Max Graf: Die Josefslegende von Richard Strauß.

Max Graf: Die Josefslegende von Richard Strauß. (1922)

Mit seiner Ariadne auf Naxos war Richard Strauß in den Kreis der Barockoper eingetreten, die er, der Musiker bayrischen Stammes, in modernem Sinn wieder belebt hat. In einem bunten Spiel schlingen sich eine antike Fabel mit Maskentänzen der italienischen commedia del arte zusammen. Zerbinetta, Harlekin, Scaramaccio, Truffaldin und Brighella tanzen und scherzen, während Ariadne klagt, Najade, Dryade und Echo anmutige Terzette singen. Das ganze ein Spiel des Geistes, der Farben, der sinnlichen Melodiken; eine unwirkliche Welt mit glanzvoller Apotheose: ein Traum, in dem Tragödie und Komödie, griechische Sage und italienisches Maskenspiel durch­einander gleiten, beschienen von geistigem Licht. Die Wiener Barockbühne, welche mit Formen und Anschauungen des Altertums, mit Ausstattungs­wundern, mit Melodienprunk die Sinne bezau­bert hat, und durch die sinnlichen Formen Geisti­ges durchschimmern ließ, ist hier weder lebendig, die italienische Festoper mit ihrer Mischung des antiken Pathos und der Harlekinaden zu neuer Wirksamkeit erweckt. Und wie aus diesem Wiener Barocktheater schließlich das Märchen- und Zauber­stück hervorgegangen war, wie Zauberflöte und Raimund-Stücke die historische Entwicklung krönen, hat der Weg Richard Straußens von der Ariadne zuletzt zu der Frau ohne Schatten geführt, der farbigsten, klangvollsten Märchenoper, in der die Motive des süddeutschen Zauberstückes wiederkehren. Es ist gewiß kein Zufall, daß Richard Strauß in dieser Zeit seinen Wohnsitz in Wien genommen hat, wo er geistig, wie diese Werke zeigen, längst zu Hause war. Die Vergangenheit des künstlerischen Bodens in Wien, aus der ihm Formen, Klänge, Bilder zuströmten, hat ihn, den modernen Musikanten, mit dem beweglichen Artistengeist, hieher gezogen.

Zwischen der „Ariadne“ und der Frau ohne Schatten hat Richard Strauß seine Josefslegende geschaffen, die in einer Zeit, wo es noch ein einziges Europa des Geistes gegeben hat, in Paris vom russischen Ballett unter der Leitung von Richard Strauß zum erstenmal gegeben wor­den ist. Es ist also ein Gelegenheitswerk, aber in einer künstlerischen Entwicklung gibt es keine Zu­fälle, sondern nur Notwendigkeiten, und tatsächlich gehört die Josefslegende in die unmittelbare Nachbarschaft der Barockoper Ariadne und der Märchenoper Frau ohne Schatten als ein mo­dernes Prunkstück der Tanzkunst, der Massenentfaltung, der glühenden Farben, nackten Leiber, sinnlichen Klänge, wie es die großen Ballettdar­stellungen der Barockzeit, die höfischen Tanzdichtungen der Epoche Leopold I. und Karl VI. immer gewesen sind, in deren Dienst der große Mathematiker Athanasius Kircher Maschinenmeister war und die berühmtesten italienischen Komponisten die Musik schrieben. Schon in der Wahl des Stoffes ist die Josefslegende eine Wiedererneuerung barocker Festvorstellungen, denn der Josef-Stoff war einer der beliebtesten Stoffe des Barocktheaters, welches immer wieder den Sieg der Frömmigkeit über die Sinnenlust in Prunkbildern dargestellt hat. In München kam 1354 das Josef-Stück des Martin Baltiens zur Aufführung, in eben derselben Stadt – der Stadt, wo Richard Strauß geboren wurde – 1613 der Josef des Jesuiten Jakob Bidermann. Der Josef-Stoff war eben ein Prachtbeispiel der „Pietas victrix“, welche das Barocktheater immer wieder gefeiert hat. Aber nicht nur der Stoff der Josefslegende, auch die Art der Ausführung ist ganz im Geist des Barocktheaters. Es herrscht hier ein freies Spiel mit Formen, Gestalten und Bildern. Der Schaulust wird mit einem Gemenge von Farben, Kostümen, Prunkbildern aus der Renaissance, aus dem Orient, aus der Bibel ein Fest bereitet. Die Sinnlichkeit wird mit Schaugepräge, Tänzen, Klängen aufgewühlt und Altes und Modernes wird von Übernatürlichem durchschimmert. Der alte biblische Stoff wird in die venezianische Renaissancepracht hineinversetzt, mit der Zeit wird ein phantastisches Spiel getrieben. Formen. Far­ben, das Gewoge nackter Körper, der Rausch des Tanzes. Linien und Gebärden werden durcheinandergemischt, ganz im Geist und Sinn barocker Theaterkunst, „wo die Idee, das Symbol, die Handlung und Darstellung, Regie und Musik, zu einem einheitlichen, scharf auf einen einzigen Punkt gerichteten Eindruck zusammenschlagen.“

Die Musik von Richard Strauß, genial dem Stoff angepaßt, im sinnlichen Element glühend, mit Zauberlicht in jedem Takt der Partitur, ist ein artistisches Kunstwerk. Sie ist nicht weniger Richard Straußisch, als jede andere Musik von Richard Strauß, hat seinen Glanz, seine Farben­pracht, seinen Geist und seine Sinnlichkeit und leuchtet in nicht weniger bunten Farben, als das Gewühl von Seidenkleidern, von Spitzen und Perlen, von rosigen Frauenleibern und den Kör­pern von Negern und Mulatten, von bunten Schleiern, durch die Mädchenbrüste schimmern, von Goldgefäßen und Harnischen von Gewappneten, von Fruchtschalen und schweren Teppichen auf der Bühne. Sie ist Farbe und Dekoration, nichts mehr und nichts weniger und alles, was sie als Musik eines Schauballetts sein soll. In der ersten Hälfte des Josefslegende schwelgt sie in den Gegensätzen zwischen den sinnlichen Hochzeitstänzen der Fronen und den Kämpfen der schwarzen Boxer und den idyllischen und frommen Tänzen Josefs, zwischen üppiger Wollust und religiöser Tanzheiterkeit. Die wunderschöne, echt Straußische Geigenmelodie der Sulamith leuchtet aus den Frauentänzen heraus. Unheimlich kommen die Boxer mit Paukenrhythmen und mit einer lastenden, plumpen, wuchtigen Melodie der tiefen Streicher anmarschiert, atemberaubend ist die wilde Steigerung der Musik. Lichte Klangfarben sind über die Tänze Josefs ausgebreitet, unter denen der schöne Menuett, die gefühlvolle D-Dur-Geigenmelodie hervorstechen. Später wird die Tanzmusik von charakteristischer Musik, dem wilden Hexentanz und dramatischer Musik abge­löst, bis die Apotheose den Lichtglanz Straußischer Schlußeffekte immer strahlender aufgehen läßt. Von einem Niedergang der Straußischen Musik zu sprechen, wie es Paul Bekker tut hat ange­sichts der technischen Meisterschaft, des Glanzes, der Formenfülle dieser Musik keine Berechtigung. Was hier geschaffen ist, ist dekorative Musik, die wie Fresken Tiepolos leuchten und glänzen berauschen und die Sinne fesseln soll. Barockkunst und sinnberauschend und schwelgerisch ist jeder Takt.

Die Josefslegende ist in der Staatsoper mit jenem Prunk ausgestattet, auf den sie als ein Werk des ersten Musikers der Gegenwart Anspruch er­heben darf. Die Buntheit der Farben, die schwere Pracht der Kostüme, die Anmut der Frauenleiber, der Reichtum der Tanzkünste — in deren Anord­nung Kröller eine wahre Meisterschaft ge­zeigt hat — der Glanz des Orchesters vereinigen sich zu sinnlichster Wirkung. Die Potiphar der Frau Gutheil- Schoder ist eine der großen Leistungen mimischer Kunst. Wenn Frau Schoder in ihrem venezianischen Seidenkleid, mit Perlenschnüren behangen, mit dem Riesenspitzenkragen geschmückt, die Augen müde und wohllistig ver­hangen, die gierigen Lippen halb geöffnet, auf dem Thron sitzt, reglos und doch nach Sinnlichkeit dür­stend, ist dieses Bild bei aller Starrheit von un­heimlich dramatischem Leben. Wie sie ans diesem Traumzustand ermüdeter Sinnlichkeit— „er­müdet, doch nicht gesättigt“ heißt es bei Juvenal von Messalinas Nächten — erwacht: langsam durch den Unschuldsleib des Hirten in Glut ver­setzt wird, mit den Augen seinen Tänzen folgt, an seine Gestalt mit Blicken sich anheftet und in allen Nerven ihres Schoßes von Geschlechtsgier erzittert, dies und alles weitere ist genialste Seelenmalerei. Ausgezeichnet, mit Gebärden eines heiligen Sebastian spielt (und tanzt) Herr Fränzl den Josef. Als schöne Sklavin kauert Fräulein Buchinger, katzenhaft sich schmie­gend, an der Seite der Frau Potiphar, das Weiblein neben dem Mannweib, und die vollkommensten Frauenkörper stellen Fräulein Pichler, Horwath, Fränzl, Raab, Mindzenty, Pfundmeyer, Losch zur Schau. Was das Wiener Ballett, modern und künstlerisch geführt, leisten kann, hat es diesmal gezeigt. Richard Strauß, der die Vorstellung geleitet hat, hat sich nach dem Fallen des Vorhanges eine Viertelstunde lang vom Enthusiasmus des Publikums umjubelt gesehen. Dieser Richard Strauß versteht es eben, seine Zeit in Atem zu halten, und da er ein so interessanter Mann ist, läßt man sich, in Wien so­ gar gefallen, daß er ein Musiker von Genie ist und jubelt ihm zu.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 20.3.1922, S. 7.