Die Gründung des Raimundtheaters ging auf eine Initative von rund 500 Wiener Bürgern zurück, die sich 1890 zum „Wiener Volkstheater-Verein“ zusammenschlossen, um im Gemeindebezirk Mariahilf – damals Teil der Wiener Vorstadt – aus eigenen Mitteln ein Theater für „die unteren Volksschichten“ zu etablieren, das vor allem „vaterländische Volksstücke, Local- und Gesangspossen, Singspiele und alle in das Gebiet der Volksmuse einschlägige Werke“ zur Aufführung bringen sollte (www.raimundtheater.at).

Die offizielle Eröffnung des nach den Plänen von Franz Roth in der Wallgasse errichteten und bereits vollständig elektrisierten Theaters fand unter regem Publikumsinteresse am 28. November 1893 statt; zu Ehren des Namensgebers zeigte man mit Die gefesselte Phantasie ein Zauberspiel von Raimund.

Unter dem ersten Direktor, Schriftsteller und Kritiker Adam Müller-Guttenbrunn und dessen künstlerischem Beirat Hermann Bahr etablierte sich das Raimundtheater in den folgenden Jahren als Sprechbühne mit Schwerpunkt auf klassischen Volksstücken, in denen so populäre wie renommierte Darsteller wie Eleonore Duse, Alexander Girardi und Max Reinhardt auftraten. Das Programm bildete einen bewussten Gegenpol zum höfischen Burgtheater einerseits und zur seichten Varieté-Unterhaltung andererseits. Müller-Guttenbrunn, der in seine Geschäfts- und Disziplinarordnung ausdrücklich einen „Arier-Paragraphen“ aufgenommen hatte, wurde im Juni 1896 nach anhaltender Kritik an seiner Theaterleitung entlassen.

Mit der ab 1900 anwachsenden Beliebtheit der Operette und den damit einhergehenden sinkenden Zuschauerzahlen geriet das Raimundtheater in eine latente Krise, die erst nach der 1908 erfolgten Übernahme durch ein Konsortium, dem unter anderem Franz Lehár und Wilhelm Karczag angehörten, gestoppt werden konnte. Karczag war bereits Pächter des Theaters an der Wien sowie des Stadttheaters und vereinte damit die beiden großen Operettenbühnen unter seiner Ägide. In der Folge kam nun auch im Raimundtheater die Operette auf den Spielplan: Eigenproduktionen wie Johann Strauß´Der Zigeunerbaron, Robert Stolz´Glücksmädel und besonders Das Dreimäderlhausnach Motiven von Franz Schubert gerieten zu großen Erfolgen und sorgten über Monate für ein ausverkauftes Haus.

Ab 1921 fungierte Rudolf Beer – später Leiter des Deutschen Volkstheaters – als Direktor des Raimundtheaters, das er zu einer „literarisch ambitionierten Bühne“ (ÖBL) formte und es sich zum Ziel machte, „die literarisch vollwertigen Werke, wenn auch in stark modernisierter Fassung, zu neuem Leben zu erwecken“ (Wiener Morgen-Journal, 17.4.1922, S. 2). Entsprechend umfasste das Repertoire neben Anzengruber und Bahr auch Stücke von Grillparzer, Hofmannsthal, Werfel, Hauptmann, Schönherr, Wildgans und Karlweis. Gemeinsam mit Regisseur Karlheinz Martin, von Kritikern als „Praktiker der Szene, der nie zum Routinier wird“ (WZ, 16.11.1922, S. 9) bezeichnet, orientierte sich Beer auch am Spielplan der Berliner Bühnen und bot den Zuschauern progressive Inszenierungen wie Franz Wedekinds Franziska mit Tilla Durieux in der Titelrolle.

Nach internen Streitigkeiten über die weitere programmatische Ausrichtung wechselte Beer 1924 an das Volkstheater; ihm folgte mit Ferdinand Exl kurzzeitig der Gründer der bekannten Exl-Bühne, die sich dem Volks- und Heimatstück verschrieben hatte. Bedeutenden Anteil an der Programmgestaltung nahm auch die Sozialdemokratische Kunststelle, indem sie große Kartenkontingente für ihre Mitglieder ankaufte und auf diese Weise erfolgreiche Aufführungen oft erst ermöglichte. Als 1000. Vorstellung der Kunststelle wurde z.B. das Drama Bergwerk von H. Kaltneker 1922 im Raimundtheater aufgeführt; 1925 gibt der Tätigkeitsbericht der Kunststelle an, dass etwa ein Viertel (262 von 1100) aller Vorstellungen auf das Raimundtheater entfielen, was sogar ein Drittel (124.441 von 373.106) aller Karten bedeutete (BA, 11/1925, 100). Wie auch seinen Nachfolgern war jedoch auch Beer wenig Erfolg beschieden, was zu Beginn des Jahres 1938 letztlich zur Schließung des Hauses führte. Bereits bestehende Abrisspläne wurden fallengelassen, nachdem die Deutsche Arbeitsfront (DAF) das Theater übernommen und es im Rahmen der „Kraft durch Freude“-Bewegung unter Intendant Willy Seidl als Operettenbühne platziert hatte.

Unmittelbar nach Kriegsende, am 28. April 1945, wurde das Raimundtheater unter Direktor Franz Imhoff mit dem Dreimäderlhaus neu eröffnet.


Literatur

Gustav Andreas Ressel, Das Raimundtheater. Eine Denkschrift, Wien 1892; Adam Müller-Guttenbrunn, Das Raimundtheater. Passionsgeschichte einer deutschen Volksbühne, Wien 1897; Maria Kinz, Raimund Theater, Wien, München 1985. Eintrag bei WikiWien (Online verfügbar).

Quellen und Dokumente

Eröffnung des Raimundtheaters. In: NFP, 28.11.1893, S. 5; Adam Müller Guttenbrunn zum Siebziger. In: Reichspost, 21.10.1922, S. 1; Raimundtheater. In: WZ, 16.11.1922, S. 9; Das Raimundtheater. In: Wiener Montags-Journal, 17.4.1922, S. 2f; Winterspielzeit im Raimundtheater. In: WZ, 18.6.1923, S. 5; Raimundtheater. In: WZ, 4.9.1926, S. 3; Das Raimundtheater unter Direktor Exl. In: WZ, 10.9.1927, S. 5; Kein „Deutsches Theater“ in der Wallgasse. In: Neues Wiener Tagblatt, 22.1.1938, S. 1; „Aennchen von Tharau“ am Raimundtheater. In: Neues Wiener Tagblatt, 10.2.1940, S. 5.

 (MK)