Hans Tabarelli: Filmträume. Ein neues Kapitel zur Kinoliteratur
Hans Tabarelli: Filmträume. Ein neues Kapitel zur Kinoliteratur (1924)
Es gibt eine Unzahl von Büchern über das Kino, sträflich dilettantische, dumme, maßlos geschwätzige, reklametüchtige, kaum eines, das einer ernsthaften Betrachtung wert erschien, und so wurde eine gute, wirklich kritische, vor allem aber künstlerisch gedachte Monographie über den Film nachgerade zum Bedürfnis.
Das Kino ist nämlich aus der Welt nicht mehr hinauszudisputieren. Daran glaubte selbst schon der Ueberliterat und gewesene Führer des deutschen Expressionismus Kasimir Edschmid, der schließlich zur Erkenntnis kam: „Film sei zwar keine Kunst, aber er mache Vergnügen. Daher beschäftige sogar er sich mit ihm…“ Da der Film aber außerdem noch eine riesengroße Industrie aller westlichen und amerikanischen Völker darstellt und derzeit eine unerhörte Summe von Intelligenzen, Dichtern, Technikern, Baumeistern und die hervorragendsten Schauspieler Europas beschäftigt, muß der Kulturmensch, selbst wenn er zwanzig Jahre lang über das Kino geschimpft und gegen die flimmernde Leinwand gewettert hat, irgendwie versuchen, Stellung zu nehmen — nicht nur; weil es sich um ein Vergnügen handelt.
Bela Balazsals Herbert Bauer geb. am 4.8.1884 in Szeged - gest. am 15.7.1949 in Budapest; Drehbuchautor, Filmkritiker und -theoreti..., ein geschickter Feuilletonist und origineller, eigendenkender Kopf, befaßte sich in zahlreichen Aufsätzen mit dem Problem und veröffentlichte dieser Tage im deutschösterreichischen Verlag eine Broschüre über die Kultur des Films, betitelt Der sichtbare Mensch. Das Buch, das sich stellenweise wie ein Ideenroman oder ein Gedicht an die Zukunft liest, beginnt mit einer verblüffenden Voraussetzung: Die Erfindung der Buchdruckerkunst habe mit der Zeit das Gesicht des Menschen unleserlich gemacht. Sie haben so viel vom Papier lesen können, daß sie jede andere Mitteilungsform vernachlässigten. So wurde aus dem sichtbaren Geist ein lesbarer Geist und aus der visuellen Kultur eine begriffliche. Nach der Theorie des Autors vollziehe sich jedoch in unseren Tagen ein gewaltiger Umschwung unserer Kultureinstellung: Der Mensch wird wieder sichtbar — das heißt also nichts anderes, als das Zeitalter des gedruckten Wortes habe sich überlebt, sei im Aussterben, die Zukunft unserer geistigen Entwicklung liege im Kino, in Bildern, die das abstrakte, schon bald nichts mehr sagende Wortbild ersetzen werden.
Also: Buchstaben-, Bücher-, Zeitungsdämmerung!
Diese Idee ist so bestechend, so verlockend umstürzlerisch und romantisch, daß man sich ihr zu Liebe gern eine Stunde mit allen den Hypothesen, die sich daran schließen, beschäftigt.
Weltbewegende Konsequenzen tauchen alsbald in diesem Zusammenhänge auf und der Dichter (natürlich ist’s ein Dichter, der auf solche Dinge kommt) wittert im Werdegang des Kinos eine kommende schöne Moral, eine Art ganz moderner Menschheitserlösung. Da heißt es unter anderem einmal: „Auf der Leinwand des Kinos aller Länder entwickelt sich jetzt die erste internationale Sprache, die der Mienen und Gebärden. Ist dieser Gedanke nicht ebenso erhaben wie der Traum allgemeiner Völkerversöhnung, der Wunsch nach dem Kommunismus der Geister?“
Und wie wahr, wie selbstverständlich einem die Überlegung plötzlich vorkommt! Poincaré ist zum Beispiel einer der meistgehaßtcn Menschen, soweit es sich wenigstens um die politische Branche handelt; kann er sich aber trotz seiner historischen Statur mit der Popularität seines Zeitgenossen des französischen Komikers Biskot messen? Das Mädel aus Ottakring kennt Biskot bis in das Innerste seiner Seele hinein und liebt ihn, ob sie etwas von Poincaré weiß, bleibt jedoch fraglich. Charlie Chaplin ist mehr als eine Mode, er bedeutet, und das sagt Balazs eindringlich und überzeugend, er ist Weltanschauung, ist der Träger eines den Armen und Niedrigen zum Heiligtum gewordener Mythos, „einen Kunstgärtner des lebendigen Lebens“ nennt ihn Balazs. Woodrow Wilson, Lenin bemühten sich in gigantischen Zügen um diese innerlichste Popularität. Wilson wurde ausgelacht, Lenin gefürchtet — Chaplin siegte über beide, denn die Menschen, die Kleinen und die Großen, vergöttern ihn, lieben ihn ausnahmslos.
„Das Duell der Mienen ist aufregender als ein Wortgefecht“, liest man dann wiederum, ein Gedanke, an den sich ein Dutzend neue Einfälle reihen. „Das Duell der Mienen“, das ist eine Vorstellung, die man sich aus den Romanen Dostojewskis holen könnte: Romane in den Falten des Gesichts, im wechselnden Ausdruck der Augen, des Mundes, der Mundwinkel, der Lippen, der Furchen entlang der Nase, dem Runzeln der Stirne und das im Widerspiel — im Wettkampf zweier Gesichter: ein herrliches Motiv zu stundenlanger Träumerei, zu den spannendsten Vorstellungen. Da fällt mir ein, daß oftmal ein einziges Bild aus der Kilometerlänge eines Filmbandes allein haften bleibt, das nimmt man nämlich innerlich mit, behält es, das wirkt nach. Nehmen wir an, das Gesicht aus dem besten Film, der je gekurbelt wurde: Polikuschka — Polikuschka hat während des Schlafes ein Säckchen mit Geld verloren, anvertrautes Geld, er erwacht und entdeckt den Verlust. DaS ist der Augenblick, der unvergeßlich bleibt — das Gesicht des Suchenden. Man kann sich viele Stunden später, wenn man allein im Zimmer sitzt, dieses Gesichtes besinnen, man bekommt den Ausdruck nicht mehr los. Aus diesem Gesicht spinnen sich Tragödien, Probleme, Lösungen, Welträtsel, Ich-Träume: so entsteht der Ersatz, der wertvollere Ersatz für ein beliebiges, minder wertvolles Buch. Damit wären wir aber auch zum Anfang unserer Betrachtung zurückgekehrt. Bela Balázs hat recht, in uns revoltiert eine tiefe Umwälzung, wahrscheinlich, vielleicht nach dieser Richtung hin. Vielleicht werden wir (das heißt unsere Nachfahren) keiner Bücher mehr bedürfen, wenn wir durch die Kunst und das Schöne Einkehr in uns suchen. Wenn wir Korn für die leerlausende Mühle unserer Gedankengänge brauchen. Wenn wir Anregung wünschen, Trost, Erbauung, Stütze, Weltbilder, Erfahrung, Sinn. Vielleicht werden wir dann nicht lesen — sondern ins Kino gehen. Augenblicklich aber — denn so weit ist es ja noch lange nicht — bleibt’s immerhin, allerdings in vorsichtiger Auswahl — bei ersterem, den Büchern nämlich. Auch Bela Balazs Werk über die Kultur des Films mag dazu gehören…

