Die Initialzündung zu Arbeiterräten ging von der Russischen Revolution (1917) aus und fand in Teilen der österr. Arbeiterschaft vor dem Hintergrund der schwierigen sozialen Lage rasch Anhänger. Erste, noch illegale, Betriebsversammlungen fanden bereits im Dezember 1917 in Linz statt, im Jänner 1918 wurden im Zuge der von der Gewerkschaft nicht autorisierten Streiks in Wiener Neustadt, Wien-Floridsdorf, aber auch in Böhmen und Ungarn, den sog. Jännerstreiks, erstmals Forderungen nach Einführung einer Sowjetverfassung laut. Daraufhin ergriff die Parteileitung der SDAP und deren Gewerkschaftskommission die Initiative, unterstützte den am 15.1. 1918 in Wiener Neustadt gegründeten Arbeiterrat (AR) und richtete einen für Wien ein, um die Kontrolle über diese neue Bewegung sicher zu stellen. Der Wiener AR, ergänzt um SDAP-Politiker wie Otto Glöckel und Karl Seitz, führte bereits am 19.1.1918 Verhandlungen mit der Regierung, in der neben Friedensverhandlungen auch Anliegen der Demokratisierung zur Diskussion standen. Der Forderung nach Freilassung von Friedrich Adler, Gallionsfigur der Kriegsgegner sowie der Linken, wurde jedoch nicht stattgegeben.

Vor diesem Hintergrund ist auch der nach wenigen Tagen gescheiterte Aufstand der Matrosen der k.u.k. Kriegsmarine in Cattaro Anfang Februar 1918 zu sehen, wo sich erstmals Matrosen- und Soldatenräte bildeten, die jedoch von der sozialdemokrat. Parteileitung nicht ausreichend unterstützt wurden. Allerdings wurde bereits am niederösterreich. Parteitag der SDAP im Febr. 1918 die Einrichtung von weiteren AR beschlossen. Im Lauf des Jahres 1918 gewannen die AR im Gegensatz zum Deutschen Reich an Gewicht, kanalisierten die Protestbewegung, was zu ersten internen Differenzen führte, die mit der Gründung der KPÖ am 3.11. 1918 und ihres Anspruchs auf Umgestaltung des AR nach sowjetischem Modell deutlich zu Tage traten. Zugleich bildeten die AR ein wichtiges organisatorisches Netzwerk, das bei Ausrufung der Republik im Verein mit den von Julius Deutsch seit Früherbst 1918 organisierten Vertrauensleuten in der Wiener Garnison, dem Kern der späteren Soldatenräte der Volkswehr, maßgeblich den geordneten Übergang von der Monarchie zur Republik unterstützte. Trotz interner Konkurrenz zur KPÖ, in der Franz Koritschoner die Organisierung der AR übernahm,  gelang es der SDAP, ihren Führungsanspruch durchzusetzen und  im Februar 1919 eine Reichskonferenz der AR einzuberufen, in der sich die SDAP-Fraktion rund um F. Adler personell wie politisch durchsetzte.

Im Zuge der (friedlichen) Ausrufung der ungarischen Räterepublik durch ein Parteienbündnis aus Kommunisten und Sozialdemokraten am 20.3.1919 traten die internen Differenzen offen zu Tage. Die Grußadresse des österr. AR enthielt nämlich eine Absage an die KPÖ-Forderung, es dem ungarischen Proletariat gleichzutun und ebf. eine Räteregierung herbeizuführen. Die österr. AR stellten sich somit trotz revolutionärer Rhetorik auf den Boden der parlamentar. Demokratie, auf dem sie im Verein mit der SDAP mehr durchzusetzen hofften als ihre Weggefährten in Budapest oder in München, wo am 7. April 1919 ebf. eine Räterepublik ausgerufen wurde. Die politische Arbeit konzentrierte und begrenzte sich in der Folge auf die Ebene der Industriebetriebe gemäß einem im Juli 1919 beschlossenen Statut, in dem der Antrag, wonach die AR „die Verfassung des zukünftigen Arbeiterstaates darstellen“ keine Mehrheit fand, weil die organisierte Arbeiterschaft nahezu geschlossen die SDAP und ihre Vertreter im AR unterstützte. Dies zeigte sich im Zuge des Putschversuchs vom Juni 1919, als mit Zustimmung des Wiener AR das Volkswehrbataillon 41, bekannt als Rote Garde, aufgelöst wurde, ebenso wie in der Phase des Zusammenbruchs der ungarischen Räteregierung unter Bela Kun Anfang August 1919.

Die AR wirkten fortan, d.h. bis zum Bestehen der ersten Koalitionsregierung 1920 und den Wahlen von 1921, an der Bewältigung des schwierigen Alltags mit, d.h. an der Reorganisierung der Ernährungs- und Wohnungslage, aber auch an der Kontrolle des Waffenschmuggels sowie an der militärischen Sicherung der Grenzen im Burgenland. Sie positionierten sich klar hinter der SDAP, deren Vertreter bei internen AR-Wahlen 1921 über 90% der Stimmen erhielten und stellten, als die innenpolitischen Konfrontationen zunahmen, die Kader des 1923 eingerichteten Republikanischen Schutzbundes.


Quellen und Dokumente

Maximilian Schreier: Das Arbeiterparlament. Zur Tagung des Reichsarbeiterrates im Abgeordnetenhaus. In: Der Morgen, 30.6.1919, S. 5.

Literatur

Rolf Reventlow: Zwischen Allierten und Bolschewiken. Wien 1969; Fritz Keller: Die Arbeiter- und Soldatenräte in Österreich 1918-1923. Versuch einer Analyse. Wien 1971, 1998 (Online verfügbar).

(PHK)