Franz Glück: Alfred Polgars Kriegsbuch „Hinterland“

Franz Glück: Alfred Polgars Kriegsbuch „Hinterland“ (1929)

Alfred Polgar ist ein Skeptiker mit angeborenem Glauben an die Menschenseele. Sein Ernst, manchmal von ihm selbst bezweifelt, steht doch felsenfest. Und sein Skeptizismus umfaßt mit so entzückend reichem Humor das Zweifelhafte der Menschenexistenz und das Bestialische ihrer Dummheit, Unseligkeit und Bosheit, daß, wie zumeist dort, wo wahrer Reichtum herrscht, Lächerliches und Grauenhaftes, Scherz und Urteil Eins werden, aus Dreck, den ein beglänzender Schalksblick trifft, Kunst wird.

In der Vorrede zum ersten Band« von Ja und Nein heißt es:

„Daß in diesen Kritiken viel Arbeit steckt, Form-Mühe, Mühe um den präzisen Ausdruck, das deutlichste Bild, die inhaltssatteste, knappste Formulierung, will ich nicht verschweigen, denn am Ende könnte der freundliche Leser es nicht bemerken.“

Was man nun wirklich an allen Hervor­bringungen Polgars nicht mehr bemerkt, das ist die aufgewendete Mühe,— wie rein gebildet und facherschöpfend, wie melodisch Polgars Sprache ist, das muß ihm danken, wer nur ein Buch liest, wie es gelesen werden muß. An jedem Satze er­kennbar, ist sein Stil ebenso vielfältig wie durch­aus eigenartig in seiner anmutigen Leichtheit und scherzreichen Beseelung; ein Vergleich von Polgars „Kleiner Form“ mit der Altenbergs, die so viel offener und abrupter, dreinschlagender und explosiver ist, mit der Robert Walsers in ihrer zierlichen Märchendrechselung, macht das deut­lich. Aber auch der Vergleich mit den Schöpfun­gen jener Reihe von hervorragenden Gestaltern der kleinen Form, die als wahre Meister Wiens Ehre und Stolz bilden müßten, wenn sich nicht Neuere allzufrech vor sie drängten: Kürnberger, Spitzer, Speidel, erweist das durchaus Persönliche,

unüberhörbar Eigentümliche von Polgars Art, trotz mancher Verwandtschaft seines Witzes mit dem Daniel Spitzers, trotz seiner Speidel-ähn­lichen Kraft der Schauspielercharakterisierung, trotz einer langsam zum Schlage ausholenden satirischen Anpirschform, die an manche Arbeiten Kürnbergers gemahnt. Es ist schon eine rechte und

echte Meistersingerweise, die Polgarweis‘ (wie sie ein liebenswürdiger Dichter im Gespräch nannte). Mit prägnantem Klang und ohne viel Artikel, in gut durch Satzzeichen verknüpften kleinen Sätzen, zwischendurch ein Zitat, eine Redensart entlarvend, ein anderes, eine andere ins eigene Weltbild wendend, fängt die kleine Form ganz zauberhaft das Leben, kaum beschreibbar, nur erleb- und erlesbar.

Der neueste, neunte, Band von Polgars Werken, die, gleichförmig angetan, aber ohne zahlenmäßige Bandbezeichnung, seit etwa drei Jahren bei Rowohlt in Berlin erscheinen, sammelt, mit ausgesprochener Beziehung auf die neueren Kriegsveröffentlichungen, jene im Kriege und in den Jahren nachher entstandenen Stücke, die das Herz- und lebenslose Treiben des Hinter­landdaseins und seine Greuel zum Vorwurf haben.

„Das Dämonische und das Gewaltige ver­führen,“ meint Polgar einleitend, „und auch der Schrecken, ins Großartige gesteigert, hat seine Anziehungskraft.“ So ist es sicherlich; in pessi­mistischen Augenblicken will es einem scheinen, als bedeute der große Erfolg, der den Zustandsschilderungen des Krieges mit einmal, zehn Jahre nach Kriegsende, zuteil wird, keineswegs etwas Gutes, nein, als sei nur jenes furchtbare Blut- und Druckerleben, inzwischen den Menschen so ferne gerückt, daß sie gleichsam die Romantik des Entsetzens zu genießen imstande sind. Wahr­haftig, lehrsamer als das Bild des Frontlebens zu malen, ist es, die überall wirkenden Greuel des Krieges und seiner Unmenschlichkeiten mit dichterisch bildender Kraft zu beschwören und „die Menschen dahin zu bringen, daß sie des teuflischen Schwachsinns, der den Krieg groß­ zieht, stützt, hegt und begleitet, inne werden.“ Alfred Polgar war mit seinen Hinterlandsdichtungen einer jener Wenigen, die schon in der „großen Zeit“ Herz und Mut hatten, sie klein zu nennen und dem Wahnsinn, wie nachher dem Verfall, entgegenzutreten.

Wenn man heute diese kleinen Aufsätze liest, in denen sich menschliches Mitgefühl gegen die phrasenklirrende Fesselung aller Menschenrechte wehrt, wird man sich herzlich erschüttert finden. Polgars Form und Art ist leicht, nie verläßt ihn der Witz seiner Anschauung, aber selbst wo dieser überwiegt und die „Zigarillos“ in ihrer ganzen

Jämmerlichkeit hell verlacht, stehen Not und Pein des darbenden Menschtums aus den spottenden Worten auf. Durch den Hellen Schein dringt um so ergreifender die dunkle Klage hervor, die ver­lorenes Menschenglück beweint. Welche Beglau­bigung ist es für diesen Dichter, daß er am stärksten ist, wo er ganz einfach wird, in diesem Bande etwa im „Vorstadtmärchen“, worin die märchenerzählende Mutter mit aller Pracht der Beschreibung keinen Anteil zu erwecken weiß, bis es schließlich heißt: „… und die Diener brachten auf goldenen Schüsseln Fleisch und Kuchen und Obst…“ „Hörst du zu“, wollte die Mutter fragen, aber der Märchenglanz in des Kindes Augen ersparte ihr die Frage.“ Ein würdiges Gegenstück zu jenen unvergeßbaren paar Zeilen, einem Monument der sozialen Frage, die „Soziale Unordnung“ überschrieben sind und heute in dem Bande „Orchester von oben“ stehen.

Das Panoptikum des Hinterlands der großen Zeit, das Alfred Polgar hier geschaffen hat und das etwa den kleinen Extraausgabenverkäufer in seiner unbewußten Entmenschtheit, den Kriegs­berichterstatter voll selbstverständlich gewordener Bestialität, die leitenden Staatsmänner mit ihrer mystisch-mistigen Verantwortung (die sie übernehmen und mit der sie sich wahrlich übernehmen würden, ließen sie sie nicht liegen), den Maronibrater in seinem Niedergang vom Kindermärchenmann zum Händler, die musternden Oberste und Ärzte, entseelte Selbstbetrüger und alles Maschinen-, Geld- und Rafferwesen der Nachkriegs­zeit darstellt, dieses Panoptikum ist der Appro­bation durch ein österreichisches Unterrichtsmini­sterium weit würdiger als Literatursammlungen, in denen Verse von Kernstock stehen. Denn Alfred Polgar ist ein wahrer Patriot, ein Österreicher, der zugleich ein Mensch ist.

So könnte sein Buch wohl ein Lesebuch sein für jenes Österreich, das wöchentlich Festwochen feiert, das auf den Straßen, links und rechts, im Gleichschritt und mit Fahnen voran mar­schiert, vor dessen Bundeskanzleramt im Schweiße ihres Angesichtes und zum Entsetzen der wirk­lichen Republikaner, die vorübergehen, zwei Sol­daten in Stahlhelmen Wache halten und dessen Militärmusik täglich, weil die Viererreihen nicht abfallen wollen, um ihr Ansehen nicht zu ver­mindern, die zum Mittagessen heimkehrenden, arbeitenden Bürger in der Straßenbahn um einen Teil ihrer freien Zeit verkürzt.

Die Jugend erhalte neben Anderm das ent­zückende Spiel für ein Hanswursttheater „Der unsterbliche Kasperl“, das den Band Hinterland beschließt, kommentiert als Klassenlektüre. Vielleicht, daß sie dann den österreichischen Kasperl doch nicht ganz unsterblich werden läßt, sondern im Bunde mit den wenigen freien und edlen Geistern der Zeit, wenn ihn schon der Teufel nicht holen mag, zum Teufel jagt!

In: Wiener Allgemeine Zeitung. 9.7.1929, S. 5.