Synthetische Fassung der Theaterkonzeption von Alexander Tairow, die dieser in seinem Band Zapiski reshissiëra (entstanden 1915-20, veröff. 1921) entwickelt hat, der 1923 unter dem Titel Entfesseltes Theater. Aufzeichnungen eines Regisseurs bei Kiepenheuer auf Deutsch erschien und den Verfasser europaweit berühmt machte. Tairows Konzeption des Entfesselten Theaters (ET) entwickelte sich zunächst in Nachfolge und parallel zu jener Stanislawskis und dessen Künstlertheater. Sie bezog jedoch in der Frage der Verbindung von Literatur und Theater (eine organische für Stanislawski) ab 1910 eine akzentuiert andere Position, insofern als sie das Theater „von jeder Verpflichtung gegenüber der Literatur frei“ sprach (Pörtner, 16) und Aspekte des Körperlichen (Mimik, Gestik, Ironie, Rhythmik, Kostümierung) u.a. durch eine Wiederentdeckung der Commedia dell’arte-Tradition forcierte. Diese Konzeption zog auch innovative Kostümbildnerinnen und Bühnenbildgestalter an wie z.B. Alexandra Exter (bis 1921) und Jurij Yakoulow. In der Folge unterschied sich das sog. Kammertheater Tairows und sein darauf fußendes ET grundlegend vom naturalistischen Theater, das vom Schauspieler verlange „wahrheitsgetreu“ zu spielen und zu vergessen, „daß er sich auf der Bühne befinde, daß er Schauspieler sei“ (ET, 43). In Anlehnung an Mejerchol’d (Meyerhold) wird die rhythmische Bewegung aufgegriffen, doch dessen auf das Marionettentheater zusteuernde „Darstellungsmethode“ der sog. Stilbühne durch eine „selbstständige szenische Form“ (ET, 49) schrittweise überwunden, wobei das „spießbürgerliche Schnitzlersche Szenarium“ der Pantomime Der Schleier der Pierette als Vorlage diente, um durch die Emotionsgeste, d.h. den Wegfall der Sprache und durch die Kraft der Rhythmen der Musik E. v. Dohnanyis überwunden und weiterentwickelt zu werden. Im Zentrum des ET stand bzw. steht daher der Schauspieler, dem etwa 40 Seiten in der Programmschrift ET (S. 63-103) exklusiv gewidmet sind, als Grundlage der „Theatralisierung des Theaters“ wie die abschließenden Thesen festhalten, u.a. jene, die lauten: „Der Handelnde ist der Schauspieler […] Die Meisterschaft des Schauspielers ist der höchste, echte Inhalt des Theaters.“ (ET, 156).

In Österreich findet sich als erste öffentliche Resonanz auf diese Programmschrift ein Teilabdruck der Kiepenheuer-Ausgabe im Salzburger Volksblatt vom 14.6.1923 im Feuilletonteil. Die erste prominente österr. Resonanz (die erste deutsche erfolgte durch S. Jacobson in der Weltbühne am 19.4.1923 im Zuge seines Berliner Gastspiels) auf Tairows Schrift erfolgte im Nov. 1924 in Form eines Artikels Das entfesselte Theater von B. Balázs in der Zeitung Der Tag, wohl auch vor dem Hintergrund von B.‘ Interesse für den gestisch-korporalen Aspekt des Films wie dies aus seiner Programmschrift Der sichtbare Mensch (1924) hervorgeht. Es überrascht daher auch nicht, dass Balázs die Franziska-Inszenierung durch K. Martin am Raimundtheater als gelungenes Experiment einer Anwendung Tairowscher Ideen des ET in seiner Besprechung im Dez. 1924 einschätzte.

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Breitere Resonanz fand das Konzept anlässlich der Tairow-Gastinszenierungen im Juni-Juli 1925 am Raimund- bzw. am Deutschen Volkstheater (insges. sechs Stücke) sowie im April 1930, wobei jene von 1925 ausführlich und kontrovers diskutiert, jene von 1930 dagegen nur mehr knapp berichtet wurden. Zwiespältig hat sich dabei F. Salten über die Salome-Inszenierung (O. Wilde) ausgesprochen, in der die Prinzipien des ET zwar sichtbar würden, aber das Tänzerische zu sehr das Schauspiel dominiere. Dagegen hat A. Markowetz die Auff. von Krischanowskys/Chestertons Sketch Der Mann, der Donnerstag war als gelungene Umsetzung des ET eingestuft, als „Synthese von impressionistischen, kubistischen, futuristischen und expressionistischen Tendenzen“.

Darüber hinaus wurde in den 1920er Jahren der Begriff ET für sehr unterschiedliche Aufführungen verwendet, die sich keineswegs direkt auf Tairow beriefen, aber der Kritik als mögliche Anwendungsfälle einzelner seiner Vorstellungen erschienen, insbesondere dann, wenn gestisch-pantomimische Elemente eine tragende Rolle übernahmen. Dies war z.B. bei einer Turandot-Inszenierung von M. Reinhardt im Rahmen der Salzburger Festspiele 1926 der Fall, zu denen angemerkt wurde: „…ein Rausch von bunten Bilderträumen, wundervoll gestraffte Bewegungen von Gruppen, die hinreißende Tanzpantomime, ein großartiges Furiose von Licht und Farbe.“ (NWJ, 17.8.1926, 10). Andererseits wurde der Begriff des ET mitunter auch als Negativfolie für Entwicklungen im Bereich des Revue- und Unterhaltungstheaters verwendet, wie dies F. Rosenfeld am Beispiel der Fritz Grünbaum-Revue Rund um den Mittelpunkt (1925) angemerkt hat. Derselbe Rosenfeld hat aber auch am Gastspiel von Alexei Granowskis Moskauer Jüdisch-Akademisches Theater 1928 am Wiener Carltheater dargelegt, wie anhand der Inszenierung von Scholem Alejchems Der Hauptreffer ET über Tairow hinaus als innovatives zeitgemäßes Theater-Regie-Konzept umgesetzt werden könne. In den 1930er Jahren kommen Tairow-Bezüge nur mehr vereinzelt ins Spiel, z.B. 1935 anlässlich einer Aufführung von J. Hašeks Volksstück Die Moldauschiffer (dt. Bearb.: E.E. Kisch), als das NWJ (19.10.1935, 16) schrieb, es handle sich hier um einen „Versuch Tairows ‚Entfesseltes Theater‘ ein wenig bezähmt und gedämpft auf Wiener Boden zu verfrachten“ oder 1936 im Zusammenhang mit einem Pirandello-Abend in der Josefstadt.


Quellen und Dokumente

Alexander Tairoff: Das entfesselte Theater. In: Salzburger Volksblatt, 14.6.1923, S. 3, Béla Balázs: Das entfesselte Theater. In: Der Tag, 1.11.1924, S. 2, Cäsar Segalov: Tairoffs „entfesseltes Theater“. In: Moderne Welt 7 (1925), H. 4, S. 16, Fritz Rosenfeld: Roland-Bühne. In: Arbeiter-Zeitung. 29.4.1925, S. 7, R.: Alexander Tairoffs Theater. In: Wiener Zeitung, 13.6.1925, S. 5, Felix Salten: „Salome“ bei Tairoff. Raimund-Theater. In: Neue Freie Presse, 21.6.1925, S. 16, A. Markowetz: Tairoffs Moskauer Künstlertheater. Der Mann, der Donnerstag war. In: Arbeiter-Zeitung, 28.6.1925, S. 10f., -bs-: „Turandot“-Premiere bei Reinhardt. In: Neues Wiener Journal, 17.8.1926, S. 10f., Fritz Rosenfeld: Hier wird Theater gespielt. Granowsky-Gastspiel im Carl-Theater. In: Arbeiter-Zeitung, 2.9.1928, S. 12, H. R.: Tairoff im Neuen Schauspielhaus. „Der Neger“ von E. O’Neill. In: Neues Wiener Journal, 8.4.1930, S. 11.

Literatur

Joseph Gregor, René Fülöp-Miller: Das russische Theater. Zürich-Leipzig-Wien 1928; Nikolai A. Gortschakow: The theater in Soviet Union. New York 1957; Dietrich Harth: Textverluste-Spielgewinne. Ein historischer Kommentar zur Erfindung des modernen Theaters. In: J. Mecke, S. Heiler (Hgg.): Titel-Text-Kontexte. Festschrift für A. Rothe. Berlin-Cambridge 2000, 405-422; Angela Mólnari: „Das russische Theater  im Wien der 1920er Jahre“  (Dipl.Arb. Wien 2008, online verfügbar); Paul Pörtner: Vorwort. In: A. Tairoff: Das entfesselte Theater. Aufzeichnungen eines Regisseurs. Berlin 1989, 7-28; Barbara Lesák:: „Entfesseltes Theater“ und „Blauer Vogel“. Gastspiele sowjetrussischer Theatertruppen und russischer Emigrantenbühnen im Wien der 1920er Jahre. In:  P.H. Kucher, R. Unterberger: Der Schatten des Roten Oktober. Zur Relevanz und Rezeption der russischen Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918-1938 (i. Dr. 2019).

(PHK)