N.N.: Das kommunistische Fiasko

N.N.: Das kommunistische Fiasko (1919)

Zwölf Tote, siebzig Verwundete — das ist die vorläufige Bilanz des gestrigen Tages. Knaben und junge Burschen, Lehrlinge und Gymnasiasten stehen auf der Liste der Opfer. In Strömen ist das Blut Wiener Kinder geflossen, weil hundert armselige Narren, denen Wien nichts ist und von denen Wien nichts wissen will, unserer Stadt eine Politik des Wahnsinns aufzwingen wollen.

Wien will von dem Kommunismus der Couleur Bela Kun-Bettelheim-Friedländer wirklich nichts wissen. Das hat der gestrige Tag deutlich bewiesen. Seit vielen Monaten sind die neuen Propheten an der Arbeit und seit zehn Wochen verfügen sie über unbegrenzte Geldmittel, die ihnen eine Pro­paganda größten Stils gestatten. Sie sind wahrlich nicht wählerisch. Was sie geistigen Kampf nennen, ist nichts als der Appell an die niedrigsten Instinkte; ihre Opfer suchen sie sich unter den Arbeitslosen und den Invaliden, den Ärmsten der Armen, die am leichtesten tönenden Redensarten erliegen müssen. Und was haben sie erreicht? In Wien gibt es weit mehr als hunderttausend Arbeitslose und Zehntausende von Kriegskrüppeln, die der ärgsten Not preisgegeben sind. Aber nach einer Agitation von unerhörter Wucht haben sie gestern nicht mehr als dreitausend Menschen vor das Rathaus gebracht, nicht mehr als einen winzigen Bruchteil des Wiener Proletariats! Vergeblich waren alle Lockungen und alle Reizmittel einer ungezügelten Propaganda. Alles ist den Kommunisten zur Verfügung gestanden, was die Technik der politischen Agitation fordert, alles, und doch haben sie in der Zweimillionenstadt nicht mehr als dreitausend Menschen gefunden, die auch nur ihre Reden anhören wollten. So kläglich hat noch niemals eine große Kraftprobe geendet. Wien will von dieser Sorte Kommunismus, von diesen Führern, von

diesen Methoden nichts wissen. Wien hat es satt, sich von diesem Häuflein selbstgefälliger Schwätzer, eitler Narren und reiner Toren ärgern zu lassen. Wir sind bereit zu jedem wirklich geistigen Kampf. Aber wir wollen endlich Ruhe haben vor den lärmenden Drohungen, den großen Worten und den revolutionären Gebärden. Wien muß die Ruhe haben, die es braucht.

Auf die Kommunisten fällt die Verantwortung für das Blut, das gestern in den Straßen Wiens geflossen ist. Doch auch die Regierung ist nicht von jeder Schuld freizusprechen. Wir wünschen im politischen Kampf keine Maßregeln der Unterdrückung.

Auf das Recht des freien Wortes und der freien Rede steht den Kommunisten kein geringerer Anspruch zu, als jeder anderen Partei. Aber wir haben auch Anspruch darauf, daß die Regierung ihre oberste Aufgabe, die Bewahrung von Ruhe und Ordnung, mit ruhiger Festigkeit erfülle. Und das ist bisher nicht, ist auch gestern nicht geschehen. Die Regierung muß wissen, was sie will. Nichts ist ärger als die Politik des Schwankens und der Schwäche. Hat die Regierung erst seit gestern die Beweise dafür in der Hand, daß die kommunistische Propaganda in Wien von der ungarischen Regierung bezahlt wird? In Berlin ist man mit Herrn Joffe sehr rasch fertig geworden. Die Selbstachtung müsste unserer Regierung gebieten, dem ungarischen Gesandten die Pässe zuzustellen und ihre Vertreter aus Budapest abzuberufen. Die Wiener Kommunisten sollen reden und schreiben dürfen, was ihnen beliebt, solang sie die Gesetze nicht übertreten. Aber zu dulden, daß an dem Umsturz unseres Staates Agenten eines fremden Staates mitarbeiten, daß Mi­llionen und Millionen von einer fremden Regierung aufgebracht werden, um unsere Regierung zu beseitigen — das ist doch eine zu arge Zumutung. Herr Bela Kun ist nicht Diktator Deutschösterreichs. Er begnüge sich, das irdische Paradies in Ungarn zu verwirklichen. Das Nest in der Bankgasse Hätte längst gesäubert werden müssen.

Schwach und schwankend aber ist die Regierung nicht nur Ungarn gegenüber, Sie hat nach dem blutigen Gründonnerstag die Abhaltung von Versammlungen unter freiem Himmel verboten: Kümmert sie sich darum, datz dieses Verbot respektiert wird? Wenn sie sich einmal entschließt energisch zu sein, so verläßt sie schon nach vierundzwanzig Stunden der Mut. Man hat vor­gestern die Führer der Kommunisten verhaftet und hat sie gestern freigelassen. Der eine oder der andere Schritt war ein schwerer Fehler. Man durfte die Leute nicht ohne triftigen Grund ihrer Freiheit berauben und so der Demonstration ein Ziel geben, dessen sie sonst entbehrt hatte: die gefangenen Führer zu befreien. Wenn aber Beweise dafür vorlagen, daß die Inhaftierung berechtigt sei, dann durfte man nicht die Schuldigen enthaften, weil die Demonstranten es forderten und der Vollzugsausschutz der Soldatenräte und die Exekutive der Arbeiterräte, „um die Erregung zu begrenzen“, das gleiche Verlangen stellte. Verantwortlich sind schließlich nicht die Arbeiter- und Soldatenräte, und so sehr wir wünschen, daß der Tätigkeit der Räte möglichst freier Spielraum gelassen werde, geht es doch nicht an, daß die Regierung sich auf die Rolle des Exekutivorgans der Räte beschränkt.

Die ungeheure Mehrheit der Wiener Arbeiter hat gestern eine neue Probe politischer Einsicht und Disziplin geliefert. Sie hat niemanden überrascht, der die Wiener Arbeiter kennt. Auf die Bevölkerung kann sich die Regierung verlassen. Nun muß die Regierung zeigen, daß wir uns auf sie verlassen können.

In: Der neue Tag, 16.6.1919, S. 1.