Otto Abeles: Raimundtheater

O.[tto] A.[beles]: Raimundtheater (1922)

(Zum ersten Male: Sumpf, Schauspiel in vier Akten von Leopold Schwarzschild)

Wir mußten schon manches „Drama aus der Um­sturzzeit“ über uns ergehen lassen. Ein einziges war echt: Freiheit von Herbert Kranz. Andere, besser: die anderen, waren widerliche oder gerissene Spe­kulationsware. Dieses aber ist weder echt noch finger­fertige Konjunkturarbeit. Es ist einfach kläglich. Wenn so der politische Sumpf aussähe, so offensichtlich daliegend, selbst für den Blinden erkennbar (durch den Gestank), hätten die Anständigen und Berufenen leichte Arbeit. Freilich müßten sie von vornherein un­fähige Plapperer von der Art des Soldaten Wilkert kaltstellen. Der Sumpf, den der Autor meinte, sieht leider anders aus. Er ist unter üppiger, saft­grüner Flora verborgen, von tückischen Sumpf­pflanzen umhegt und Herr Schwarzschild weiß so wenig von ihm, wie ein Quintaner, der ein fünfaktiges Römerdrama verbricht, von den Römern weiß. Possier­lich, wie der Autor in der Einbegleitung zum Theater­zettel versichert, daß er „Licht und Schatten inner­halb der Grenzen dramatischer Möglichkeit paritätisch verteilt“ hat. Stimmt. Hie der proletarische Edeling, hie der kapitalistische. Hie der proletarische Hader­lump, hie der kapitalistische. Alle vier können uns ge­stohlen werden. Puppen, die ein unfähiger Drahtzieher nicht in Bewegung setzen kann.

Herr Direktor Beer ist ein Mann von künst­lerischem Geschmack und von Verantwortung. Er mußte die Untauglichkeit des Stückes erkannt haben. Die Aufführung in seinem ernsten Theater ist ihm doppelt anzukreiden. Er hat sich alle Mühe gegeben, durch große Aufmachung nachzu­helfen. Revolution im Kasernenzimmer, Betriebsrats­sitzung mit Teilnehmern im Orchesterraum usw. Eine nette Anzahl roter Fahnen, teils geschwungene, teils dekorativ an die Wand genagelte. Schreiende Riesenplakate. Ein Versammlungszimmer der Lohn­sklaven und als Gegensatz das hochelegante Bureau eines Generaldirektors. Man hat das schon zu oft ge­sehen, als daß die Ausstattung vom Text ablenken könnte. Hans Marr, der Knorrige, Kraftvolle, spielte den Helden und weil er kein Komödiant ist, sondern ein Darsteller, konnte er sich nicht entfalten. Sehr be­müht, nach Möglichkeit charakteristisch die Herren Ludwig Andersen, Robert Marlitz, Ludwig Stärk, Rudolf Zeisel und die feine Lily Karoly.

Schließlich stellen wir noch bekümmert fest, daß das Stück einen starken Publikumserfolg erzielte.

In: Wiener Morgenzeitung, 20.1.1922, S. 5.