union auch als redaktioneller Mitarbeiter. Der Historiker und Rabbiner Max Grunwald lieferte ebenfalls Beiträge; so stellte er etwa unter dem Titel „Jüdische Frauenideale“ Mitte der 1920er Jahre historische jüdische Frauenfiguren vor. Benjamin Segel, ein aus Galizien stammender Autor und Ethnologe, publizierte unregelmäßig zu Themen wie z.B. dem Gegensatz zwischen Ost- und Westjudentum.

Neben Vereins-, Literatur- und Kulturberichterstattung bot das Periodikum –  seit 1924 wieder wöchentlich erscheinend und etwa 16 Seiten umfassend –  auch Beiträge über das aktuelle Zeitgeschehen im In- und Ausland; so wurde etwa der Justizpalast-Brand 1927 (DW, 22.7.1927, S. 1), Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 (DW, 3.2.1933, S. 1) oder auch der Erlass der Nürnberger Gesetze (DW, 20.9.1935, S. 1) und deren jeweilige Auswirkungen auf die Lage der jüdischen Bevölkerung in ganz Europa ausführlich kommentiert. Zu diesem Zweck bestand seit 1930 ein Übereinkommen mit der Jüdischen Telegraphen-Agentur, das „die Veröffentlichung aktueller Nachrichten in jeder Nummer sichert“ (DW, 3.1.1930, 1). 1931 zog sich Hirschfeld aus der Zeitschrift zurück und übergab die Herausgeberschaft an seinen Sohn Oskar. Der neue Titel lautete nun Jüdische Wochenschrift. Die Wahrheit

Unter der Rubrik „Aus der braunen Hölle“ wurde seit der Machtübernahme durch das nationalsozialistischen Regimes in jeder Ausgabe die innenpolitische Entwicklung in Deutschland akribisch nachgezeichnet und anhand von Schicksalen jüdischer Persönlichkeiten illustriert. Parallel dazu gab es eine umfangreiche Berichterstattung über soziale und kulturelle Belange in Palästina/Eretz Israel. Jeweils eigene Rubriken waren Hochzeiten, Beerdigungen sowie den Austritten aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft gewidmet.

Der demokratiepolitisch bedenklichen Entwickung in Österreich in den 1930er Jahren stand die Wahrheit letztlich unkritisch gegenüber: Die Ausschaltung des Parlaments im März 1933 fand keine Erwähnung; die Februarkämpfe 1934 wurden zwar thematisiert, jedoch zur Bekräftigung des Bekenntnisses zur Dollfuß-Regierung und zur Positionierung der „staatstreuen österreichischen Judenschaft“ als „loyale[m] Element dieses Landes“ genutzt (DW, 17.2.1934, S. 1).

In der letzten Ausgabe, die am Tag vor dem „Anschluss“ erschien, warb das Blatt im Namen von Bundeskanzler Schuschnigg für „ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich“ (DW, 11.3.1938, S. 1) und publizierte zudem einen Aufruf an die „jüdisch-österreichische Jugend“, der „jüdischnationale[n] Politik“ eine klare Absage zu erteilen (DW, 11.3.1938, S. 6). Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde die Zeitschrift verboten.


Literatur 

Annkathrin Dahm, Der Topos der Juden. Studien zur Geschichte des Antisemitismus im deutschsprachigen Musikschrifttum, Göttingen 2007; Gabriel Eikenberg, Der Mythos deutscher Kultur im Spiegel jüdischer Presse in Deutschland und Österreich von 1918 bis 1938, Hildesheim, Zürich, New York 2010; Dieter Hecht, Die Stimme und Wahrheit der jüdischen Welt. Jüdisches Pressewesen in Wien 1918-1938. In: Frank Stern/Barbara Eichinger (Hg.), Wien und die jüdische Erfahrung, 1900-1938. Akkulturation, Antisemitismus, Zionismus, Wien, Köln, Weimar 2009, S. 99-114; Albert Lichtblau, Antisemitismus 1900-1938. Phasen, Wahrnehmung und Akkulturationseffekte. In: Frank Stern/Barbara Eichinger (Hg.), Wien und die jüdische Erfahrung, 1900-1938. Akkulturation, Antisemitismus, Zionismus, Wien, Köln, Weimar 2009, S. 39-58; Hanni Mittelmann/Armin A. Wallas (Hg.): Österreich-Konzeptionen und jüdisches Selbstverständnis. Identitäts-Transfigurationen im 19 und 20. Jahrhundert, Tübingen 2001; Robert Wistrich, The Jews of Vienna in the Age of Franz Joseph, Oxford 1990.

Quellen und Dokumente

An der Schwelle zu einer neuen Zeit. In:  Die Wahrheit, 15.11.1918, S. 1; An unsere Leser. In: Die Wahrheit, 4.3.1920, S. 3; Juden und Kommunismus. In: Die Wahrheit, 4.3.1920, S. 4; Max Grunwald, Jüdische Frauenideale – Esther Hachel. In: Die Wahrheit, 10.12.1926, S. 5-6; Wien – Ein Schattendorf. In: Die Wahrheit, 22.7.1927, S. 1; Hitler an der Macht. In: Die Wahrheit, 3.2.1933, S. 1; Ernste Tage. In: Die Wahrheit, 17.2.1934, S. 1; Der 15. September 1935. In: Die Wahrheit, 20.9.1935, S. 1; Friede, Arbeit, Gleichberechtigung. In: Die Wahrheit, 11.3.1938, S. 1.

(MK)