Adele Bruckner: Vor fünfzehn Jahren

Adele Bruckner: Vor fünfzehn Jahren (1929)

Da wurde mit einem Federstrich das Todesurteil von Millionen Menschen unterschrieben. Kaltblütig, selbstverständlich, als wäre es das Natürlichste von der Welt, Todesurteile en gros zu fabri­zieren.

Wißt ihr noch, ihr Frauen, wie es vor 15 Jahren gewesen ist? Habt ihr es schon vergessen? Als die Men­schen, denen man die Gehirne mit Phrasen von Vaterland und Ehre und ähnlichen Dingen vollgepfropft hatte, in den Straßen „Hoch der Krieg!“ schrien? Erinnert ihr euch dessen noch?

Seit den unseligen Juli- und Augusttagen 1914 sind anderthalb Dezennien verflossen, ein halbes Men­schenalter fast. Noch trägt alt und jung an den fürchterlichen Kriegswunden verschiedenster Art, noch fühlt jeder einzelne die Folgen des fürchterlichen Geschehens und schon wird wieder gerüstet. Ja, gerüstet, denn die sogenannten Friedenskonferenzen sind nichts weiter als eine Komödie, ein Firlefanz, nicht ernst zu nehmen. Die Herren setzen sich

mit einer theatralischen Geste an den Friedens-Verhandlungstisch, aber keiner der Mächtigen will etwas von Abrüstung hören; nur diejenigen sollen es tun, die die Besiegten sind. Dieses Schauspiel erlebt man nun des öfteren und es fragt sich, ob man die Menschen, die die Rechnung eines Krieges mit Gut und Blut zu bezahlen haben, einfach übergehen kann.

Immer wieder muß man es be­sonders einem Teile der Menschheit zurufen, daß es an ihm gelegen ist, Widerstand zu leisten, nicht zuzu­lassen, daß gleich Entsetzliches jemals wieder geschehen, wie es vor 15 Jahren begann. Das sind die Frauen, die Frauen, und vor allem die Mütter, die Lieferantinnen des Kanonenfutters; sie müßten doch aufstehen und einen Ruf ausstoßen, der durch alle Länder hallt, sie müßten einem Beginnen, das sich wieder in denjenigen Kreisen regt, die am Kriege profitierten, durch ihren gemeinsamen Widerstand Einhalt gebieten.

Aber es gibt auch noch etwas tief Beschämendes, das die Frauen an­geht. Vor kurzem ist es in Deutsch­land vorgekommen, daß eine Anzahl Frauen ihre Empörung gegen ein Buch aussprach, das erlebte Kriegs­greuel in einfacher natürlicher Weise zum Inhalte hatte und als ab­schreckendes Beispiel zu wirken be­rufen ist. „Im Westen nichts Neues“//sollte von Frau und Mann und Kind gelesen werden, sollte in den Schulen besprochen und in Vorträgen einge­hend erwähnt werden. Aber, daß Frauen, weibliche Geschöpfe, gegen ein solches Buch sind, zeigt, wie tief die Unnatur in ihnen wirkt, wie wenig sie, berufen sind, Mütter zu sein, denn sie opfern lieber ihre Söhne und Männer… Man kann nur sagen, der­artige Frauen verdienen ihren Namen nicht, jedenfalls aber gehören sie zu einer Gattung Unglücklicher, die für ihr Tun nicht verantwortlich zu machen sind.

Von solchen bedauerlichen Aus­nahmen abgesehen, dürften wohl alle Frauen einig sein in der Abwehr des gesetzlichen Menschenmordes. Oder sind vielleicht die Kriegerswitwe oder die Mutter, der mit dem Sohne auch der Erhalter genommen wurde, oder die Waisen, die unversorgt zurück­blieben, begeisterte Kriegsanhänger? Oder sind es etwa die lebenden Toten, die zahllosen Krüppel aller Art? Hier, sollte man meinen, gibt es nur einen Willen, eine Meinung, eine Ansicht: Nie wieder Krieg!

Wie wäre es, wenn man die kühl lächelnden Herren, die über Leben und Tod leicht entscheiden, die ein­fach rüsten, was wieder Rüsten beim Nachbar zur Folge hat und so weiter, darüber belehren würde, daß schließ­lich und endlich, wenn schon Krieg geführt werden soll, dann mögen es doch die einzelnen kriegsbegeisterten Vertreter der einzelnen Mächte hübsch unter- und miteinander, etwa in Form eines Duells, ausfechten; aber das würden sie sich gut überlegen, dazu ist die Masse da, die liefert das Ma­terial, das zu Helden gestempelt wird, dem man einen Bettel hinwirft für verlorenes Augenlicht, für ver­lorene Arme und Beine und Gehirne.

Wenn niemals etwas vergessen werden darf, dann sind es die Leiden, die namentlich die Frauen im Hinter­lande durchzumachen hatten; haben sie denn schon vergessen, daß sie, da­mit ihre Kinder nicht verhungern, in der Munitionsfabrik Patronen drehten, daß sie selbst ebenso assentiert waren wie die im Schützengraben liegenden Männer, daß Tausende von ihnen durch Explosionen elend zu­grunde gingen; haben sie vergessen, daß die Kinder hungernd auf den Straßen lungerten, körperlich, seelisch und moralisch eine Beute der fürch­terlichen „großen Zeit“? Haben sie all das vergessen? Haben sie vergessen, wie sich die Hyänen am Blute der Ausgesaugten bereicherten? Wie auf der einen Seite grenzenloses Elend, auf der anderen zügelloses Prassen an der Tagesordnung war?

Daran dürfen die Frauen, die Mütter, nicht vergessen, sie müssen diese Dinge ihren Kindern und En­keln erzählen, damit sie in ihnen den Abscheu vor dem Morden auf Befehl erwecken. Denkt keine Mutter mehr an die vielen, vielen „Helden“-Friedhöfe, in denen das zerschundene, zer­schossene Gebein der von ihnen qualvoll und mühselig dem Leben gegebenen Kinder liegt? Die Kinder aller Mütter, ohne Unterschied, ohne Grenze; es gibt nur Mütter und das Heer der Mütter müßte genügen, um neuen Wahnsinn zu verhindern.

An alles das mögen die Frauen in Stadt und Land denken, und nicht achtlos an einer Zeitungsnotiz vorbei­gehen, die in wenigen Zeilen die in­haltsreiche Nachricht bringt, daß der Staat N. N. Kriegsmaterial verschie­denster Art bestellt hat oder Panzer­schiffe baut oder ähnliche Vernichtungswerkzeuge schmiedet.

Vor 15 Jahren begann das Unheil, an dessen Folgen noch die nächsten Generationen tragen werden; die derzeitige aber kann verhüten helfen, daß die Kommenden nicht ebenfalls durch ein Meer von Blut und Tränen waten.

Frauen, Mütter! Bei jeder Gelegenheit seid gegen Zerstörung und Vernichtung von Menschenleben, seid gegen den Krieg, nur dann wird es nie wieder Krieg geben!

In: Die Frau, H. 8/1929, S. 1-2.