eigentlich Alfred Polak, geb. am 17.10.1873 in Wien – gest. am 24.5.1955 in Zürich; Schriftsteller, Kritiker, Übersetzer

Ps.: Archibald Douglas, L. A. Terne

Das Porträtmodul von Evelyne Polt-Heinzl finden Sie hier.

„Wurde 1875 in Wien geboren. Mein Vater war Musiker. Ich habe vielerlei studiert und nichts gelernt. War Journalist, Parlamentsberichterstatter, Theaterkritiker. Übersiedelte 1927 nach Berlin und ging 1933 wieder nach Wien zurück. Besondere Kennzeichen meines Lebens: Keine.“ (KS I, S. 390, zunächst in Das Wort. Literarische Monatsschrift II (1937), H. 4/5, S. 180)

Wiederholt falsch datiert, wurde P. 1873 geboren als Sohn des dominanten Klaviermeisters Josef Polak, der wie der überlegene Bruder Carl Leopold (*1868) die Jugendjahre prägte. Nach schwachen Leistungen im Gymnasium wechselte P. in die Handelsschule, wo er den späteren Bankier und Verleger Richard Kola kennenlernte und ins Café Griensteidl in den Kreis um Peter Altenberg, dessen Nachlass P. 1925 herausgab, fand. 1895 trat P. in die Redaktion der Wiener Allgemeinen Zeitung (WAZ) um Felix Salten ein, publizierte aber auch u.a. für die Zs. Die Zukunft und Simplicissimus. Ab 1902 fungierte er als Burgtheaterreferent der Wiener Sonn- und Montagszeitung. Drei Jahre später wurde er, von Rudolf Lothar als „der jüngste Blender“ kritisiert, Mitarbeiter der von Siegfried Jacobsohn gegründeten Zs. Die Schaubühne/Die Weltbühne; bis zu ihrem Verbot 1933 publizierte er hier 742 Feuilletons und Kritiken. Erste Feuilletonsammlungen erscheinen zwischen 1908 und 1912 parallel zu den Arbeiten mit Egon Friedell („Polfried AG“) für das Cabaret Fledermaus, darunter der erfolgreiche Sketch Goethe und die umfassenderen Werke Soldatenleben im Frieden und Der Petroleumkönig oder Donauzauber. Für das Theater verfasste P. mit Armin Friedemann den 1910 in Hamburg-Altona uraufgeführten Einakter Talmas Tod, zeitgleich schuf er die populäre Adaption von Ferenc Molnárs Liliom. Als Bearbeiter des Nestroy-Stücks Kampl wirkte er bei der Eröffnung der Wiener Volksbühne unter den Direktoren Stefan Großmann und Arthur Rundt mit.

Im Ersten Weltkrieg gehörte P. u.a. mit Rudolf Hans Bartsch, Franz Theodor Csokor, Felix Salten und Stefan Zweig der „literarischen Gruppe“ des Kriegsarchivs an, ohne selbst im August 1914 der breiten Kriegseuphorie zu verfallen. So verbat die Zensur den Abdruck ausgewählter Texte in Wiener Blättern. Neben der Arbeit als Parlamentsberichterstatter für die WAZ und Die Schaubühne schrieb P. 1918 für die von Benno Karpeles Zs. Der Friede. 1919/20 übernahm er in Karpeles folgender Gründung Der neue Tag die Leitung der Feuilletonredaktion, für die u.a. Joseph Roth und Egon Erwin Kisch tätig waren, wofür er nach rund 25 Jahren die WAZ verließ. Ab 1920 publizierte er für Stefan Großmanns Tage-Buch, 1922 übernahm er bei Der Tag eine feste Stelle, veröffentlichte Feuilletons aber auch u.a. im Prager Tagblatt und Der Morgen. Zwischen 1921 und 1925 veröffentlichte P. mit Egon Friedell als „Böse Buben“ fünf Zeitungsparodien. Thematisch umfasste sein Repertoire in den Zwanzigerjahren neben Feuilletons und Kritiken auch Sozialreportagen und kleinere Erzählungen. Ab 1925 schrieb er verstärkt für das Berliner Tageblatt, veröffentlichte seine maßgeblichen Feuilletonsammlungen und intensivierte das Pendeln zwischen Wien und Berlin, wo er im Hotel Eden u.a. mit Leonhard Frank, Max Pallenberg, Fritzi Massary und Marlene Dietrich verkehrte. 1927 unterschrieb er im Wahlkampf um den Wiener Gemeinderat die Kundgebung des geistigen Wien für die Sozialdemokratie.

1923 arbeitete neuerlich für das Theater, u.a. als Bearbeiter von Karl Vollmoellers Turandot bei den Salzburger Festspielen 1923. Eine mit Kurt Tucholsky entwickelte Revue mit dem Titel Der Untergang des Abendlandes blieb ein in der Weltbühne abgedrucktes Fragment, 1931 schrieb er mit Franz Theodor Csokor die Farce Die Defraudanten nach Valentin Katajews gleichnamigen Roman. Ebenso bemühte sich P. um den Film. Mit Fritz Kortner verfasste er das Drehbuch für Der brave Sünder (1931) mit Pallenberg, dem er bereits 1921 eine Biographie gewidmet hatte, in der Hauptrolle. Ebenfalls beteiligte er sich am Drehbuch von Alexander Kordas Zum goldenen Anker (1931) sowie an den Verfilmungen von Stefan Zweigs Brennendes Geheimnis (1933) und Knut Hamsuns Victoria (1935).

Nach dem Reichstagsbrand kehrte P. nach Wien zurück, pendelte aber, finanziell immer öfter von Unterstützern abhängig, häufig nach Paris und Genf. Nach 1933 publizierte er u.a. für das Prager Tagblatt, die Berner Zs. Die Nation und Exil-Zs. wie Leopold Schwarzschilds Neues Tage-Buch. Nach dem „Anschluss“ nach Paris emigriert, setzte P. mit seiner Frau Elise Loewy nach Amerika über. Nach dem Scheitern in Hollywood fasste er vorrangig als Übersetzer in New York Fuß und publizierte für den Aufbau. Im Mai 1949 kehrte P. erstmals nach Europa zurück, fand diverse Anstellungen und wurde 1954 Berater des Theaters in der Josefstadt, wurde aber nicht mehr heimisch. P. starb 1955 im Zürcher Hotel Urban.


Weitere Werke (Auswahl)

Zu Lebzeiten: Kleine Zeit (1919), Gestern und heute (1922), Ja und nein (1926), Orchester von oben (1926), Ja und Nein. Schriften des Kritikers (Vier Bde., 1926/27), Ich bin Zeuge (1927), Bei dieser Gelegenheit (1930), In der Zwischenzeit (1935), Begegnungen im Zwielicht (1951), Im Lauf der Zeit (1954)

Posthum: Kleine Schriften. Sechs Bde. (1981-86), Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin (2015)

Quellen und Dokumente

Hiob-Rekord. In: Prager Tagblatt, 19.5.1918, S. 3, Deutsches Volkstheater [Rez. zu Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi]. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 23.12.1918, S. 3, Geistiges Leben in Wien. In: Prager Tagblatt, 14.11.1920, S. 3, Lokalbericht. In: Prager Tagblatt, 29.5.1921, S. 3, Wien. In: Prager Tagblatt, 2.4.1922, S. 3, Jugend. In: Prager Tagblatt, 30.4.1922, S. 2, Herbstfrühling in Wien. In: Prager Tagblatt, 11.11.1923, S. 3, Tiere. In: Berliner Tageblatt, 1.7.1924 (Abendausgabe), S. 2, Kraus-Feier in Wien. In: Die Weltbühne, 20 (1924), H. 21, S. 699-701, Der andere Mensch. In: Prager Tagblatt, 17.5.1925, S. 4, Chocolate Kiddies. In: Der Morgen, 23.11.1925, S. 8, Zum Thema: Tonfilm. In: Die Weltbühne, 25 (1929), H. 31, S. 176-178, Literaturhistorisches zur Szene „Goethe“. In: Die Weltbühne 28 (1932), H. 18, S. 675-677, Zu Joseph Roths „Radetzkymarsch“. In: Die Weltbühne 28 (1932), H. 52, S. 941f., Bar-Besuch 1933. In: Prager Tagblatt, 28.5.1933, S. 3.

Nachruf auf Karl Kraus. Gesprochen von A. P. [YouTube]

Rudolf Lothar: Die Wiener Kritik. In: Kritik der Kritik. Bd. 1, S. 201-205 (1905), N.N.: Fasching in Wien. Ein Faschingsblatt von Polgar und Friedell. In: Prager Tagblatt, 12.2.1921, S. 2, Franz Blei: A. P. Heut und morgen. In: Das Tage-Buch III (1922), H. 23, S. 864, Moritz Heimann: Ueber A. P. In: Die Weltbühne XVIII (1922), H. 50, S. 615-618, Paul Hatvani: A. P.s Werk. In: Die Weltbühne XXII (1926), H. 33, S. 267, Stephan Ehrenzweig: Der Kritik A. P. In: Die Weltbühne XXIII (1927), H. 33, S. 260f.,

Literatur

Volker Bohns: Kritische Erzählungen. Zur Prosa A. P.s, unveröffentl. Diss. (1978), Hermann Dorowin: „Ein […] Makkabäer im Lande der Philister.“: A. P.s radikaler Zeitkommentar der Zwanzigerjahre. In: Primus-Heinz Kucher, Julia Bertschik (Hg.): „baustelle kultur“, S. 397-411 (2011), Roland Innerhofer: Die Polfried AG: Satirisches Kabarett von Egon Friedell und A. P. In: Wendelin Schmidt-Dengler (Hg.): Komik in der österreichischen Literatur, S. 179-188 (1996), Eva Philippoff: A. P. Ein moralischer Chronist seiner Zeit (1980), Evelyne Polt-Heinzl, Sigurd Paul Scheichl (Hg.): Der Untertreiber schlechthin. Studien zu A. P. (2007), Ulrich Weinzierl: Er war Zeuge. A. P. Ein Leben zwischen Publizistik und Literatur (1978), U. W.: A. P. Eine Biographie (1985/Neuauflage 2005).

Ulrich Weinzierl: P., A. In: Neue Deutsche Biographie (2001) [Onlinefassung], Eintrag im Österreichischen Kabarettarchiv, Eintrag bei literaturepochen.at, bei austria-forum.org, bei wien.gv.at.

(ME)