Rudolf Holzer: Alexander Tajroffs Theater

Rudolf Holzer: Alexander Tajroffs Theater (1925)

Mit einem absolut nicht zutreffenden Ausdruck sind die bühnenreformatorischen Bestrebungen des heute wohl berühmtesten Theatermannes der Welt Alexander Tajroff unter der Spitzmarke „Ent­fesseltes Theater“ in unseren Landen bekannt. Mit der Freiheit ist das aber eine eigentümliche Sache. Noch keine Bestrebung ist aus Fesselsprengung ausgegangen, wenn ihre Fesseln den tatsächlichen Naturgegebenheiten entsprochen haben, und kein Freiheitsdrang hat ein anderes Ziel, als die durch den Kern des inneren Wesens vorgeschriebenen Normen und Gesetze als selbstverständliche Fesseln anzulegen. In diesem Sinne verstehe man auch den Ausdruck „Entfesseltes Theater“. Entfesselt von der Dienstbarkeit gegen das Wort, losgelöst von dem ewigen unvermeidlichen Seitenblick auf die Literatur, von der Unterordnung gegen den Dichter soll das Theater als Schau-, nicht als Sprech-bühne, der Theatermensch nicht als Sprech-, sondern als Schauspieler in des Wortes eigentlichem Sinne in seine Rechte eingesetzt werden.

Die Pantomime ist – so der Kern der von Alexander Tajroffs Mitarbeiter Marholm gestern mittags im Volkstheater gegebenen Auf­schlüsse – die Urzelle und die bleibend belebende Kraft des Tajroffschen Bühnenstils. Rhythmus, Aktion und Dynamik im belebten wie im unbeleb­ten Körper sind die Grundprinzipien der Stilrichtung. Erfüllt die Praxis das, was das theore­tische Programm entwickelt – und die Illustratio­nen der Jubiläumsfestschrift vom Dezember v. J. sprechen sehr dafür – so wird man im Gegensatz zu vielerlei unerquicklicher intellektueller Bindung anderer Theaterreformatoren bei Tajroff ein wohltuendes Vorherrschen kräftiger, gesunder Sinnlichkeit, eine ausgesprochene und universelle Betonung des Visuellen erleben dürfen.

Der Landsmann Tajroffs, Pitojeff, der kürzlich durch sein Gastspiel so großen Erfolg errang, steht, wenn vielleicht auch nicht ganz so radikal, auf einem ähnlichen Standpunkt, daß sich jedes Kunstwerk selbst seinen Bühnenstil diktiert, und großzügige Zeitlosigkeit liegt auch um seine Inszenierungen. Tajroff verfolgt dieses Prinzip bis zum Ende seiner Konsequenzen. Sein Theater, dessen Repertoire von der Operette bis zur Tragödie, von Girofle-Girofla bis zu Salome und Romeo und Julia schlechthin alles umfaßt, was des Theaters ist, hüllt jedes Stück in eine geschlossene Stilatmosphäre, die gerade, weil sie mit der historischen nichts zu tun hat, gerade weil sie nie Wirklichkeit war, eben die richtige Atmosphäre der Kunst sein soll.

Darf man bei dem demnächst beginnenden Gast­spiel Tajroffs auf eine Sensation gefaßt sein? Im Sinne ausgefallener exotischer Eigenart gewiß nicht. Es ist gesunde Entwicklung, was er verficht.— Aber sind wir denn nicht eigentlich schon dort angekommen, wo alles Gesunde unerwartet und darum Sensation ist?

In: Wiener Zeitung, 13.6.1925, S. 5.