O. M. Graf: Ein großer revolutionärer Dichter unserer Zeit. [Fritz Brügel]
O. M. Graf: Ein großer revolutionärer Dichter unserer Zeit. [Fritz Brügel] (1936)
Schiebt bitte, die Bücher beiseite, die täglich von den Verlagen kommen und sich auf meinem Tisch schrecklich fordernd türmen. Jedes will gelesen und bald gelesen werden. In jedem steckt mühevolle Arbeit, ehrliches Wollen, unbestreitbares Können und viel Hoffnung. Die meisten haben einen gewichtigen Inhalt, der Autor hat ihn sauber und anerkennenswert geformt, seine geistige Haltung ist tapfer und er verrät Talent. Die antifaschistischen deutschen und österreichischen Schriftsteller haben zum größten Teil beachtliche, ja bedeutende Bücher heraus-//gebracht. Ihre Gesamtleistung steht turmhoch über den Erzeugnissen des gleichgeschalteten Schrifttums ihrer faschistischen Heimat. Einige Werke der Emigrierten und Ausgebürgerten werden diese Diktaturen bestimmt überleben und bleiben. Die Emigration kann sehr stolz auf solche Geister sein. Sie verhelfen ihr zu einem Ansehen und einer Bedeutung vor der Welt, die ums und unserem Kampfe ungemein nützen.
Dennoch — schiebt diese Bücher, wenigstens für heute, beiseite. Es geschieht nicht aus böswilliger Respektlosigkeit. Es hat einen, wie ich glaube, sehr triftigen Grund. Ich bin auf einen Dichter unter uns gestoßen. Ich bin ihm schon einmal begegnet, damals, als seine „Februar-Ballade“ erschien, die zu wenig beachtet wurde. Ich habe mich schon damals über die meisterhafte Wortkunst, über die Kraft und Schönheit einiger Verse tief gefreut und sogar darauf hingewiesen. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, daß Antifaschisten, die für das Hinreißende des dichterischen Wortes empfänglich sind, nicht froh und beglückt werden, wenn sie zum Beispiel die ersten und die letzten Strophen dieser Ballade lesen. Ja. ich glaube sogar, daß ieder Mensch, sofern er nur im geringsten gefühlsbereit für das wahrhaft Poetische ist, von diesen Gedichten immer wieder ergriffen wird.
Fritz Brügelgeb. am 13.2.1897 in Wien - gest. am 4.7.1955 in London; Schriftsteller, Bibliothekar, Historiker, Volksbildner Ps.: Du... hat jetzt nach fast zwei Jahren, wieder einen schmalen Band, sehr schön gedruckter Gedichte aus Europa (Verlag Der Aufbruch. Zürich) herausgebracht. und es ist sehr zu begrüßen, daß er seine Februar-Ballade darin aufnahm. Sie fügt ’sich als volltönender Ausklang ins ganze und wird so — hoffentlich — noch weiteren Kreisen zugänglich. Mit eben demselben Recht hat Brügel auch einige ältere Geldichte, die irgendwo verstreut gedruckt waren, in die Sammlung aufgenommen wie etwa „Das Gesetz dieser Zeit“, den schlicht geformten, ergreifenden „Brief aus Deutschland“, das „Lied vom Eisenpreis“ und das bereits vertonte, von Ernst Busch am Moskauer Kominternsender sehr oft gesungene „Flüsterlied“, das — um es gleich vorwegzunehmen — ich für eines der schönsten revolutionären Lieder der Jetztzeit halte. Es mag ja sein, daß meine Begeisterung mich dazu verführt, Superlative anzuwenden, aber — liebe Freunde, unsere Zeit und unser Kampf sind für uns alle oftmals bedrückend — liest man Strophen wie diese:
„Wir sind wie Atem. Luft und Wind,
der Feind kann uns nicht greifen.
Er starrt sich seine Augen blind
und spürt nur, daß wir reifen“.
so atmet man auf einmal erleichtert und freier, man meint. eine ewig bekannte Melodie zu hören und sie beim Marschschritt unsichtbarer Genossen mitzusingen. Das Eigentümliche an Brügels Gedichten ist überhaupt, daß man schon beim Lesen das bezwingende Gefühl hat, sie müßten alle gesungen werden. Ich habe unter den modernen Lyrikern, die etwas gelten, keinen gefunden, der in seinen Versen eine derartig erstaunliche Vereinigung von höchster Sprachkunst, zuchtvollster Form und echter Volksliedhaftigkeit aufweisen kann. Dabei unterläuft ihm nie eine banale Zeile, eine inhaltslose Floskel. Der geübtere Leser merkt sehr bald, daß Brügel die Worte, ehe er sie gebraucht, ungemein gewissenhaft wägt, so daß beispielsweise etwas überspitzt intellektuelle Zeilen und Strophen herauskommen, wie
diejenige am Anfang des Gedichtes „Die Selbstmörder“. Dadurch, daß der Dichter stets den präzisesten Ausdruck auffinden will, verfällt er zuweilen in eine zu abrupte Knappheit, etwa bei der letzten Strophe des zweiten Verses von „Schwarze Stunde“. Nicht ganz glücklich ist Brügel auch bei der Titelwahl seiner Gedichte. Das wundervoll dahinfließende „Bestimmt!“ würde nach meinem Dafürhalten besser „Zuversicht“ heißen und statt des Titels „Amnestie“, der mit dem Gedicht nicht übereinstimmt, würde ich eventuell „Doch es gehn unter uns …“ vorschlagen, das sicher dem Inhalt weit mehr entspricht. Ich kann sehr gut verstehen, daß ein so überempfindlicher Erkenner und Verehrer des Wortes, ein so faszinierender Meister der Form jede flache Gebräuchlichkeit, die sich in unsere reiche und edle deutsche Sprache eingenistet hat, geradezu haßt. Das kann aber, wie ich schon andeutete, mitunter zu einer
Kälte und Künstlichkeit führen, die ein Gedicht, eine Zeile, ja sogar ein einziges Wort zwar unanfechtbar klarmachen, ihnen aber gewissermaßen das poetische Fluidum nehmen. (Nehmen wir nun wieder den fast „zackig“ klingenden Titel „Bestimmt!“) Brügel charakterisiert sich selber in dem wundervoll melancholischen Gedicht „Selbstbegegnung“ scharf und echt, indem er sagt, er sei einer
„Der einer Zeile nachsann viele Wochen.
Der tausend Worte jagte durch das Sieb,
bis er das eine fand. das fruchtend blieb,
weil seine Adern heiß vom Leben pochen.“
Dieser besessen selbstkritische, sehr bewußte Gestalter zwingt ums ja deshalb zur Bewunderung, er begeistert uns, weil seine Gedichte dennoch gefühlstief und einfallsecht sind. Ein Gedicht aber wie „Besiegte Nike“, das gewiß klassisch vollendet ist, aber nichts bedeutet, sollte er in diese Sammlung gar nicht aufgenommen haben. Es erinnert zu sehr an die Schule, durch die der Dichter Brügel gegangen ist. Conrad Ferdinand Meyer und der späte Rilke etwa hatten noch — und auch nur zum Teil — ein natürliches Recht, solche Bilder in Worte zu fassen. Dabei kam Unsterbliches heraus, jawohl, denn der Geist dieser Dichter lebte in einer solchen Welt. Brügels Welt ist eine andere, sie ist die erlittene Gegenwart. Er hat sich, das spürt man, mit Recht in die Sprachgewalt dieser Meister vertieft, er hat ein mächtiges Erbe absolut selbständig verarbeitet, er war ein Dichter und ist ein Meister geworden. Alle Gedichte in seinem Buch, die unmittelbar aus der jetzigen Zeit und aus heutigem Leid und Kampf herausgewachsen sind, rühren uns an, beschwingen uns und
„rühren“ — um ein tiefsinniges Hebbel-wort zu variieren — an den Schlaf der Welt“. Sie sind eminent dichterisch und deshalb weit, weit über den Tag hinaus wichtig. Wenn ich Gedichte wie „Die Ausgebürgerten“, wie das schon genannte „Flüsterlied“, das „Neue Volk“ und viele
— ja wahrhaftig viele! — dieser Verse lese, dann habe ich so etwas wie ein mitreißend beglückendes Gefühl, daß diese Lieder einst von unseren Kindern und Kindeskindern noch mit derselben Ergriffenheit gesungen oder deklamiert werden, wie von uns, von denen der Dichter erzählt:
„Wir singen der Welt ins Gesicht
unsern Hohn
und wir lachen, wenn sie uns quält,
bis die Hände zerbrechen der Wächter
Kordon
und nehmen das, was uns fehlt!“
Laßt mich begeistert sein, Freunde! Lesen wir diese Gedichte immer und immer wieder, verbreiten wir Sie, singen wir sie. Wir haben einen ganz großen Dichter unter uns, dessen Verse uns über die Bedrückung mancher schweren Tage hinausheben. Er sagt alles, was wir leiden, was wir ersehnen, und er entflammt ums im Kampfe wie keiner. Ich vermesse mich sogar, zu behaupten. daß er sprachgewaltiger als Herwegh und Freiligrath ist. Urteilt selbst!

