N.N. [Colbert-Frei]: Die Heuchler
N.N. [Colbert-Frei]: Die Heuchler (1919)
Die Zeitungen versuchen heute, die große Masse der Bevölkerung durch ein Trommelfeuer von Heuchelei, Lügen und Verdrehungen zu verwirren. Die Stadt Wien ist empört und will die Leute feststellen, die für das am 15. Juni vergossene Blut verantwortlich sind. Aber während in Wirklichkeit die Dinge so liegen, daß am 15. Juni niemand mehr an einen Putsch dachte und die Kundgebung vor dem Rathause ohne die Verhaftung der kommunistischen Führer sicherlich ruhig verlaufen wäre, wofür als sicherstes Zeichen die Haltung der Demonstranten selbst angeführt werden muß, sucht man dem verwirrten Zeitungsleser die Meinung beizubringen, daß all das nicht geschehen wäre, wenn es in Wien nicht einige Leute gäbe, die für die Errichtung der Räteherrschaft eintreten. Die bürgerliche Presse benützt die Auseinandersetzung zwischen den Sozialdemokraten und den Kommunisten, um ihren Lesern einzureden, daß nur ein kleiner Haufe von Verworfenen von Unreifen, von Hitzköpfen die Räteverfassung für Deutschösterreich wünsche und führt als Beweis die Sitzung des Wiener Arbeiterrates vom vergangenen Freitag an, die sich gegen die Kommunisten wendete. Aber diese Zeitungen lenken die Aufmerksamkeit von dem wichtigsten Beschluß dieser Arbeiteratssitzung ab, der von dem Socialdemokraten Frey eingebracht und mit großer Mehrheit angenommen wurde. Dieser Beschluß lautet:
„Der Wiener Arbeiterrat erklärt, daß die Überführung der kapitalistischen Gesellschaft in die kommunistische nur durch die Übernahme der gesamten politischen und wirtschaftlichen Macht durch die ArbeiterräteDie Initialzündung zu Arbeiterräten ging von der Russischen Revolution (1917) aus und fand in Teilen der österr. Arbe... erfolgen kann und daß die Frage, wann der hiezu gegebene Zeitpunkt sein wird, nicht von anonymen Komitees, sondern vom gesamten Arbeiter- und Soldatenrat bestimmt wird.“
Haben die bürgerlichen Zeitnngsschrribsr darüber nachgedacht, was dieser Beschluß des von ihnen so gelobten Wiener Arbeiterrates bedeutet und wie die Übernahme aller politischen und wirtschaftlichen Macht vor sich gehen wird, wenn dieser Arbeiterrat den Zeitpunkt für ein Eingreifen gekommen erachtet?
Es besteht also zwischen der im Arbeiterrat vertretenen Mehrheit der Wiener Arbeiterschaft und den Kommunisten keine grundsätzliche Verschiedenheit, es besteht nur eine Verschiedenheit der Auffassung darin, ob die Rätediktatur jetzt oder später errichtet werden soll. Es wird daher ein vergebliches Beginnen sein, der Bevölkerung einreden zu wollen, daß die Wiener Arbeiterschaft von der Räteverfassung nichts wissen will und durch die Kommunisten angehetzt wird.
Was die Kommunisten selbst betrifft, so haben sie am Samstag ganz unzweideutig erklärt, daß der 15. Juni ruhig verlaufen werde, und wenn eine kleine Minderheit unter ihnen bis zu diesem Tag an einen Sonntagsputsch gedacht hat, so waren sie am Samstag alle einig, daß vorderhand nichts unternommen werden solle. Das mußten alle wissen, die guten Willens waren und es wissen wollten. Es geht also nicht an, die Schuldfrage zu verdrehen und jenem Schuldigen die Mauer zu machen, der am Samstag abends die Verhaftung der Kommunisten verfügt hat. Es geht nicht an und ist ein frevelhaftes Beginnen, ist Lüge und bewußte Täuschung, die Schuld den Vertretern des Rätegedankens beizumessen und die Aufmerksamkeit von der Verhaftung am Samstag und von dem Vorgehen der Polizei und der Stadtschutzwache in der Hörlgasse umlenken zu wollen. Selbst die Polizei wagt nicht die bestimmte Behauptung, daß die Demonstranten angegriffen hätten. Beteiligte und Unbeteiligte erklären dagegen, daß die Menge in der Hörlgasse sich nichts gar nichts zuschulden hatte kommen lassen und daß vor Abgabe der entsetzlichen Salven außer einigem durchaus nicht übertriebenem Lärm nichts vorgefallen sei, was die Wache in größere Erregung hätte bringen können. Es war hier im Abend nie üblich, gegen Polizeileute oder Stadtschutzmänner scharf zu machen. Wir haben uns immer nur gegen das System gewendet. Für uns war der Wachmann immer ein uniformierter Proletarier und wir dachten auch dann an seinen Hunger, wenn wir während des Krieges sahen, wie Wachleute vor den Kaufmannsluden angestellte Frauen schlecht behandelten, bei den Schiebereien der Kaufleute beide Augen zudrückten und durch die Hintertür armseligen Lohn in Form dürftiger Lebensmittelpakete abholten. Viele Stadtschutzleute haben uns auch vor dem 15. Juni versichert, daß sie ihre Aufgabe nicht darin sehen, gegen Arbeiter aus der Straße vorzugehen. Deshalb muß die Frage klargestellt werden, wer am Sonntag die Wache scharf gemacht hat, warum es gerade an diesem Tage geschehen konnte, daß sich die Bewaffneten wie die Berserker auf harmlose Demonstranten stürzen konnten. Es soll festgestellt werden.
In der Bevölkerung ist heute die Meinung verbreitet, daß die vor dem Sonntag von allen Seiten betriebene Kommunistenhetze auch die Stimmung der Wache böse beeinflußt habe. Es wird sehr lehrreich und für die Entwicklung der nächsten Zukunft nützlich sein, wenn die unparteiische Untersuchung auch diese politische Seite der Sonntagsgreuel beleuchtet. Sie wird vielleicht bei dieser Frage und bei der Klarlegung der Samstag-Verhaftungen finden, daß es mit dem sozialdemokratischen Einfluß in der Regierung nicht weit her ist. Die Untersuchungskommission wird finden, daß eine Koalitionsregierung, wenn sie schon nichts schaffen kann, so doch wenigstens zu verhindern imstande sein muß, daß grundlos bei einer proletarischen Straßenkundgebung Blut vergossen wird.

