Leo Heller: Wien wie es euch gefällt
Leo Heller: Wien wie es euch gefällt. (1927)
Ein neuer Führer durch Neueres. Daß Wien sich in den letzten zehn Jahren etwas verändert habe, stellt heute fast niemand mehr in Abrede. Nur darüber ist man in den verschiedenen Lagern uneinig, ob „die Kaiserstadt“ oder „das rote Wien“ besingenswerter, ob die ältere Generation mit ihrem Krenfleisch oder die jüngere mit ihrem Sport sympathischer, die alten Häuseln oder die modernen Gebäudekomplexe, das süße Mädel, das mit einem Hausherrnsohn eine Liebelei gehabt hat, oder das Girl mit dem Bubikopf, das sich die Seidenstrümpfe durch täglich achtstündige Bureauarbeit selbst verdient. Eigentlich würde der Wiener im allgemeinen alles Neuere „gar net ignorieren“, aber man wird hierorts durch ein Schlagwort immer wieder aus der staatsbürgerlichen Ruhe gescheucht: der Fremdenverkehr! Was sagt Europa zu uns und gar Amerika? fragt sich gewissermaßen jedermann schon beim täglichen Frühstück, so sagt man uns. Ein neuerer Schiller müßte dichten: „Ans Ausland, ans valutarische, schließ dich an, dort sind die starken Wurzen deiner Kraft“ und der Idealberuf des Wieners wäre der eines Fremdenführers.
Aber wieviel Wiener kennen Wien! Schwer ist es überdies, gerade in dieser Stadt, dem Fremden auf eine Frage eine Antwort schuldig zu bleiben. Und wieviele Fragen müssen sich einem Fremden auf die Lippen drängen, wenn er neben einem Vorzug gleich drei Schwächen und neben einem Fehler gleich drei Vorzüge entdeckt! Es gehört viel Selbstironie, sehr viel Humor und noch mehr Lokalpatriotismus dazu, in Wien den Fremdenführer zu spielen. Und wer hat in Wien vor allem Lokalpatriotismus? Dazu muß man nicht nur in dieser Stadt überhaupt, sondern eigens geboren sein. Einer von diesen originellen engsten Landsleuten ist Ludwig Hirschfeld, Wiener Fremdenführer von Beruf, den er in zahllosen Feuilletons geübt und nun in einem Buch bezeugt hat, das über Wien alles das ausplaudert, „Was nicht im Baedeker steht“ (Verlag Piper & Co., München).
Es ist sehr schwer, kein Buch über Wien zu schreiben. Auch Hirschfeld empfindet das auf seinen durch das neuere Wien unternommenen Spaziergängen, die er mit einem zu seiner Gesellschaft ersonnenen ausländischen Ehepaar unternimmt. Hirschfeld führt natürlich nur gut situierte, gut angezogene und gut erzogene Fremde, die ihm nie widersprechen, sich einfach von einem amüsanten Plauderer über ein anscheinend amüsantes Völkchen unterhalten lassen, weitere Strecken mit dem Auto aber dabei auch wirklich nicht schlecht fahren. Vieles von dem, was Ludwig Hirschfeld süffisant bemerkt, ist leider einmal unsere Eigenart, vieles ist Gott sei Dank nicht ganz so ernst zu nehmen, wie sich der immer witzige Schilderer darüber lustig macht. Manchmal ist er sogar ganz aufrichtig für den Fortschritt, für die Wandlungen in neuerer Zeit. Die Reste der alten Gesellschaft finden in ihm freilich einen von charmanter Pietät erfüllten Schätzer. Hirschfeld kennt sie alle, die einstmals fashionablen Leute, er ist ein eleganter Führer, auch noch dort, wo er sich mit seinen Fremden unter das Volk mischt, durch die Vorstadt schlendert und durch den Prater, zum Fußballmatch oder nach Kritzendorf. Sehr versiert führt Hirschfeld durch die Wiener Theater, durch die Wiener Musik, am versiertesten durch die Wiener Frauen. Das Kapitel über die Wienerin ist außerordentlich reizend, aber die Wienerin kommt eigentlich in jedem Kapitel vor, und bei allem seinem Zynismus gerät dem Ausplauderer der kleinen Fehler und großen Schwächen Wiener Weiblichkeit das Buch doch zu einer galanten Huldigung für die Wienerin und zu einem Geständnis der Verliebtheit in die Stadt, die dem Unzufriedenen doch noch von allen Städten am besten gefällt.
Deshalb ist das neue Buch über das neuere Wien, das, wohl vorsichtshalber, nicht gleich das jüngste, für jeden Fremden nicht bloß eine gefällige Lektüre; dies gewiß ganz besonders, denn keine Seite ist ohne ein hübsches heiteres Wort und manches durch ein humorvoll gestricheltes Bild von dem hier heimisch gewordenen Zeichner Adalbert Sipos oder dessen Landsmann Gedö unterhaltend; das Buch wird dem Fremden aber auch aus dem bedeutsameren Grunde willkommen sein, weil es den, der Wien gar nicht oder nur vom Hörensagen kennt, auf eine Weise willkommen heißt, die ihm einen angenehmen Vorgeschmack der liebenswürdigen Art und der eigenartigen Atmosphäre Wiens gibt. Wir sind schon auch so, wie Hirschfeld es schildert. Nicht immer, nicht alle. Aber wenn Europa auf uns blickt oder gar Amerika (das Buch wird nämlich auch ins Englische übersetzt), dann handelt es sich ja nicht so sehr um das Sein als das Scheinen. Und um die Scheine. Für die zahlungskräftigen Fremden lacht das eine Auge, das andere nörgelt für die Einheimischen, die das e‘ schon wissen!

