E.H.R[ainalter]: Neue Jugend
E.H.R[ainalter]: Neue Jugend (1926)
Klaus Mann und Pamela Wedekind. — Im Raimundtheater.
Man hat ein Problem Klaus Mann konstruiert, und in der Tat: die Söhne großer Väter bleiben stets problematisch. Da dieser junge Dichter am Vorlesetisch sitzt, blond, mit einer stark vorspringenden Nase, mit etwas hervortretenden Backenknochen, die ganze Erscheinung beherrscht von norddeutschem Ernst, erkennt man in ihm nicht ohne Rührung die Züge und das Wesen des Vaters. Von ihm aber überkam auf Klaus nicht nur die Statur, sondern auch die Natur und das Talent. Und nicht minder jene erstaunliche Frühreife, die ihn, den Zwanzigjährigen, in die Rolle eines Wortführers der heutigen Jugend drängt. Man erinnert sich, daß Thomas Mann, als er in der Mitte der Zwanzig stand, der deutschen Nation schon ein Meisterwerk vom Range der Buddenbrooks geschenkt hatte.
Auch Klaus Mann wittert in sich das Problem. Allein ihn ficht es nicht an, daß er der Sohn eines Großen ist, denn er scheint vom ersten Tag an entschlossen gewesen zu sein, kein Epigone, kein Vollender, sondern ein Beginnender, ein Erneuernder zu werden. So wie die Generation um Jahrhundertbeginn durch die Sprachschule Maupassants gegangen war, so gibt es unter uns keinen, der nicht von Thomas Mann stilistische Zucht, rednerischen Glanz gelernt hätte; begreiflich, daß solche Anklänge beim Sohn – vorläufig wenigstens – manchmal noch bis zur Abhängigkeit verdichtet sind. Davon abgesehen, geht Klaus Mann seine eigenen Wege. In seinem Erstlingsdrama Anja und Esther schrieb er: „Einer von uns muß das Lied singen, unser Lied. Wer wird es sein?“ Er bemüht sich, es selbst zu sein, sein ganzer angespannter Ehrgeiz zielt dahin, selbst das Lied der neuen Jugend zu singen. Er schreitet in einer Front mit Klabund, mit Bert Brecht – die Namen sind nicht zufällig gewählt, er selbst erwähnt sie wiederholt mit zärtlicher Liebe. Er fühlt sich ganz dieser neuen Generation zugehörig, der nicht nur, wie dem armen Hanno Buddenbrook, eine Familie, ein Stand zertrümmert wurde, sondern um die her eine ganze Welt in Scherben ging.
Klaus Mann spricht einen Essay, der sich mit der Rolle und der Aufgabe der heutigen Jugend beschäftigt. Ob überhaupt die Literatur in einer Welt noch Platz hätte, die dem Fußball, dem Kino gehört? In der die Theater verwaisen und die Boxkämpfe gestürmt werden? Die Frage ist ein wenig sentimental gestellt: denn inmitten von Fußballern und Boxern wird es immer wieder Dichter und Künstler geben. Aber diese Künstler werden den Ausdruck unsrer Zeit suchen und finden müssen? Wie wird er sein müssen? Klaus Mann zeichnet den Weg, der durch drei Namen fixiert ist: Anatole France steht inmitten einer Ära der Zivilisation, des Geistes, der er zum Repräsentanten wurde. Doch über den innerlichen Dänen Bang, der die Welt so zärtlich liebte und sich doch in jedem Augenblick bewußt war, daß er sie nie besitzen würde und dürfte, über diese Hingabe, die resigniertem Verzicht gleichkommt, leitet der Weg zu dem Größten, zu Hamsun, der ganz Natur ist, der in den Elementen und Kreaturen lebt, für den die Grenze zwischen Kunst und Erleben nicht mehr besteht. Die Formel Klaus Manns also lautet: sich dem Leben, dem brausenden, in all seinen neuen und unerklärlichen Erscheinungen hingeben, sich von ihm mitreißen lassen und ihm seine Melodie ablauschen. Max Mellgeb. am 10.11.1882 in Marburg an der Drau (k.k. Österr.-Ungarn, heute: Maribor/ Slowenien) – gest. am 12.12.1971 in W... hat ähnliches einmal ausgedrückt: „Den Wolken, den Winden geb‘ ich mich hin!“
Klaus Mann zeichnet eigentlich den Weg aller Kunst seit eh und je, nicht nur der heutigen. Gleichwohl ist es schön und gut, wenn ein junger Künstler sich wieder auf ein Leben besinnt, das nicht durch die Brille irgendeiner Richtung angesehen sein will. Wie er seine Theorie in die Praxis umsetzt? Er liest aus einem Novellenbuch drei Kaspar Hauser-Legenden, und Kaspar Hauser wird ihm zum Symbol, weil auch er, wie die Jugend, die nach dem Kriege heranreifte, sein Woher und sein Wohin nicht weiß. Das eine Stück „Kaspar Hauser und sein Freund ist sehr schön. Sinnbilder des Lebens werden geschaffen, und vielleicht ist dies immerhin eine Ausflucht, weil das Leben, das geliebte und gehaßte, sich der Gestaltung noch nicht fügen will. Aber Anfänge dieser Gestattung finden sich in einem Roman Klaus Manns Der fromme Tanz. Jedenfalls: in diesem Sohne eines Großen ist Zukunft, ist Wille, ist eigene Musik und eigene Schau.
Nach Klaus Mann: Pamela Wedekind, die Tochter Frank Wedekinds. Auch sie dem Vater aus dem Gesicht geschnitten, so daß man manchmal fast erschreckt meint, er wäre auferstanden. Aus den Vier Jahreszeiten trägt sie zur Laute Chansons ihres Vaters vor. Und sie wird dieser Mischung dunkler Schwermut und blasphemischer Ironie aufs allerglücklichste gerecht. Sie trägt jedes einzelne Stück, ganz aus dem Geist des Vaters heraus, so vor, daß man meint, man könnte es von keinem andern Sänger, von keiner andern Sängerin mehr anhören. Die Lieder werden wieder das, was sie waren: Gesänge eines melancholischen und tiefsinnigen Clowns, dem die Welt zu einem Karussell wechselnder, fliehender, für eines Atems Länge nur festgehaltener Gestalten wird. Pamela singt diese dunklen und grellen Strophen mit einer hübschen, nicht eben großen, aber in jedem Augenblick voll beherrschten und von der Stimmung des Chansons ganz durchtränkten Stimme. Ihr Erfolg war groß, das Publikum jubelte ihr und dem Geiste ihres Vaters zu. Und neben ihr stand Klaus Mann, allein und mit all den Hoffnungen seiner Jugend; er hatte sich wohl gehütet, auch seines Vaters Schatten zu beschwören.

