Julian Sternberg: Walter Angel: Der Meister.

Julian Sternberg: Walter Angel: Der Meister. (1923)

Roman (Verlag August Scherl, Berlin)

Mit einem sympathisch anmutenden, trotzigen Selbstgefühl scheut der begabte Erzähler weder in der Problem­stellung noch auch in der Titelwahl vor dem naheliegenden Vor­wurf zurück, Wege zu wandeln, die der Fuß vieler, beinahe allzuvieler breitgetreten hat. Die Zeit, in der die Künstlerromane mit befremdender Ausschließlichkeit überwucherten, in der es beinahe keine Romanhelden gab, die nicht dichteten oder malten, bildhauerten, geigten, die Klaviertasten mißhandelten, liegt nicht allzu­ weit hinter uns. Was für eine Unzahl von „Meistern“ haben wir nicht über uns ergehen lassen müssen. Im Roman und auf der Bühne desgleichen. Walter Angel läßt sich dadurch nicht im ge­ringsten anfechten. Freilich hat bei ihm das Wort „Meister“ einen leicht ironischen Beigeschmack. Sein Meister ist der Virtuose. Der Virtuose schlechtweg. Daß er in dem speziellen Fall seinen Rattenfängerberuf klavierspielend ausübt, ist eigentlich nur eine belang­lose Zufälligkeit. Hat aber dieser Meister ein gottgegebenes Vorrecht auf seine eigene, höchst persönliche Moral, steht er jenseits von Gut und Böse ethischer Kategorien, ist es ihm gestattet, in der Frau immer wieder nur das Weibchen zu erblicken, darf er die Veilchen am Wegrain zertreten, die Rosen hinter dem Zaun im sorglosen Vorüberschlendern köpfen, gelegentlich auch von dem keuschen Kelch der Lilie den Blüten­staub mit gleichgültig roher Hand herunterstreifen? Angel weicht der Beantwortung solcher Gewissens­fragen aus. Zum Schluß des Buches werden zwei Werturteile einander gegenübergestellt. Der Dichter hütet sich wohlweißlich, darüber Gewißheit zu geben, welches der beiden er zu dem seinen macht: „Er ist ein Halbgott, ein Gigant… er befreit sich in seiner Kunst, er meistert das Leben“ sagen die einen. Und die anderen strecken die Arme aus in die schweigsame Nacht und pressen die geballten Fäuste an den Körper, auf daß sie nicht eigenes Leben heischen und nicht ausholen zum zermal­menden Schlag: „Er ist ein Mörder!“ Aber vielleicht identifiziert sich Angel mit dem Raisonneur des Romans, der beides gehört hat und dann die Ach­seln hebt und in seiner ruhig gemächlichen Art das Schlußwort spricht: „Er ist ein großer Pianist.“ Mit vivisektorischer Unerbittlichkeit dringt der Romandichter in die Untiefen der Seele seines Helden ein, und keine Kleinlichkeit oder Niedrig­keit, die er dort antrifft, macht ihn irre. Beinahe wäre man versucht, den Gemeinplatz des Sprich­wortes auf diesen Roman desgleichen anzuwenden: Kein Großer, kein Held, auch kein Meister vor seinem Kammerdiener. Aber gerechter ist es jeden­falls, lieber von einem Pädagogen zu sprechen, der in die Psychologie eines Kindes hineinleuchtet, eines großen Kindes mit allen angebornen Instinkten der Rücksichtslosigkeit, der verkniffenen Schlauheit, sogar der Grausamkeit, als das sich letzten Endes dieser Meister darstellt. An den Frauen, auch an wertvollen Frauen, reagiert er sich in Augenblicken ab, wo er ganz ausnahmsweise nicht mit sich be­schäftigt ist, und für kurze Zeit sogar darauf ver­zichtet, ans Metier zu denken, vom Metier zu spre­chen. Und sehr hübsch ist es Angel gelungen, den oft unstillbaren Zug zur Romantik, die heiße Sehn­sucht nach dem Komödianten um der „fahrenden Leute“ aufzuzeigen, die auch in unserer ein wenig nüchtern und staubtrocken gewordenen Gegenwart, gerade im Milieu des in sich gefestigten Bürgertums, trotz aller scheinbarer Selbstzufriedenheit unter der Oberfläche einer dünnen Eisschicht flammt und glüht. Die Nebenfiguren des Romans sind dem Helden und Meister gegenüber durchweg zu kurz gekommen. Sie haben aus der Hand ihres geistigen Vaters sozusagen nur psychologische Strapazkleider aus dem Basar bezogen, ohne daß ihnen vorher sorgfältig Maß genommen worden wäre. Dafür entschädigt die Sorgfalt, mit welcher der Meister selbst in seinem ganzen Tun und Lassen eine liebevolle psychologische Deutung von geradezu wissenschaftlicher Gründlichkeit erfahren hat. Das Buch Angels zählt jedenfalls zu den beachtenswerten Her­vorbringungen der Wiener Romanliteratur der letzten Jahre, nicht zuletzt auch deshalb, weil es, ohne je zum Schlüsselroman auszuarten, unverkennbare Wiener Typen vor Augen führt und bei allem Ehrgeiz, ein gesellschaftliches Problem zu gestalten, eine spannende, geschickt exponierte und ernsthaft durchgeführte Hand­lung enthält.

In: Moderne Welt, H.12/1923, S. 9.